Schutz vor HIV-Infektion Zwei Pillen vor dem Sex, zwei Pillen danach

Wer gezielt antiretrovirale Medikamente vor und nach dem Sex schluckt, kann sich vor einer Ansteckung mit HIV schützen. Das hat eine Studie mit homosexuellen Männern gezeigt.
Truvada-Pille (Archivbild): Medikament bekämpft HI-Viren und kann dadurch auch Infektionen verhindern

Truvada-Pille (Archivbild): Medikament bekämpft HI-Viren und kann dadurch auch Infektionen verhindern

Foto: Paul Sakuma/ AP

Das HI-Virus hat heute einen Gegner. Antiretrovirale Medikamente können den Erreger zwar nicht aus dem Körper löschen, aber so weit in Schach halten, dass er sich in Blut, Scheidenflüssigkeit und Sperma nicht mehr finden lässt. Und nicht nur das: Die Mittel können auch Gesunde davor schützen, sich mit dem Virus zu infizieren.

Forscher konnten jetzt zeigen, dass sich diese Schutzfunktion einfacher nutzen lässt als bislang gedacht. Laut ihrer Studie mit 400 homosexuellen Männern ist es nicht notwendig, das Medikament wie bei einer HIV-Therapie täglich zu schlucken. Stattdessen reicht es aus, die Pillen gezielt vor und nach dem Sex einzunehmen.

Um das zu untersuchen, suchte die Forschergruppe um Jean-Michel Molina vom Hopital Saint-Louis in Paris gezielt nach Männern mit einem sehr hohen Infektionsrisiko, die in Kanada oder Frankreich lebten. In die Studie aufgenommen wurde nur, wer innerhalb der vergangenen sechs Monate ungeschützten Analsex mit mindestens zwei verschiedenen Männern hatte.

86 Prozent geringeres Infektionsrisiko

Alle Teilnehmer wurden zu Beginn der Studie beraten, erhielten aber neben den üblichen Kondomen und Gleitgel noch eine Packung Pillen. Innerhalb von 2 bis 24 Stunden vor dem Sex sollten zwei Tabletten geschluckt werden, so die Anweisung. 24 Stunden später sollte eine weitere Tablette folgen, noch einmal 24 Stunden später eine vierte. Wer in der Zeit wieder Sex hatte, schluckte die Tabletten einfach länger.

Im Schnitt kamen so alle Versuchsteilnehmer auf 15 Pillen pro Monat, allerdings erhielten nicht alle dieselben Tabletten. Während die eine Hälfte tatsächlich das HIV-Medikament Truvada einnahm, hatte die andere Hälfte nur ein wirkungsloses Scheinmedikament. Weder Ärzte noch Studienteilnehmer wussten, wer das HIV-Medikament nahm und wer das Placebo. Am Ende aber zeigte sich ein deutlicher Unterschied.

In den neun Monaten, in denen die Forscher ihre Studienteilnehmer im Schnitt begleiteten, erkrankten in der Medikamenten-Gruppe 2 von 199 Teilnehmern. Beide hatten die Tabletten nicht eingenommen, bestätigten sie. In der Placebo-Gruppe hingegen infizierten sich 14 der 201 Personen. Statistisch gesehen senkte das Medikament das Ansteckungsrisiko im Vergleich zum Placebo um 86 Prozent, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie "New England Journal of Medicine" .

WHO empfiehlt vorbeugende Einnahme bereits

Bestätigen sich die Ergebnisse in länger dauernden Untersuchungen, könnte das einen der größten Knackpunkte der vorbeugenden Einnahme von HIV-Medikamenten lösen. Der Schutzeffekt der Medikamente war in Studien, in denen die Teilnehmer die Pillen täglich schlucken mussten, oft deutlich geringer als in der aktuellen Untersuchung. In zwei neueren Studien konnten Forscher sogar gar keinen Vorteil der Medikamente nachweisen.

Dafür gibt es wahrscheinlich einen einfachen Grund: Als Gesunder ist es sehr schwer, sich jeden Tag zu motivieren, ein Medikament zu nehmen. Hinzu kommt das Risiko für Nebenwirkungen. Auch in der jetzigen Studie litten die Medikamenten-Schlucker häufiger unter Magen-Darm-Problemen wie Übelkeit oder Durchfall und leichten Nierenproblemen als die Placebo-Schlucker.

Hinzu kommt, dass eine seltenere Einnahme die Kosten der Therapie deutlich senkt - und eine weitere Verbreitung der Methode realistischer macht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt schon heute in ihren Richtlinien, allen Gesunden mit einem sehr hohen Infektionsrisiko eine vorbeugende antiretrovirale Therapie anzubieten. Die USA setzen dies bereits um, dort wird fast 500.000 Gesunden geraten, vorbeugend HIV-Medikamente zu schlucken.

Trotzdem darf auch eine andere Botschaft nicht untergehen: Kondome bieten noch immer die einfachste und kostengünstige Möglichkeit, sich vor einer Infektion zu schützen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass nicht jeder Safer Sex praktiziert. Umso wichtiger ist es, auch Kondom-Alternativen zu schaffen, bis hoffentlich irgendwann eine wirksame HIV-Impfung existiert.

irb
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