Aids Warum manche Kinder trotz HIV gesund bleiben

Bis zu zehn Prozent der Kinder entwickeln kein Aids, obwohl ihre Mutter sie mit HIV infiziert hat. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass ihr Körper das Virus zwar nicht unterdrücken, dafür aber tolerieren kann.

HI-Virus und rote Blutkörperchen (künstlerische Darstellung)
imago/ Science Photo Library

HI-Virus und rote Blutkörperchen (künstlerische Darstellung)


Sie sind mit dem HI-Virus infiziert, trotzdem erkranken sie nicht an Aids: Ein internationales Forscherteam hat eine Gruppe südafrikanischer Kinder untersucht, auf die das zutrifft. Demnach schützen besondere Immunzellen den Körper der Kinder vor einem Ausbruch der Krankheit.

Die insgesamt 170 Teilnehmer der Studie erhielten keine antiretrovirale Therapie - also keine Behandlung, die das HI-Virus in ihrem Körper unterdrückt. Offenbar übernahm auch ihr Immunsystem diese Aufgabe nicht. Die Kinder hatten trotz fehlender Krankheitssymptome eine recht hohe Virenlast im Blut, schreibt das Team um Philip Goulder von der University of Oxford im Fachblatt "Science Translational Medicine".

HIV: In 99 Prozent zu Aids

Die Wissenschaftler sehen bei dem Phänomen Parallelen zu manchen Affenarten, die ohne größere Probleme mit dem SI-Virus (Simianes Immundefizienz-Virus) leben, dem Vorläufer von HIV. SIV betrifft etwa 40 Primatenarten. Bei manchen haben sich Virus und Wirt so sehr aneinander angepasst, dass der Erreger den Tieren kaum etwas anhaben kann.

So entwickeln etwa Rußmangaben, im westlichen Afrika verbreitete Affen, keine größeren Beschwerden trotz einer Infektion. Beim Menschen hingegen führt HIV in 99 Prozent der Fälle ohne Therapie auf Dauer zu Aids. Bei Erwachsenen dauert dies im Mittel etwa zehn Jahre, bei kleinen Kindern ist der Verlauf gewöhnlich wesentlich schneller - allerdings mit auffälligen individuellen Unterschieden.

Die 170 Kinder in der Studie waren sechs bis zehn Jahre alt. Sie hatten sich bei ihren Müttern angesteckt und trotz ausbleibender Therapie bis zum Zeitpunkt der Untersuchung kein Aids entwickelt. Es lässt sich allerdings nicht ausschließen, dass sie im Laufe nochihres Lebens noch erkranken werden. Die Forscher schätzen, dass bis zu zehn Prozent aller mit HIV geborenen Kinder anfangs diese pädiatrische nicht fortschreitende Form entwickeln.

Bis zu zehn Prozent der infizierten Kinder ohne Aids

Bei detaillierten Analysen zeigte sich, dass die Kinder eine hohe Anzahl von CD4-Zellen besitzen - diese bilden das Hauptangriffsziel des HI-Virus. Gleichzeitig hatten sie auch eine beträchtliche Virenlast von knapp 26.000 Kopien des Erregers pro Milliliter Blut. Zudem war ihr Immunsystem kaum aktiviert.

Damit unterschieden sich die Ergebnisse der Kinder von denen einer bereits bekannten Gruppe Menschen, den sogenannten Elite Controllern, bei denen die Infektion nicht oder kaum fortschreitet. Grund dafür sind bei ihnen bestimmte Protein-Varianten, die die Virusvermehrung wirksam kontrollieren. Außerdem bleibt bei ihnen anders als bei den Kindern die Körperabwehr aktiviert.

Die Reaktion der Kinder ähnele stattdessen jener der SIV-infizierten Rußmangaben, schreibt das Team. Die Affen entwickeln ebenfalls eine hohe Virenlast, ohne zu erkranken. Eine weitere Parallele: Die CD4-Zellen der Kinder tragen auf der Oberfläche weniger CCR5-Rezeptoren, die ein wichtiges Einfallstor des Virus sind.

Erreger tolerieren statt unterdrücken

Der Grund für die Widerstandsfähigkeit der Kinder liegt offenbar auch darin, dass verschiedene Typen von CD4-Zellen mit unterschiedlicher Funktion und Lebensdauer in verschiedenem Maße infiziert waren. Beides zusammen lege nahe, dass die Mechanismen denen gleichen, die manche Primaten über Jahrtausende entwickelt hätten, schreibt das Team.

"Das Kollektiv ist einmalig, und so etwas ist bislang noch nicht beschrieben worden", sagt der Immunologe Jürgen Rockstroh von der Uniklinik Bonn. "Das heißt, dass es nicht unbedingt die Virusmenge im Körper ist, die den Verlauf vorantreibt."

"Die Studie zeigt, dass es verschiedene Wege gibt, mit der HIV-Infektion umzugehen", sagt der Virologe Frank Kirchhoff von der Uniklinik Ulm. "Während die Elite Controller das Virus kontrollieren, können diese Kinder den Erreger tolerieren. Bei ihnen befällt das Virus vorwiegend CD4-Zellen mit kurzer Lebensspanne."

Zusammen mit US-Kollegen hatte Kirchhoff vor zwei Jahren eine Gruppe von HIV-positiven Erwachsenen mit ähnlichem Verlauf beschrieben. Bei Erwachsenen sei dies jedoch äußerst selten, betont der Virologe.

irb/dpa



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