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21. November 2012, 18:37 Uhr

Uno-Bericht

Die Verlierer im Kampf gegen Aids

Von Thomas Wagner-Nagy

Weniger Kinder infizieren sich mit HIV, mehr Bedürftige erhalten Medikamente. Zwar feiern die Vereinten Nationen ihren jährlichen Aids-Bericht als großen Erfolg. Doch der Kampf gegen Aids ist noch lange nicht gewonnen. Denn es gibt auch Rückschritte - vor allem in wohlhabenderen Ländern.

Im Jahr 2011 infizierten sich weltweit 330.000 Kinder mit dem HI-Virus - das sind 24 Prozent weniger als noch 2009. Immer besser gelingt es, die Übertragung des Erregers von einer Mutter auf ihr Kind zu verhindern. Auch deshalb ist die Zahl der Neuinfektionen im Vergleich zu 2001 um 700.000 gesunken. Diese Zahlen waren Anlass für den Direktor des Programms der Vereinten Nationen zur Aids-Bekämpfung (Unaids), anlässlich der Vorstellung des Undaids-Jahresberichts am Dienstag in Genf von einem großen Erfolg zu schwärmen: "Die Geschwindigkeit des Fortschritts beschleunigt sich - wofür man früher ein Jahrzehnt gebraucht hat, wird jetzt in 24 Monaten erreicht", sagte Michel Sidibé.

Dennoch geben die aktuellen Zahlen im jährlichen Undaids-Bericht keine klare Antwort auf die Frage, ob die Menschheit den Kampf gegen die Krankheit langfristig gewinnt. Denn weltweit tragen schätzungsweise 34 Millionen Menschen das Immunschwäche-Virus in sich.

Zwar können dank verbesserter Therapien mehr Infizierte überleben. Besonders ärmere Regionen hätten vom verstärkten Einsatz von Medikamenten profitiert, heißt es in dem Bericht: "Seit 1995 hat die antiretrovirale Therapie 14 Millionen Lebensjahre in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gerettet, darunter 9 Millionen im Afrika südlich der Sahara." Etwa acht Millionen Menschen erhalten demnach lebensrettende Medikamente, wobei immer noch etwa sieben Millionen bedürftige Menschen keine Behandlung bekommen.

Todesfälle in Osteuropa, Zentralasien und Nordafrika steigen

Bei Kindern ist die Situation schlechter: 72 Prozent derer, die Medikamente benötigen, bekommen keine. Afrika ist noch immer der am stärksten von Aids betroffene Kontinent. Jedoch konnte die Zahl der durch die Krankheit ausgelösten Todesfälle in den vergangenen fünf Jahren um ein Drittel reduziert werden. Weltweit starben 1,7 Millionen Menschen an den Folgen von Aids. Das sind 24 Prozent weniger als noch 2005. Doch im selben Zeitraum stieg die Zahl der Todesfälle in Osteuropa um 21 sowie in Zentralasien und Nordafrika um jeweils 17 Prozent an.

Um die Verbreitung der Krankheit einzudämmen, ist Aufklärung unerlässlich. Diesbezüglich gibt der Bericht Grund zur Sorge: In 26 der 31 Länder, in denen man von einer Epidemie spricht, haben Umfragen ergeben, dass weniger als die Hälfte der jungen Frauen ausreichend über HIV und den Schutz durch Kondome aufgeklärt war. Auch wenn Aufklärungskampagnen durchgeführt werden, sei es schwierig, deren Erfolg genau zu messen.

"Wichtiger noch als solche Kampagnen ist es, die Risikogruppen stärker in den Fokus zu rücken", sagt Bernhard Schwartländer, strategischer Direktor bei Unaids. Damit ließen sich ansteigende Infektionsraten in einigen Regionen erklären. "In Osteuropa und Zentralasien sehen wir keine politische Bereitschaft, sich schwierigen Entscheidungen zu stellen, die dortigen Programme sind daher absolut ineffektiv", beklagt der Epidemiologe.

So investiere Russland zwar viel Geld in die Bekämpfung von Aids. Es gebe aber kaum spezifische Programme für die am stärksten gefährdete Gruppe: Drogensüchtige, Prostituierte und homosexuelle Männer. "Jeder liebt kleine Kinder. Sie vor HIV zu schützen, ist populär und zieht keinen gesellschaftlichen Disput mit sich. Gruppen, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm stehen, werden dagegen vernachlässigt", sagt Schwartländer. Bei diesen Risikogruppen herrsche der größte Nachholbedarf, obwohl viele der betroffenen Länder finanziell vergleichsweise gut dastehen.

Millennium-Ziel schwer zu erreichen

Im vergangenen Jahr infizierten sich insgesamt 2,5 Millionen Menschen neu mit dem HI-Virus. 1,4 Millionen erhielten erstmals lebensrettende Behandlungen. "Das Tempo des gegenwärtigen Fortschritts reicht nicht aus, um das globale Ziel, die sexuelle Infektionsrate bis 2015 zu halbieren, zu erreichen", warnen die Verfasser des Berichts. Auch Schwartländer ist skeptisch, da die Risikogruppen weiter vernachlässigt werden.

Der zweite Teil des sogenanntes Millennium Goals sieht vor, dass bis 2015 alle 15 Millionen bedürftigen Menschen eine Therapie erhalten sollen. Hier ist Schwartländer optimistischer: Dieses Ziel sei "mit großer zusätzlicher Anstrengung" erreichbar. Dazu müsste man aber Behandlungsmöglichkeiten schaffen, die nicht an hochspezialisierte Krankenhäuser und entsprechend hohe Kosten gebunden sind. So könnten beispielsweise einfache Behandlungen auch von speziell ausgebildeten Krankenschwestern direkt in betroffenen Dörfern durchgeführt werden.

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