Hochsensible Menschen Das unerträgliche Hämmern des Uhrzeigers

Stell dich nicht so an? Die Umwelt belastet hochsensible Menschen stärker als andere - sie ermatten schneller, Geräusche schmerzen. Dabei kennen viele nicht mal die Gründe für ihr Problem.
Ohne Filter: Übersteigerte Wahrnehmung von Lärm

Ohne Filter: Übersteigerte Wahrnehmung von Lärm

Foto: Corbis

"Wenn mehrere Menschen gleichzeitig reden, dann geht die Belastung für mich ins Unerträgliche." So beschreibt Werner D. sein Empfinden. Mit dem Phänomen Hochsensibilität hat er schon lange zu tun. Bereits als Kind erkannte D., dass er anders tickt. "Ich nahm mir Dinge viel mehr zu Herzen." Eindrücke verarbeitet er stärker, sie treffen Hochsensible ohne Filter. Geräusche sind lauter, Gerüche intensiver. Resultat im Alltag: Hochsensible ermatten schneller und als anstrengend empfundene Situationen können sie überfordern.

Eine anerkannte Diagnose ist Hochsensibilität nicht. Es handelt sich auch nicht um eine Erkrankung. Betroffene verarbeiten vermutlich Reize im Gehirn anders als durchschnittlich sensible Menschen.

Infolgedessen hören sie oft, dass sie sich nicht so anstellen sollen, dabei wissen viele lange Zeit gar nichts von der Ursache für ihre erhöhte Aufnahmefähigkeit. Ein einheitliches Diagnoseverfahren gibt es nicht, über Fragebögen , etwa von Selbsthilfegruppen, lässt sich aber eine grobe Einschätzung erzielen. Das Internet bietet Hilfsangebote für hochsensible Menschen auf den Webseiten hochsensibel.org  oder zartbesaitet.net .

Der Begriff Hochsensibilität etablierte sich 1997. Die US-Forscherin Elaine N. Aron benannte ihn. Drei Jahre später befassten sich chinesische Forscher mit den Ursachen der Hochsensibilität, 480 Studenten wurden untersucht. Ihre Hypothese: Das Phänomen ist erblich bedingt. Das Ziel der Studie  war es, die Beziehung zwischen Hochsensibilität und genetischen Variationen im Dopaminsystem zu verstehen. Ergebnis: Die Gene sind zumindest mitverantwortlich.

Mehr Details, mehr Reize und mehr Zeit

Im selben Jahr wiesen Forscher der New Yorker State Universität und der Universität Peking "neurologische Besonderheiten" bei Hochsensiblen nach: Sie zeigten 16 chinesischen Studenten  eine Serie von Landschaftsbildern in leicht bis deutlich abgeänderter Version. Die Probanden sollten die Veränderungen finden und benennen. Dabei zeichneten die Forscher die Hirnaktivität mittels Magnetresonanztomografie (MRT) auf. Bei den Hochsensiblen waren Netzwerke aktiver, die mit visueller Aufmerksamkeit und Augenbewegungen in Verbindung stehen. Die Deutung der Forscher: Die Hochsensiblen achten stärker auf Details und brauchen bei der Reizverarbeitung mehr Zeit. Auch eine Versuchsreihe , bei der die Reaktion der Probanden auf Fotos des Partners und auf Bilder von Fremden analysiert wurde, kam zu ähnlichen Ergebnissen.

Für Werner D. ist seine besondere Wahrnehmung auch belastend. "Manche Gerüche nehme ich fast schon körperlich wahr." So kann für ihn "ein Parfüm schon zu viel" sein, sagt der Berufsmusiker - der gesteigerte Geruchssinn kann auch bei der Arbeit anstrengend werden. "Wenn vor mir an einem Instrument gespielt wurde, muss ich das Instrument reinigen, um den starken Geruch zu tilgen."

Auch seine Frau, eine ehemalige Sozialpädagogin, kennt solche Probleme. "Vor zwei Jahren begriff ich, dass ich hochsensibel bin. Geahnt habe ich es schon immer. Als Kind war ich das 'Träumerle'. Ich habe immer mehr mitbekommen, mehr nachgedacht. Das kostete Kraft und erschöpfte mich." Resultat: ein Burnout-Syndrom. Heute versucht sie, ihre Grenzen früher zu erkennen und gönnt sich Pausen.

Dann berichtet ihr Mann von einem Hospitalaufenthalt: "Im Zimmer baute mein Nachbar seinen Wecker auf. Nach zwei Minuten war das Ticken für mich unerträglich laut. Ich wusste: Das halte ich tagelang nicht aus. Es sind Dinge, die andere Menschen nicht wahrnehmen, die mich schon ziemlich nerven können." Immerhin baute der Bettnachbar den Wecker wieder ab.

"Hochsensible brauchen mehr Freiräume"

Auch Therapeuten befasse sich mit dem Problem - etwa Valentin Eisch aus Rheinbach. Er kann Hochsensible nicht von ihren überaktiven Sinnen befreien. Aber er hilft ihnen beim besseren Umgang mit ihrer Fähigkeit. "Die spezielle Aufnahmebereitschaft führt dazu, dass Eindrücke intensiver verarbeitet und reflektiert werden. Um diese in Ruhe zu verarbeiten, benötigen sie mehr Freiräume", sagt er.

Oft hätten Hochsensible auch das Gefühl, ihren Mitmenschen etwas Gutes tun zu wollen, sagt Eisch. Das könne ins Aufopferungsvolle abdriften und ebenfalls zu Erschöpfung führen. "Eigene Grenzen werden dabei nicht oder zu spät erkannt." Werner D. hat gelernt, mit seiner "Gabe", wie er sie nennt, zu leben. Doch für andere Menschen kann sie zum Fluch werden.