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17. Juli 2013, 12:59 Uhr

Homöopathie

"Unbedenklichkeit muss nicht nachgewiesen werden"

Warum ist das Wunddesinfektionsmittel Mercurochrom nicht mehr zugelassen - homöopathische Quecksilber-Verdünnungen dagegen schon? Pharmazie-Professor Jörg Breitkreutz erklärt, welchen Sonderstatus Homöopathiemittel haben.

SPIEGEL ONLINE: Vor zehn Jahren gab es noch das Wunddesinfektionsmittel Mercurochrom, dann verschwand es vom Markt, heute kann man das Mittel wieder kaufen. Wie ist diese merkwürdige Karriere des Medikaments zu erklären?

Jörg Breitkreutz: Das ursprüngliche Mercurochrom war hocheffektiv, ich habe es auch benutzt. Es enthielt aber als Bestandteil des Wirkstoffs Quecksilber, das heute als gesundheitlich bedenklich gilt. Es wurde deshalb vom Markt genommen. Wenn sie heute "Mercuchrom" kaufen, bekommen Sie etwas völlig anderes: Eine Povidon-Iodlösung. Die Tinktur ist weniger wirksam als früher - aber sie ist auch unschädlicher.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Wirkung?

Breitkreutz: Das Spektrum der Keime, die mit dem Arzneimittel bekämpft werden können, hat sich verändert. Das enthaltene Jod wird aus dem Polymer Povidon langsam freigesetzt, die Quecksilbersalze dagegen wirkten sofort, deshalb hat die ursprüngliche Tinktur so gut funktioniert. Das Knie war orange, aber es war sauber.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt?

Breitkreutz: Dauert es länger, bis die Keime abgetötet sind. Es kommt auf den Keim an, aber manche können noch Stunden überleben. Auch beim Mercurochrom gab es früher einzelne Keime, die überlebt haben. Beim Jod sind es andere. Allerdings, so ehrlich müssen wir sein, testet ja kein Arzt, welche Keime in einer Wunde sind, bevor er ein Wundantiseptikum aufträgt. Wir tragen auf und hoffen, dass es funktioniert. So ist es aber bei allen Rezepturen, die wir uns auf die Haut schmieren. Wenn es nicht funktioniert, gehen wir wieder zum Arzt. Von daher wird diese Veränderung der Inhaltsstoffe vom Mercuchrom in der Regel keine dramatischen Konsequenzen haben, aber es ist verwirrend für den Verbraucher.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sein, dass man sich als Anwender des alten Mercurochroms einer schädlichen Quecksilber-Belastung ausgesetzt hat?

Breitkreutz: Mir ist keine Studie zu dem Thema bekannt. Der Nachweis, dass Quecksilber im Körper auf Mercurochrom zurück geht, wäre auch kaum zu führen. Das Schwermetall kommt ja auch sonst in der Umwelt vor.

SPIEGEL ONLINE: Das Quecksilber im Wundantiseptikum wurde verboten - dagegen kann man das homöopathische Arzneimittel "Mercurius solubilis" weiterhin kaufen, eine Quecksilber-Verdünnung - warum?

Breitkreutz: Homöopathische Arzneimittel benötigen lediglich eine Registrierung beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Wegen der hohen Verdünnung der Wirkstoffe und dem homöopathischen Wirkprinzip - "Gleiches mit Gleichem heilen" - geht man grundsätzlich von der Unbedenklichkeit für den Verbraucher aus, ohne dass dies mit Daten zu belegen ist.

SPIEGEL ONLINE: Man geht davon aus, dass es keine Nebenwirkung gibt, weil man ohnehin nicht von einer Wirkung ausgeht?

Breitkreutz: Alle homöopathischen Produkte, die in den Apotheken verkauft werden, haben keinen Wirksamkeitsnachweis - sie werden überhaupt nicht klinisch geprüft. Sie waren auch 2004 ausgenommen, als für alle anderen Medikamente klinische Studien vorgelegt werden mussten, um sie weiter verkaufen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, ich könnte einfach anfangen, homöopathische Arzneimittel herzustellen und zu verkaufen?

Breitkreutz: Ein homöopathisches Arzneimittel kann jeder von uns produzieren, sofern er das unter den pharmazeutisch üblichen Herstellungsbedingungen macht. Er braucht keinen Wirksamkeits- oder Unbedenklichkeitsnachweis. Nicht in allen Ländern, aber in Deutschland. So kommt dann die seltsame Situation zustande, dass ein Quecksilber-haltiges Wunddesinfektionsmittel vom Markt genommen wird und homöopathische Arzneimittel, bei denen Quecksilber als Wirkstoff gilt, noch erhältlich sind.

Das Interview führte Frederik Jötten

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