Homöopathie Globuli helfen nicht, wenn Kinder erkältet sind

Wenn Kinder schniefen und husten, bekommen sie manchmal homöopathische Mittel. Doch das bringt nichts, stellt nun eine Forschergruppe fest.
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Drei bis sechs Erkältungen machen Kinder durchschnittlich pro Jahr durch, im Kindergartenalter sind es häufig noch mehr.

Husten, Schnupfen, erhöhte Temperatur: Die Atemwegsinfekte sind oft eine Geduldsprobe für die ganze Familie. Mit Medikamenten ist den vielen verschiedenen Viren, die Erkältungen auslösen, kaum beizukommen. Zwar sind viele Mittel auf dem Markt. Doch bestenfalls lindern sie die Symptome, machen die verstopfte Nase für eine Weile frei, hemmen oder erleichtern den Husten. Die Dauer der Erkältung verkürzen sie aber nicht.

Weil sie ihren Kindern helfen wollen, greifen Eltern auch zu homöopathischen Mitteln - Tropfen oder Globuli. Hersteller preisen diese zum Beispiel als "sanfte Alternative oder sinnvolle Ergänzung zu anderen Medikamenten" bei Erkältungen an.

Doch helfen die Präparate tatsächlich, eine Erkältung zu verhindern, die Symptome zu lindern oder schneller auszukurieren? Dieser Frage ist jetzt ein Forscherteam der industrieunabhängigen Cochrane Collaboration nachgegangen. Die Organisation hat sich das Ziel gesetzt, den Erkenntnisstand zu medizinischen Therapien systematisch auszuwerten und zusammenzutragen.

Keine Wirkung jenseits des Placebo-Effekts

Ihr Fazit ist deutlich : Die homöopathischen Mittel hätten keine größere Wirkung als ein Placebo - weder bei der Behandlung noch bei der Vorbeugung von Erkältungen bei Kindern. "Das Ergebnis unterstützt den Einsatz homöopathischer Präparate bei oberen Atemwegsinfekten bei Kindern nicht", schreibt das Team um Kate Hawke von der University of Queensland in Brisbane, Australien.

Die Gruppe suchte in verschiedenen Datenbanken nach allen Studien zum Thema, die zwischen 1946 und März 2018 stattfanden. Zusätzlich kontaktierte sie Studienautoren, um mögliche weitere Untersuchungen zu erhalten.

Am Ende konnte das Team acht Versuche auswerten, in denen homöopathische Mittel im Vergleich zu einem Placebo untersucht wurden, wobei weder die behandelnden Ärzte noch die Kinder und deren Eltern wussten, wer welches Präparat erhielt. Insgesamt nahmen an diesen Studien 1562 Kinder und Jugendliche im Alter von bis zu 16 Jahren teil.

Vier der Studien beschäftigten sich damit, wie sich Homöopathika bei der Behandlung von Erkältungen auswirkten. In den anderen vier ging es darum, ob sie den Atemwegsinfekten vorbeugen.

In je zwei Studien zur Behandlung beziehungsweise Vorbeugung erhielten die Patienten individualisierte homöopathische Mittel, in den anderen nicht-individualisierte Präparate.

Oft schließen Gruppen der Cochrane Collaboration ihre Auswertungen damit, dass bestimmte weitere Studien empfehlenswert seien, um eine Behandlung besser einschätzen zu können. Doch Hawke und ihre Kollegen sehen das anders. Forscher und jene, die Studien finanzieren, sollten sich genau überlegen, ob weitere Studien in diesem Gebiet unser Wissen erweitern, schreibt die Gruppe. Ihr Ergebnis decke sich mit früheren systematischen Auswertungen zur Homöopathie, argumentieren die Forscher.

Anders formuliert: Eine Wirkung jenseits des Placebo-Effekts wurde für hochverdünnte Homöopathika bis heute nicht überzeugend belegt, obwohl es viele Studien gibt. Inzwischen darf man es also als sehr unwahrscheinlich einstufen, dass Globuli eine spezifische Wirkung entfalten. Forschungsgelder könnten deshalb in andere Fragen investiert werden.

Und die Wissenschaftler merken an, dass das vom Erfinder der Homöopathie postulierte Wirkprinzip unklar sei.


Die Grundsätze der Homöopathie: Das Verfahren wurde vor rund 200 Jahren von Samuel Hahnemann entwickelt. Er ging davon aus, dass Krankheiten mit Wirkstoffen geheilt werden, die bei Gesunden Symptome hervorrufen, die denen des Patienten ähneln. Diese Wirkstoffe, zum Teil giftige Substanzen wie Quecksilber, werden wiederholt in Flüssigkeit verdünnt. Die Annahme der Homöopathie: Durch Schütteln vor der Verdünnung wird die Kraft des Wirkstoffs verstärkt. Homöopathische Mittel sind unter anderem als Flüssigkeit oder Salbe verfügbar oder als sogenannte Globuli - Zuckerkügelchen, auf welche die verdünnten Lösungen gesprüht wurden. Die Verdünnungen sind oft so hoch, dass sich im fertigen homöopathischen Mittel kein einziges Molekül des Wirkstoffs befindet. Auch eine von Homöopathen angegebene "Energie" des Wirkstoffs lässt sich nicht begründen.

Homöopathische Arzneimittel unterliegen in Deutschland nicht denselben gesetzlichen Anforderungen wie die übrigen Arzneimittel. Sie müssen nicht unbedingt zugelassen werden, sondern können lediglich registriert werden. Dafür muss der Hersteller Qualität und Unbedenklichkeit des Präparats nachweisen und es muss nach den Vorgaben des Homöopathischen Arzneibuchs hergestellt sein. Diese Präparate dürfen aber keine Indikation nennen.


Was also stattdessen tun, wenn das Kind erkältet ist?

Bei unkomplizierten Infekten können Eltern es mit Hausmitteln versuchen: Zwiebelsirup gegen Husten, Salzwasser für eine freie Nase, Wadenwickel bei Fieber. Auch für diese Methoden fehlt der wissenschaftliche Beleg - Hausmittel sind, im Gegensatz zu homöopathischen Mitteln, praktisch nicht erforscht. Doch Ärzte gehen ohnehin davon aus: Eine wichtige Zutat für die Gesundung ist, dass die Kinder die Zuwendung der Eltern spüren.

Wann sollte man zum Arzt?

In den allermeisten Fällen klingen Erkältungen ohne Komplikationen von allein ab. Nur sehr selten folgen auf den Infekt Entzündungen, etwa der Lunge oder des Mittelohrs.

Aufmerken sollten Eltern unter anderem, wenn das Kind hohes Fieber hat, über starke Schmerzen klagt, ganz anders wirkt als sonst oder wenn es nach einer Woche immer noch hustet und schnieft. Dann ist ein Arztbesuch sinnvoll.

Video: Homöopathie - Heilung oder Humbug?

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