Glaubensfrage Homöopathie Meine Kinder bekommen Kügelchen

Bei harmlosen Erkrankungen verabreichen viele Eltern ihren Kindern Kügelchen. Dabei gibt es keine wissenschaftlichen Belege, dass Homöopathika besser wirken als Placebos. Viele Mütter und Väter glauben trotzdem daran. Warum nur?
Homöopathische Mittel lösen Kontroversen aus - vor allem wenn es um Kinder geht

Homöopathische Mittel lösen Kontroversen aus - vor allem wenn es um Kinder geht

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Homöopathie ist Quatsch. Das sieht jedenfalls Sarah so, meine Freundin. Sie glaubt an eine einzige große, von der Wirtschaft gesteuerte Lügenblase, wenn es um Kügelchen in verschiedenen Potenzen geht.

Aber: Sarah hat drei Kinder, und eines davon hustet. Andauernd. Und weil es die anderen Kinder im Kindergarten stört - oder die Erzieher nervt - setzen sie Sarah unter Druck. "Geh doch mal zum Heilpraktiker", sagen sie. Und: "Hast du es schon mal mit Kügelchen probiert?" Nein, habe ich nicht, möchte sie entgegnen, weil es für die Wirkung von Homöopathie keinen einzigen ernstzunehmenden Beweis gibt.

Aber Sarah sagt das nicht. Sie will ihre Ruhe haben. Also geht sie, entgegen ihrer Überzeugung, zur Heilpraktikerin. Vielleicht auch, um im Anschluss sagen zu können: Ja, wir haben alles versucht, aber leider haben wir gegen den Husten kein Mittel gefunden. Doch plötzlich gibt es da die Wende. Je öfter sie mit ihrer Tochter zur Heilpraktikerin geht, desto besser wird der Husten.

Völlig irrwitzige Annahmen

Wie kann das sein? Edzard Ernst versucht, das zu beantworten. Er begann seine Karriere im Münchner Krankenhaus für Naturheilwesen, baute im britischen Exeter den Lehrstuhl für Komplementärmedizin auf und gilt heute als einer der führenden kritischen Forscher auf dem Gebiet der sanften Heilmethoden. Seit 20 Jahren widmet er sich ihrer Erforschung.

Im Grunde stimmt er Sarah zu. Die Homöopathie sei Quatsch, sagt er, weil ihre Grundlagen auf "völlig irrwitzigen Annahmen beruhen und weil die aussagekräftigsten Studien ihre Wirksamkeit nicht aufzeigen". Es gebe inzwischen über 220 klinische Studien, und die methodisch besten davon zeigten nicht, dass Homöopathika einem Placebo überlegen seien.

Was bei der Homöopathie wirke, das sei lediglich die empathische Konsultation, aber nicht das Homöopathikum. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Sarah. Auch sie vermutet, dass ihrer Tochter die Aufmerksamkeit hilft, die ihr die Heilpraktikerin schenkt. Zehn, zwanzig Minuten nur für das Mädchen. Ohne dass der große Bruder es schubst oder der kleine ihm die Show stiehlt. Wichtige Minuten mit Hingabe und Zuwendung. Hätte Sarah das auch ohne die Besuche bei der Heilpraktikerin herausbekommen - dass ihr Kind vielleicht hustet, weil es im ständigen Gewusel der Geschwister manchmal zu kurz kommt?

Ernst bezeichnet die Behandlung mit homöopathischen Mitteln auch als "Mini-Pseudo-Psychotherapie". "Empathie und Hingabe sind Kennzeichen jeder guten Medizin. Wenn sie fehlen, ist es schlechte Medizin - egal ob Neurologie, Gynäkologie oder Naturheilkunde", hatte Ernst in einem SPIEGEL-WISSEN-Gespräch gesagt. Heilpraktiker führen Gespräche, bei denen sich der Patient verstanden und schon deshalb besser fühlt, sagen viele. Die Schulmedizin gilt dagegen als unpersönlicher.

Täuschende Wirkung

"Wir lassen uns relativ einfach täuschen", sagt Ernst. "Wenn wir nach einer homöopathischen Behandlung Besserung verspüren, dann kann sie durch sehr viele Faktoren bewirkt worden sein: Placebo, die Tatsache, dass viele Symptome von allein verschwinden, andere Maßnahmen, die wir gleichzeitig eingesetzt haben." Viele Krankheiten verlaufen außerdem gutartig, sie bessern sich auch ohne Therapie. "Man kann das als 'heilende Kräfte' einordnen oder als den natürlichen Verlauf einer Erkrankung", so Ernst. "Ich bevorzuge letzteren Begriff."

Im letzten Sommer wurde mein Sohn vor der Eisdiele von einer Wespe in den Hals gestochen. Ich hastete mit ihm im Kinderwagen zur Not-Apotheke. Dort gab man mir Apis, ein Homöopathikum, in dem das Gift der Honigbiene in hoher Verdünnung stecken soll. Skeptisch verabreichte ich dem Kleinen die Kügelchen. Doch der Stich schwoll nach der Gabe nicht einmal an. "Einzelfälle können niemals Beweiskraft haben", sagt Edzard Ernst dazu. "Wir wissen nie, was ohne Homöopathikum passiert wäre." Mein Sohn könnte schließlich auch ohne Intervention eine milde Reaktion auf den Wespenstich gehabt haben, weil vielleicht der Stachel nicht tief genug eingedrungen war.

Das mag sein. Wie viele Mütter und Väter glaube ich aber trotzdem - ein bisschen - an das, was ich bei meinem Sohn gesehen habe. Apis-Kügelchen habe ich seither für den Notfall immer dabei. Zu meiner Beruhigung. Schaden kann es ja nicht, das sagen auch die Wissenschaftler. Als Sarahs Sohn kurze Zeit später auch gestochen wird, krame ich die Kügelchen hervor. Zwar glaubt sie noch immer nicht wirklich an ihre Wirkung. Dennoch gibt sie ihrem Kind eines. Der Stich schwillt nicht an. Noch ein Einzelfall?

ZUR AUTORIN
Foto: Nathalie Dampmann/ www.ndsign.de

Lisa Harmann ist freie Journalistin und schreibt über Menschen, Gesellschaft und Familien. Die Mutter dreier Kinder lebt in einem Drei-Generationen-Haus bei Köln. Sie glaubt, dass sich unser Verständnis für Gesundheit bereits mit dem Kinderwunsch verändert.

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