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06. Dezember 2016, 11:57 Uhr

Homöopathie-Berichterstattung

"Aus meiner Sicht ist das Pharmawerbung"

Ein Interview von

"Heilt Millionen Deutsche", "Alles wird gut": Berichten Frauenzeitschriften über Homöopathie, geraten sie ins Schwärmen. Ex-Homöopathin Natalie Grams erklärt, wie dabei Missverständnisse zementiert werden.

Zahlreiche Frauenzeitschriften loben in ihren Artikeln frei verkäufliche Arzneimittel, Markenartikel werden dabei auffallend oft genannt - das zeigt eine Auswertung von 13 verschiedenen Titeln, die SPIEGEL ONLINE veröffentlicht hat. Oft gesellen sich zu den Texten Anzeigen der jeweiligen Hersteller.

Am zweithäufigsten erwähnen die Zeitschriften Präparate der Deutschen Homöopathie-Union (DHU). Homöopathische Arzneimittel anderer Hersteller finden ebenfalls Erwähnung, darunter welche von Heel, Pflüger, Klosterfrau und PharmaFGP. In fast jeder der 65 Zeitschriften-Ausgaben, die in die Auswertung einflossen, wird über Homöopathie berichtet. Dabei wird sie durchweg positiv dargestellt.

SPIEGEL ONLINE hat mit Natalie Grams über diese Berichte gesprochen. Sie hat als homöopathische Ärztin gearbeitet und klärt heute beim"Informationsnetzwerk Homöopathie" über die Methode auf

SPIEGEL ONLINE: Frau Grams, Sie haben sich gut ein Dutzend der Beispiele angesehen, wie Frauenzeitschriften und Yellow Press über Homöopathie berichten. Welchen Eindruck haben Sie?

Grams: Ich bin schockiert. Die Berichte sind nicht als Pharmawerbung gekennzeichnet, dabei sind sie aus meiner Sicht genau das. Es wird gern der Eindruck vermittelt, Globuli wachsen an Biobäumchen und werden der Allgemeinheit geschenkt. Das stimmt nicht! Sie werden von Pharmaunternehmen produziert, die damit Geld verdienen. Diese Firmen profitieren, wenn positiv über eigentlich wirkungslose Zuckerkügelchen geschrieben wird. Dass Journalisten solche Artikel verfassen, finde ich höchst fragwürdig.


2015 wurden in Deutschland nach Angaben des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller rund 595 Millionen Euro mit homöopathischen Arzneimitteln umgesetzt - knapp 13 Prozent mehr als im Jahr zuvor.


SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen beim Lesen aufgefallen?

Grams: Die Texte sind geschickt aufgebaut. Es wird immer betont, wie sanft, natürlich, ganzheitlich die Homöopathie angeblich ist. Zusätzlich kommt ein Experte zu Wort, der dem Gewicht verleiht. Es ist alles so schön warm und weich - und erscheint gleichzeitig fundiert. Das stärkt den Glauben an die Homöopathie. Dabei zeigt die überwiegende Anzahl gut gemachter Studien, dass Globuli nicht besser wirken als eine Scheintherapie.


Die Grundsätze der Homöopathie: Das Verfahren wurde vor rund 200 Jahren von Samuel Hahnemann entwickelt. Er ging davon aus, dass Krankheiten mit Wirkstoffen geheilt werden, die bei Gesunden Symptome hervorrufen, die denen des Patienten ähneln. Diese Wirkstoffe, zum Teil giftige Substanzen wie Quecksilber, werden wiederholt in Flüssigkeit verdünnt. Die Annahme der Homöopathie: Durch Schütteln vor der Verdünnung wird die Kraft des Wirkstoffs verstärkt.

Homöopathische Mittel sind unter anderem als Flüssigkeit oder Salbe verfügbar oder als sogenannte Globuli - Zuckerkügelchen, auf welche die verdünnten Lösungen gesprüht wurden. Die Verdünnungen sind oft so hoch, dass sich im fertigen homöopathischen Mittel kein einziges Molekül des Wirkstoffs befindet. Auch eine von Homöopathen angegebene "Energie" des Wirkstoffs lässt sich nicht begründen.


SPIEGEL ONLINE: Wie groß schätzen Sie den Einfluss der Medien auf die Verbreitung der Homöopathie ein?

Grams: Als Ärztin weiß ich, wie es in der Praxis aussieht. Gerade ältere Patienten bringen oft Medienberichte mit, die sie dann ansprechen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda läuft auf Hochtouren.

SPIEGEL ONLINE: Dann können Sie als Hausärztin doch erklären, warum Homöopathie nicht sinnvoll ist.

Grams: Theoretisch schon, aber welcher Hausarzt hat dafür Zeit? Es geht nicht um ein paar Minuten, man muss es ausführlich erklären.

Außerdem wollen die wenigsten Ärzte der Buhmann sein, der ein Glaubensgebäude einreißt. Nur ein Beispiel: Ein Gynäkologie-Professor hat mir vor kurzem erzählt, wenn seine Patientinnen gegen Wechseljahresbeschwerden ein Homöopathikum nehmen, sagt er ihnen, das sei in Ordnung. Ich halte das für falsch, weil er damit einem wirkungslosen Mittel weitere Glaubwürdigkeit verleiht. Aber für ihn ist die Vorgehensweise einfach und zeitsparend.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Text hat Sie am meisten geärgert?

Grams: Der zu Zappelin aus "Für Sie". Das homöopathische Mittel ist laut Hersteller zur Behandlung von nervösen Störungen mit Unruhe gedacht. Schon der Name weckt eine Assoziation zu ADHS, die Krankheit wird ja oft als "Zappelphilipp-Syndrom" bezeichnet. Es stimmt nicht, wie im Text behauptet, dass die Wirkung von Zappelin durch Studien belegt ist - seriöse klinische Studien dazu fehlen.


Homöopathische Arzneimittel unterliegen nicht denselben gesetzlichen Anforderungen wie die übrigen Arzneimittel. Sie müssen nicht unbedingt zugelassen werden, sondern können lediglich registriert werden. Dafür muss der Hersteller Qualität und Unbedenklichkeit des Präparats nachweisen und es muss nach den Vorgaben des Homöopathischen Arzneibuchs hergestellt sein. Diese Präparate dürfen aber keine Indikation nennen.

Steht auf der Packung eine Indikation, zum Beispiel "Die Anwendungsgebiete leiten sich von den homöopathischen Arzneimittelbildern ab. Dazu gehören: Akute Entzündungen des Hals-, Nasen- und Rachenraums" ist das Mittel nicht bloß registriert, sondern zugelassen.

Aber: Die sonst für eine Medikamentenzulassung verpflichtenden klinischen Studien, die hohen Qualitätsansprüchen unterliegen und einen Wirksamkeitsnachweis erfordern, sind auch dann für homöopathische Arzneimittel in aller Regel nicht vorgesehen. Sie sind nur vorgeschrieben, falls ein Präparat verspricht, die Symptome einer schweren oder lebensbedrohlichen Krankheit zu bekämpfen.


SPIEGEL ONLINE: Bei den anderen Homöopathika fehlt der Beleg für die Wirksamkeit auch. Warum stört Sie Zappelin besonders?

Grams: Weil es ein Mittel für Kinder ist, die nicht selbst über ihre Behandlung entscheiden können.

Gehen wir die beiden möglichen Szenarien durch. Das erste: Das Kind hat tatsächlich ADHS. Dann verzögern die Eltern durch das Experimentieren mit Zappelin möglicherweise, dass ihr Kind die Diagnose erhält und richtig therapiert wird. Bedenkt man, wie belastend ADHS für das Kind selbst und für sein Umfeld ist, ist diese Verzögerung wirklich schrecklich.

Das zweite Szenario: Das Kind ist gestresst und unruhig, hat aber kein ADHS. In diesem Fall kann es doch unmöglich die beste Lösung sein, so weiterzumachen wie bisher und dem Kind zusätzlich ein paarmal am Tag einige Zuckerkügelchen zu geben. Stattdessen sollte man sich Gedanken machen, etwas zu ändern. Vielleicht tut es einem unruhigen Kind gut, eine Sportart zu finden, bei der es seine Energie loswird. Oder man ändert etwas in der Familie.

SPIEGEL ONLINE: Nichts zu ändern und Globuli zu geben, ist aber viel bequemer.

Grams: Eben! Es ist das Grundprinzip der Homöopathie, einfache Lösungen für komplexe Fragen anzubieten. Man muss nichts an sich ändern, man schluckt einfach Globuli - und alles wird gut. So lautet das falsche Heilversprechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie stören sich auch an Formulierungen wie "Die Naturmedizin heilt Millionen Deutsche auf sanfte Weise". Warum?

Grams: Die Beliebtheit der Homöopathie fußt unter anderem auf dem gravierenden Missverständnis, dass sie zur Naturheilkunde gehört. Das ist falsch. Die Artikel klären dies nicht auf, sondern zementieren es weiter. Es wird zum Beispiel von pflanzlichen Inhaltsstoffen gesprochen und die Methode wird als natürlich beschrieben. Aber in den Präparaten sind diese pflanzlichen Inhaltsstoffe aufgrund der extremen Verdünnung überhaupt nicht mehr drin.

SPIEGEL ONLINE: Daraus lässt sich ein Verkaufsargument drehen - die Mittel enthalten "keine Chemie". Zwei Meldungen preisen ein homöopathisches Präparat als "erste natürliche Kopfschmerztablette" beziehungsweise "Bio-Schmerztablette" an. In einem dieser Texte heißt es, viele Deutsche stünden herkömmlichen chemischen Kopfschmerzmitteln skeptisch gegenüber.

Grams: Solche Formulierungen zielen darauf ab, das Vertrauen in die Medizin zu untergraben. Sie wird als pure, wenn nicht sogar schädliche Chemie diskreditiert. Letztlich wirkungslose Pillen werden dagegen als "natürlich und chemiefrei" angepriesen. Wer undifferenziert Angst vor normalen Medikamenten schürt, trägt nicht dazu bei, dass Patienten rundum gut versorgt werden. Er fördert den sogenannten Noceboeffekt, was das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen steigert.

SPIEGEL ONLINE: Die Aussage, dass "die Naturmedizin Millionen Deutsche heilt", beruht auf einer Allensbach-Umfrage. Laut dieser haben 60 Prozent der Deutschen schon Homöopathie verwendet und fast neun von zehn sagen, es habe ihnen geholfen. Warum sind Sie so kritisch - es heißt doch: Wer heilt, hat recht?

Grams: Solche Umfragen beantworten nicht die Frage, ob ein Arzneimittel tatsächlich hilft - sondern, ob es gefällt. Nur weil Sie sich irgendwie besser fühlen, nachdem Sie ein Mittel genommen haben, heißt das noch lange nicht, dass das spezifisch als Medikament gewirkt hat. Waren Sie sowieso schon auf dem Weg der Besserung? Fühlen Sie sich allein dadurch gesünder, dass Sie sich vom Arzt ernst genommen fühlen? Oder war es wirklich das Medikament?

Weil die persönliche Erfahrung allein so wenig aussagt, betreibt die moderne Medizin den großen Aufwand mit klinischen Studien. Und sie hat längst begriffen, dass "wer heilt, hat recht" eben nicht gilt, solange man nicht belegen kann, dass man einem Patienten ursächlich geholfen hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber zumindest sind Zuckerkügelchen harmlos.

Grams: Es gibt Homöopathen, die meinen, sie können chronische Krankheiten wie Diabetes, Asthma oder gar Krebs damit heilen. Das ist nicht harmlos, sondern gefährdet die Gesundheit der Patienten, wenn eine wirksame Behandlung verzögert wird. Auch ist nicht nachvollziehbar, warum wir eine veraltete Scheintherapie in unserer Medizin - und in Zeitschriftenwerbungen - behalten sollten.

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