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13. Juni 2017, 18:41 Uhr

Homöopathie-Kongress in Leipzig

Trommeln für Kügelchen und Tinkturen

Trotz fehlender Wirksamkeitsnachweise zahlen viele Krankenkassen homöopathische Behandlungen. Auf einem Kongress in Leipzig wollen die Heilkundler ihre Methode verteidigen - aber der Widerstand wächst.

Beim Thema Homöopathie scheiden sich die Geister: Während die einen daran glauben, dass die kleinen Zuckerkugeln Krankheitsverläufe beeinflussen können, obwohl kaum Wirkstoff darin enthalten ist, sehen die anderen darin eine unlautere Methode, die vorgibt, heilen zu können, obwohl der wissenschaftliche Beweis dafür nie erbracht wurde.

Für sich genommen sind die meisten homöopathischen Mischungen ungefährlich, eben weil sie kaum Wirkstoff enthalten. Anders gesagt: Ob ein Mensch mit einem harmlosen Schnupfen sie schluckt oder nicht, ist - lässt man die Frage der Kosten außen vor - egal. Denn der Virusinfekt ist so oder so nach zehn Tagen wieder verschwunden.

Junge stirbt nach Mittelohrentzündung

Gefährlich kann es aber werden, wenn die alternative Heilmethode, wie die Homöopathen selbst sie nennen, tatsächlich als Alternative und nicht als Ergänzung zu medizinisch nachweislich wirksamen Therapien eingesetzt wird. So geschehen kürzlich in Italien: Ein Siebenjähriger aus Cagli in den Marken starb an den Komplikationen einer eigentlich leicht behandelbaren Mittelohrentzündung, weil seine Eltern auf homöopathische Mittel statt Antibiotika setzten - selbst dann noch, als es dem kleinen Francesco über Tage immer schlechter ging.

Trotzdem verkünden einige Homöopathen noch immer Wunder - so auch auf dem ab Mittwoch in Leipzig stattfindenden "Homöopathischen Weltärztekongress". "Unbelievable but true - a case of osteomyelitis healed by Ledum" heißt etwa ein Vortrag einer Schweizer Homöopathin, die am letzten Kongresstag sprechen will, "Unglaublich aber wahr - ein Fall von Osteomyelitis, geheilt durch Ledum". Zum Hintergrund: Eine Osteomyelitis ist eine akut oder chronisch verlaufende, oft schwere, mitunter lebensbedrohliche Entzündung des Knochenmarks. Ledum, auch Sumpfporst oder wilder Rosmarin genannt, gehört zu den Heilkräutern, die Homöopathen unter anderem bei Insektenstichen oder Blutergüssen in starker Verdünnung einsetzen.

Ein anderer Redner will einen kurzen "Überblick über den außerordentlichen Erfolg der Homöopathie bei Epidemien" geben.

"Wirkung beruht auf Vorstellungskraft"

"Similia similibus curentur" ("Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt") ist für Homöopathen das Leitmotiv. Die verwendeten Substanzen werden sehr stark verdünnt und meist als Tropfen, Tabletten oder Globuli verabreicht. Dadurch sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden. "Es gibt aus naturwissenschaftlicher Sicht keine Erklärung, wie das Verfahren funktionieren kann", sagt Norbert Aust, Mitbegründer des Informationsnetzwerks Homöopathie in Freiburg.

Die Konzentrationen der verabreichten Mittel seien viel zu klein, als dass sie wirken könnten. Die vermeintliche Wirkung beruhe rein auf der Vorstellungskraft von Patienten und Therapeuten, dem sogenannten Placeboeffekt. Würde sich die Homöopathie nicht als medikamentöse Heilkunde, sondern als spezielle Form der Gesprächstherapie sehen, ginge er damit durchaus konform, so Aust, der von Haus aus Ingenieur ist. "Homöopathen nehmen sich in der Regel viel Zeit für ihre Patienten, und Gespräche können durchaus positive Effekte hervorrufen."

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) forderte erst im Mai, dass die gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich keine homöopathischen Leistungen finanzieren dürften. Die Kassen wollen für ihre Kunden attraktiv bleiben, viele erstatten daher die Kosten für homöopathische Behandlungen. Es sei absurd, wie viel Geld manche gesetzliche Versicherung für solche Kügelchen und Tinkturen aus dem Fenster werfe, so KBV-Chef Andreas Gassen.

Die Kassen sehen das anders: Einer Analyse der Barmer GEK und der Bertelsmann Stiftung zufolge haben 60 Prozent der Deutschen Erfahrungen mit Homöopathie. Bei mehr als 80 Prozent der Patienten, die von Homöopathen behandelt wurden, habe sich das Allgemeinbefinden und die seelische Verfassung der Befragung nach gebessert - für die Kasse Grund genug, auch weiterhin die Kosten zu übernehmen.

Viele Patienten fühlen sich vom Arzt übersehen

Der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen ist nicht überrascht vom Anklang, den alternative Verfahren bei manchen Menschen finden. "Wir treiben durch die ökonomisierte Medizin die Menschen geradezu weg von der wissenschaftsbasierten Medizin", sagt er. "Weil Apparate und Eingriffe überbezahlt werden, Zuhören und Zuwendung aber im Fallpauschalensystem nicht vorkommen, gibt es ein Zuviel an Herzkathetern, Rückenoperationen und Knieprothesen." Das Grundvertrauen von Patienten in die Medizin werde zerstört. "Viele Patienten fühlen sich von dem Arzt, der da die ganze Zeit nur auf seinen Monitor guckt, im wahrsten Sinne des Wortes nicht gesehen."

Trotzdem wird es für die Homöopathen langsam eng. Das zeigt nicht nur die Forderung der KBV, die Kostenübernahme zu streichen. Auch an anderen Stellen in der Politik regt sich Widerstand. So hat der SPD-Landesverband Bremen gefordert, dass es zukünftig eine Kennzeichnungspflicht auf Verpackungen mit homöopathischen Globuli und Tinkturen geben soll, die darauf aufmerksam machen soll, dass die Wirksamkeit nicht nachgewiesen ist.

hei/dpa

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