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14. Dezember 2017, 16:45 Uhr

Kassenstreit

Homöopathie wird erstattet - die neue Brille nicht

Viele Krankenkassen übernehmen Kosten für homöopathische Behandlungen beim Arzt - obwohl die Wirksamkeit von Globuli nicht erwiesen ist. Der Überblick über das Streitthema.

Wer annimmt, dass gesetzliche Krankenkassen nur wirksame Therapien erstatten, irrt. Denn viele Kassen übernehmen freiwillig die Kosten für homöopathische Behandlungen, wenn Mediziner diese durchführen. Besuche bei Heilpraktikern werden nicht übernommen.

Trotz zahlreicher Studien fehlt bis heute ein klarer Beleg dafür, dass homöopathische Globuli eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus haben. Erst kürzlich veröffentlichte ein EU-weiter Wissenschaftsrat eine Stellungnahme, in der dies festgestellt wird. Außerdem warnen die Forscher davor, dass Homöopathie sogar schaden kann, wenn eine notwendige medizinische Behandlung dadurch verzögert wird. Zudem könne das Vertrauen einzelner Patienten und der Gesellschaft in eine fundierte Wissenschaft gestört werden.

Dennoch zahlt die Techniker Krankenkasse (TK) folgende Therapien bei "teilnehmenden homöopathischen Ärzten":

Sonderregeln für Homöopathie, Anthroposophie und Pflanzenheilkunde

Dabei stellte auch die TK im Gespräch mit dem SPIEGEL bereits klar: "Wir haben keinen Wirksamkeitsnachweis für die Homöopathie vorliegen."

Kassen dürfen eigentlich nur die Kosten von anerkannt wirksamen Therapien erstatten, doch für Homöopathie, Anthroposophie und Pflanzenheilkunde hat der Gesetzgeber Sonderregeln geschaffen. Sie müssen nicht in aufwendigen Studien ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen. Und die gesetzliche Krankenversicherung darf die Kosten übernehmen.

Kritiker der Methode vom Informationsnetzwerk Homöopathie wollten mit der TK über das Thema reden. "Geplant war ein dreistündiges Gespräch mit der hohen Verwaltungsebene", sagt HNO-Arzt Christian Lübbers. Ein konstruktiver Meinungsaustausch habe die Vor- und Nachteile abwägen sollen. Vergangene Woche jedoch sagte die TK das vereinbarte Gespräch ab.

Die Kasse habe bemerkt, "dass eine Veröffentlichung der Gesprächsergebnisse beabsichtigt war", erklärte ein Sprecher. "Dies entsprach nicht unserem Verständnis des geplanten Gesprächs."

Auch für Gesundheitspolitiker ist die Homöopathie ein heikles Thema. "Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen", erklärte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach noch im Jahr 2010. "Keine Äußerung zur Homöopathie", heißt es nun aus seinem Büro.

Die Kosten sinken nicht, sondern steigen

Zwar bewegt sich die Kostenerstattung für Homöopathie "im Promillebereich unserer Gesamtausgaben", so die TK. Dennoch zeigt eine von der Kasse geförderte Studie, dass Patienten, die sich Homöopathie erstatten lassen, höhere Kosten verursachen als andere Versicherte.

Eine Gruppe um Julia Ostermann von der Berliner Charité verglich Daten von knapp 44.000 Techniker-Versicherten über einen Zeitraum von knapp drei Jahren. Die Hälfte nahm Homöopathie in Anspruch, die zweite Hälfte tat dies nicht - und wurde so ausgewählt, dass sie der ersten Gruppe möglichst ähnlich war. Die Homöopathie-Patienten fielen demnach länger bei der Arbeit aus und gingen häufiger zum Arzt als die anderen Patienten. So lagen die Kosten nach 33 Monaten im Schnitt bei 12.414 Euro (Homöopathie-Gruppe) gegenüber 10.429 Euro (Vergleichsgruppe).

Für Jürgen Windeler vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, zuständig für die Wirksamkeitsprüfung von Therapien, ist klar: Die hochverdünnten Globuli sind eine Scheintherapie. "Menschen verstehen nicht, warum sie ihre Brille selber zahlen müssen - und gleichzeitig erstatten die Kassen Homöopathie."

wbr/dpa

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