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08. Januar 2018, 06:07 Uhr

Transplantation der Hornhaut

Und dann war Herrn Vollacks Welt wieder bunt

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Bei Organspende denken die meisten an Herz, Niere oder Leber. Doch viel häufiger werden in Deutschland Hornhäute transplantiert. Der Eingriff kann das Augenlicht retten.

Seit gut einem Jahr erstrahlt die Welt für Peter Vollack wieder in satten Farben - und er kann alles besser erkennen. Ein Objekt, das nicht einmal halb so dünn ist wie ein Haar, hat das Leben des 75-Jährigen bereichert: ein Teil der Hornhaut eines verstorbenen Spenders.

Zuvor hatten sich Vollacks Augen zehn Jahre lang immer weiter verschlechtert, er litt an einer degenerativen Augenerkrankung namens Fuchs-Endotheldystrophie.

"Anfang 2016 hatte ich nur gut 20 Prozent Sehkraft, Farben habe ich kaum noch gesehen, ich erkannte Gesichter auf der Straße nicht, konnte nicht richtig lesen, kein Auto fahren. Das Leben entglitt mir schleichend", sagt Vollack. Bis er sich eine neue Augenärztin suchte, die ihn in die Augenklinik der Universitätsmedizin in Mainz schickte, und er eine Hornhaut-Transplantation erhielt.

Unbekannt, aber nicht selten

Heute liegt seine Sehfähigkeit bei 90 Prozent. Er fährt wieder Auto und liest Bücher. "Ich bin noch immer jeden Tag so glücklich, das gibt es überhaupt nicht", sagt er.

Über die Transplantationen großer Organe wie Herz und Leber wird oft berichtet und diskutiert. Dass sich Hornhäute überhaupt transplantieren lassen und dies auch getan wird, wissen viele Menschen hingegen nicht einmal.

Dabei sehen die Zahlen für Deutschland so aus (Jahr 2015):

Eines der großen Zentren für die Behandlung von Hornhauterkrankungen in Deutschland ist die Augenklinik der Universitätsmedizin Mainz mit der Hornhautbank des Landes Rheinland-Pfalz. Mehr als 600 Hornhäute werden hier jedes Jahr zur Verfügung gestellt, ein Großteil davon wird transplantiert.

Das gespendete Gewebe kann bei degenerativen Augenerkrankungen, Infektionen und Verletzungen helfen.

Experten aus Medizin und Biologie arbeiten zusammen für die Hornhautbank. Sie gehen täglich Listen durch, welche Patienten in der Universitätsmedizin und in kooperierenden Krankenhäusern gestorben sind. Ist jemand als Spender geeignet - und das ist bei vielen so -, führen die Mitarbeiter der Hornhautbank Gespräche mit Angehörigen. Denn die Hornhautspende unterliegt dem Transplantationsgesetz. Eine Entnahme ist also nur erlaubt, wenn der Spender zu Lebzeiten selbst zugestimmt hat - etwa durch einen Organspendeausweis - oder wenn er den Angehörigen zufolge mutmaßlich zugestimmt hätte.

Obwohl dasselbe Gesetz gilt, ist die Hornhautspende keine klassische Organspende, sondern eine Gewebespende. Sie weist eine Reihe von Vorteilen auf, die eine Transplantation deutlich erleichtern. Während bei einem Organ wie dem Herzen, der Kreislauf des Spenders in der Regel künstlich aufrechterhalten werden muss, ist eine Hornhautspende bis zu 72 Stunden nach dem Herzstillstand noch möglich. Das liegt daran, dass die Hornhaut nicht direkt durch den Blutkreislauf, sondern durch das Kammerwasser versorgt und ernährt wird.

"Wenn die Angehörigen in Ruhe und ohne Druck darüber nachdenken, ist es für viele sogar ein Trost, dass da noch etwas weiterlebt, auch wenn sie den Empfänger nie kennenlernen", sagt Christina Butsch, die stellvertretende Leiterin der Hornhautbank in Mainz. Auch nach der Entnahme der Hornhaut ist der Zeitrahmen nicht so eng. Während ein Organ innerhalb von Stunden nach der Entnahme transplantiert werden muss, können Hornhäute bis zu 34 Tage gelagert werden.

Ein weiterer Vorteil: Weil die Hornhaut nicht mit dem Blut und damit auch nicht mit Abwehrzellen in Kontakt steht, ist das Risiko einer Abstoßung sehr klein. Organempfänger müssen täglich verschiedene Medikamente einnehmen, um diese zu verhindern. Bei Hornhauttransplantierten reichen in der Regel Augentropfen für einige Monate. "Es braucht in den meisten Fällen nicht einmal eine Anpassung der Gewebeeigenschaften (Matching) zwischen Empfänger und Spender, das macht alles etwas flexibler", sagt Butsch.

7000 stehen auf der Warteliste

Trotzdem stehen in Deutschland etwa 7000 Patienten auf der Warteliste. Der Bedarf ist zu groß. Zwar wird viel daran geforscht, wie sich künstliche Hornhäute züchten und transplantieren lassen. Doch bis Patienten den Ersatz aus dem Labor erhalten, werden noch einige Jahre vergehen, schätzt Adrian Gericke, Leiter der Abteilung für Hornhauterkrankungen der Universitäts-Augenklinik Mainz.

Bei dem Eingriff entfernen Chirurgen den erkrankten Teil der Hornhaut - also nicht das gesamte Gewebe, sondern nur einen Bereich beziehungsweise einen Teil der Hornhautschichten. Dann wird das gespendete Gewebe eingesetzt und vernäht.

Wie jede andere Operation ist auch die Transplantation einer Hornhaut mit Risiken verbunden, im schlimmsten Fall nimmt das Auge dauerhaften Schaden. Und nicht jeder Patient gewinnt seine Sehkraft in dem Ausmaß zurück wie Peter Vollack. Doch die Erfolgsquote der OP ist sehr hoch.

Auch die Spender selbst, beziehungsweise deren Hinterbliebene, können durch die Transplantation oft Sinn und Genugtuung finden. Weil keine Blutzellen in den gespendeten Hornhäuten sind, können Krebspatienten ihre Hornhäute spenden. Und auch von älteren Menschen sind Hornhäute oft noch als Transplantat gut verwendbar.

"Viele schwerkranke und alte Menschen, beziehungsweise deren Hinterbliebene, erfüllt es mit Zufriedenheit, wenn sie erfahren, dass sie jemand anderem noch etwas so Wertvolles mitgeben können", sagt Butsch, die ihre Motivation für das Feld Organspenden auch aus einer Erfahrung aus ihrer eigenen Familie zieht: Der Onkel ihres Vaters hat nach einer Lebertransplantation noch 16 Jahre überlebt. Er ist mit 81 Jahren, statt mit 65 Jahren gestorben.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben nachträglich die Angabe zur Dicke des Hornhauttransplantats präzisiert.

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