Wir machen uns mal frei Tumorangst beim Augenarzt

Er wollte nur eine Brille und ging mit dem Verdacht auf einen Hirntumor: Kolumnist Jens Lubbadeh durchlebt eine Horrorsitzung bei einem gelangweilten Augenarzt, der plötzlich zu Hochtouren aufläuft, als er die Pupillen seines Patienten untersucht.

Augenuntersuchung: Unterschiedlich große Pupillen können auf schwere Krankheiten hinweisen
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Augenuntersuchung: Unterschiedlich große Pupillen können auf schwere Krankheiten hinweisen


Medizinstudenten müssen pauken bis das Hirn raucht. Sie lernen alle Muskeln des menschlichen Körpers auf Latein auswendig. Und die ganzen Krankheiten. Es gibt unzählige exotische Leiden. Davon träumen junge Ärzte, denn sie ahnen: Ihr Alltag wird einmal weitaus unexotischer sein. Entweder rackern sie im Krankenhaus, oder sie müssen 40 Jahre lang Grippe therapieren. Bei Ärzten, die sich nur mit den Augen beschäftigen, muss das Ganze nochmal langweiliger sein. Umso schlimmer dürsten sie nach ungewöhnlichen Krankheiten.

Den Eindruck jedenfalls hatte ich, als ich vor einigen Jahren bei einem Augenarzt war. Ich wollte nur eine neue Brille - ich ging mit der Angst vor einem Hirntumor.

Aber der Reihe nach. Nach drei Stunden des Wartens wurde ich vom Meister abgefertigt wie Vieh. Der sichtlich angeödete Halbgott in Weiß gab nur Kommandos wenn er mit mir redete. Er war das Musterbeispiel des arroganten Mediziners, der lieber an der Uni doziert hätte, als sich mit Kurzsichtigen wie mir zu langweilen. Erst als ich in den Apparat blicken musste, mit dem er meine Netzhaut abcheckte, rückte ich plötzlich in den Fokus seines Interesses.

"Ach, das ist ja ein Ding", murmelte er vor sich hin. "Wirklich interessant."

Er drehte und drehte an dem Apparat, während sich in meinem Hals langsam ein Kloß formte. Was hatte er auf meiner Netzhaut gefunden, das so "interessant" war? Eine nette exotische Krankheit vielleicht?

"Zimmermann, kommen Sie mal her!", rief er. Ein junger Weißkittel trat ein. "Schauen Sie mal", sagte der Doc, und Zimmermann blickte in den Apparat. "Sie müssen genau hinsehen, ist kaum zu erkennen." Der junge Arzt schaute lange, während ich immer noch wie ein Versuchskarnickel in den Apparat eingespannt war.

"Anisokorie?"

"Sehr gut, Zimmermann. Holen Sie mal die anderen, damit die sich das auch ansehen."

Ach so, Anisokorie.

Ärzte mit Skalpellen als Top-Horrorvorstellung

Der Augenarzt hatte sich wieder an den Apparat gesetzt und mir befohlen, wieder hineinzugucken. "Sie haben eine Anisokorie", sagte er. "Ist kaum zu sehen. Sehr selten."

Bei dem Wort "selten" wurde der Kloß in meinem Hals zu einem Fußball. Erwähnte ich schon, dass zu meinen Top-Horrorvorstellungen Ärzte mit Skalpellen gehören, die sich meinen Augäpfeln nähern?

"Was ist Anisokorie?", fragte ich diesen Meister der empathischen Patientenkommunikation.

"Ungleiche Pupillenweite", murmelte er. Diese unqualifizierten Fragen hatten ihn sicherlich schon an der Uni kolossal genervt.

In der Zwischenzeit hatte Zimmermann zwei weitere junge Ärzte geholt.

"Schauen Sie sich das mal an", sagte der Doc, stand auf und ließ alle in meine Augen blicken. Währenddessen holte er ein Lehrbuch aus seinem Regal und schlug es auf. Auf der entscheidenden Seite waren zwei Schwarzweiß-Fotos von einem Augenpaar in Großaufnahme zu sehen. Auf dem ersten Bild waren die Pupillen geweitet und gleich groß. Das zweite Bild zeigte die gleichen Augen mit zusammengezogenen kleinen Pupillen, offenbar nach einem Lichteinfall. Die linke Pupille war größer als die rechte, der Unterschied war deutlich. Das sollte bei mir auch so sein? War mir nie aufgefallen. "Sehen Sie hier", sein Zeigefinger tippte auf das zweite Foto. "Wie im Lehrbuch."

Ich nahm noch einmal meinen Mut zusammen: "Könnten Sie mir bitte sagen, ob das schlimm ist?"

"Die Anisokorie an sich ist nicht schlimm", antwortete er, während er nicht mich, sondern seine Jungärzte ansah. "Sie haben auch nur eine sehr leichte." Er machte eine kleine Pause. "Anisokorie deutet aber oft auf etwas Ernstes hin."

Jetzt hatte ich einen Medizinball im Hals.

Eine schlaflose Nacht und der Termin beim Neurologen

"Auf etwas Ernstes? Auf was denn?" Ich hatte Angst. Zugleich stieg Wut in mir auf. Wut auf diesen unmenschlichen Mediziner.

"Ach, das kann alles mögliche anzeigen", sagte er. "Eine Nervenstörung zum Beispiel. Oder ein Hirntumor..."

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Hatte er wirklich gerade das T-Wort gesagt?

"Es kann auch einfach angeboren sein." Er stand auf, die Vorlesung war offenbar vorbei. "Machen Sie sich keine Sorgen." Er schüttelte mir kurz die Hand. "Wiedersehen."

In dieser Nacht schlief ich nicht. Am nächsten Morgen telefonierte ich zehn Neurologen ab und fand einen mit Akutsprechstunde. Glücklicherweise vermittelte er mir umgehend einen Termin für ein Hirn-CT. Einen Tag später hielt ich die Aufnahme meines Gehirns und den Befund des Neurologen in den Händen: kein Hirntumor, keine Nervenstörung. Alles war in Ordnung mit mir. Ich hatte einfach zwei Augen, deren Pupillen sich unterschiedlich weit zusammenzogen.

In all den Jahren, die seit diesem Erlebnis vergangen sind, hätte ich die Menschheit gerne vor dieser Blindschleiche von Augenarzt gewarnt. Nun schreibe ich diese Kolumne und würde Ihnen gern den Tipp geben, wo Sie nicht hingehen sollten, wenn Sie in Hamburg einen guten Augenarzt brauchen.

Aber wie sagte Gandhi doch schon: Auge um Auge macht die ganze Welt nur blind.

insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
mr.andersson 31.10.2012
1.
Zitat von sysopDPAEr wollte nur eine Brille und ging mit dem Verdacht auf einen Hirntumor: Kolumnist Jens Lubbadeh durchlebt eine Horrorsitzung bei einem gelangweilten Augenarzt, der plötzlich zu Hochtouren aufläuft, als er die Pupillen seines Patienten untersucht. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/horrorbehandlung-beim-augenarzt-diagnose-hirntumor-a-863463.html
Vor einiger Zeit hat sich also mal ein Augenarzt in einer Individualbehandlung doof ausgedrückt? Das ist die Story?
Marellon 31.10.2012
2. Vertrag
Zitat: "Nach drei Stunden des Wartens..." - Als Patient haben Sie einen Vertrag mit Ihrem Arzt: Sie finden sich zu einem vereinbarten Zeitpunkt ein, er erbringt eine vereinbarte Leistung, und Sie oder Ihre Krankenkasse bezahlen ein vereinbartes Entgelt. Ich nehme sehr an, in Ihrer Vereinbarung stehe nicht, sie hätten eine Wartezeit von drei Stunden über Ihren vereinbarten Termin hinaus hinzunehmen. Also wehren Sie sich. Stellen Sie die Wartezeit in Rechnung, bezahlen Sie die Rechnung des Arztes nicht, beschweren Sie sich bei der Institution bzw. Behörde, die die Qualität der ärztlichen Arbeit überwacht. Aber nehmen Sie es nicht hin, es sei denn, der Arzt habe grad zu einem Notfall fahren müssen.
astrobyte 31.10.2012
3. Sehr dürftig
Der Autor beweist eigentlich nur, dass er ein ausgemachter Hypochonder ist - alles andere ist eigentlich nur verzerrte Wahrnehmung. Jeder Arzt hat auch mal 'n schlechten Tag - aber daraus so eine Riesenstory zu konstruieren, hat schon Krankheitswert - oder vielleicht akuter Geldmangel?
astrobyte 31.10.2012
4. Sehr dürftig
Der Autor beweist eigentlich nur, dass er ein ausgemachter Hypochonder ist - alles andere ist eigentlich nur verzerrte Wahrnehmung. Jeder Arzt hat auch mal 'n schlechten Tag - aber daraus so eine Riesenstory zu konstruieren, hat schon Krankheitswert - oder vielleicht akuter Geldmangel?
Septic 31.10.2012
5. ein guter Arzt
Vielleicht ist der Mann etwas knapp und kurz (oder sogar unfreundlich). Aber er hat etwas gefunden, dass schlampige freundliche Ärzte übersehen hätten. Was wäre wenn es ein Hirntumor und nicht glücklicherweise ein kleiner Erbgutdefekt gewesen wäre? Was wäre wenn durch diese Diagnose der Tumor früh erkannt worden wäre und sie diesem Menschen ihr Leben verdanken? Nur weil sie die Aussage "Machen Sie sich keine Sorgen." ignoriert haben, hat dieser Doktor kein Stück weniger Recht. Sie haben den Befund und die Ursache war glücklicherweise harmlos. Ohne weitere Tests konnte das niemand sagen. Sie haben den Test gemacht und Glück gehabt. Der Augenarzt hat alles richtig gemacht. Sie sind undankbar und irrational.
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