Impfung: "Das Impfen der Jungen ist eine faire, wichtige und notwendige Ergänzung"
Impfung: "Das Impfen der Jungen ist eine faire, wichtige und notwendige Ergänzung"
Foto: FatCamera/ Getty Images

Gesundheit Echte Männer lassen sich gegen HPV impfen

Humane Papillomviren sind weit verbreitet und können Krebs auslösen. Seit 2006 gibt es eine Impfung, die das Robert Koch-Institut mittlerweile auch Jungen empfiehlt. Was Sie darüber wissen sollten.
Von Lea Wolz

Als die HPV-Impfung 2006 auf den Markt kam, wurde sie schon bald marktschreierisch als "Impfung gegen Krebs" beworben. "Ganz so stimmt das nicht", sagt Gerd Glaeske, Arzneimittelexperte und Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege und Alters­sicherung an der Universität Bremen . "Die Impfung schützt nicht gegen Krebs generell, aber sie ist eine wichtige Impfung gegen ganz bestimmte Viren, die Vorstufen bestimmter Krebsarten auslösen können."

Gemeint sind Humane Papillomviren (HPV). Mehr als 100 Typen gibt es davon, 40 davon können sexuell übertragbare Infektionen auslösen, mindestens 14 davon erhöhen das Risiko für Krebs . Die Viren sind weit verbreitet, die meisten sexuell aktiven Menschen stecken sich damit ein- oder mehrmals im Leben an. Oft bleiben diese Infektionen unbemerkt, das Immunsystem bekämpft sie erfolgreich und sie heilen meist innerhalb von ein bis zwei Jahren von allein wieder ab .

Doch sie können auch andauern, in etwa zehn Prozent der Fälle werden Infizierte die Viren nicht mehr los. Aus anhaltenden, jahrelangen Infektionen, vor allem mit HPV-Hochrisikotypen (siehe Kasten), kann sich manchmal unter ungünstigen Umständen Krebs entwickeln, etwa Gebärmutterhalskrebs . Faktoren wie Rauchen, die Pille oder viele Sexualpartner erhöhen das Risiko dafür.   

Gebärmutterhalskrebs ist relativ selten

Rund 4600 Frauen erkranken in Deutschland jährlich an diesem Krebs, etwa 1500 sterben. Anders gesagt:  Eine von 120 Frauen wird im Laufe ihres Lebens diese Diagnose erhalten, eine von 350 daran sterben. Zum Vergleich: Bei Brustkrebs ist es eine von 8 und eine von 29.

Gebärmutterhalskrebs ist damit relativ selten. Von allen Frauen, die Krebs bekommen, erkranken etwa zwei Prozent daran . Dank Vorsorge ist die Zahl in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken, unbenommen davon bleibt die Erkrankung für die einzelne Frau natürlich schwerwiegend.

Da Gebärmutterhalskrebs fast immer auf das Konto von HPV geht, riet die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut (RKI) zuerst nur Mädchen zur Impfung. Doch mittlerweile zeigt sich, dass auch Jungen davon profitieren können.

Die Stiko empfiehlt daher seit 2018, Mädchen und Jungen im Alter von neun bis 14 Jahren - vor dem ersten Sexualkontakt - gegen HPV impfen zu lassen. Dass auch Jungs zur Impfung geraten wird, liegt laut Stiko daran,

  • dass diese Viren eben nicht nur Gebärmutterhalskrebs auslösen können, sondern etwa auch Krebs in Mund und Rachen, am Anus oder am Penis. Insgesamt sind das allerdings alles seltene Tumorerkrankungen. Bei Männern geht das RKI von circa 1600 solcher Krebserkrankungen jährlich aus, die mit einer Infektion mit HP-Viren in Verbindung gebracht werden.

  • dass auch die nicht bösartigen, aber sehr unangenehmen Genitalwarzen damit nachweislich zurückgedrängt werden können .

  • dass ein sogenannter Herdenschutz erreicht werden kann - also eine Art Regenschirm, den die Geimpften über die Nichtgeimpften spannen und durch den sie diese mit schützen. Dafür ist allerdings eine Impfquote von etwa 80 Prozent nötig. Hierzulande ist die Impfbereitschaft bei Mädchen nicht sehr hoch: Etwa 46 Prozent der 17-Jährigen sind gegen HPV geimpft. Der Herdenschutz greift daher nicht. Anders gesagt: Jungen und Männer müssten ihren Teil dazu beitragen, dass die Übertragungskette unterbrochen und die Verbreitung der Viren eingedämmt wird.

  • dass Jungen und Männer sich "im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit" einen eigenen Impfschutz aufbauen können.

  • dass Männer, die mit Männern Sex haben, anders nicht geschützt sind.   

Nicht zuletzt erhofft man sich, dass die Impfung so auch besser akzeptiert wird. Denn auch das zeigt eine Studie aus Kanada: Wird sie beiden Geschlechtern angeboten, steigt die Akzeptanz insgesamt .  

"Das Impfen der Jungen ist eine faire, wichtige und notwendige Ergänzung"

Erste Zahlen, wie die Impfung bei Jungs angenommen wird, plant das RKI im Mai oder Juni dieses Jahres zu veröffentlichen, wie es auf "SPIEGEL"-Nachfrage heißt. Bei den Mädchen zeichnet sich offenbar bereits ein leichter Anstieg ab.

Auch wenn die Studienlage bei Jungen nicht so gut ist wie bei Mädchen , ist die Stiko-Empfehlung für Glaeske nachvollziehbar. "Das Impfen der Jungen ist eine faire, wichtige und notwendige Ergänzung, nicht nur zum eigenen Schutz", sagt er. So werde auch unterbunden, dass sie möglicherweise HPV an ihre Partnerin oder ihren Partner weitergeben.

Zwar erkranken Männer seltener an durch HPV ausgelösten Krebserkrankungen, sie übertragen die Viren aber. "Daher haben sie ebenfalls Verantwortung, genau wie bei der Verhütung", so der Arzneimittelexperte. "Da sollte ein Mann auch nicht sagen, ich habe nichts damit zu tun, meine Partnerin nimmt ja die Pille."

Auch Andreas Sönnichsen, Vorsitzender des Deutschen Netzwerkes für Evidenzbasierte Medizin  und Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Universität Wien  kann die Empfehlung nachvollziehen. "Wenn man sich fürs Impfen entscheidet, dann sollte man es auch richtig machen, sonst sieht man auf Bevölkerungsebene bei den relativ geringen Fallzahlen dieser Krebsarten wahrscheinlich keinen Effekt."

Allerdings: "Eltern sollten mit Jungen und Mädchen genau besprechen, gegen was die Impfung schützt und dass dieser Schutz nicht umfassend ist", betont Glaeske. In Deutschland sind momentan zwei Impfstoffe auf dem Markt erhältlich: ein bivalenter, der gegen die Hochrisiko-HPV-Typen und Haupterreger 16 und 18 wirkt. Diese sind für etwa 70 Prozent aller Gebärmutterhalskrebse verantwortlich. Und ein neunvalenter, der neun Typen (darunter auch 16 und 18) in Schach hält, die etwa 90 Prozent aller Gebärmutterhalskrebserkrankungen verursachen. Dieser Impfstoff schützt auch vor Genitalwarzen. "Für Jungs ist der neunvalente Impfstoff daher sinnvoll. Er wirkt breiter, der Nutzen gegen Analkrebs ist bei ihm zudem zumindest für Männer, die mit Männern Sex haben, relativ gut belegt", sagt Glaeske. Bei Mädchen sind beide Impfstoffe sinnvoll .

Generell gilt: Die Impfung bietet einen hohen, aber keinen hundertprozentigen Schutz. Geimpfte Mädchen sollten daher später auch weiter zur Krebsfrüherkennung gehen. Auf ein Kondom sollte trotz Impfung etwa bei häufig wechselnden Sexualpartnern ebenfalls nicht verzichtet werden .

Weitere Informationen zum HP-Virus:

Wie werden die Viren übertragen?

Sexuell übertragbare HP-Viren  befallen die Haut und Schleimhaut im Genitalbereich, können über kleine Verletzungen eindringen, sich vermehren und so Gewebeveränderungen verursachen.

Übertragen werden die Viren über direkten Kontakt mit infizierten Haut- und Schleimhautstellen , meist passiert das beim Sex. Kondome bieten keinen hundertprozentigen HPV-Schutz, da etwa nicht alle Haustellen davon bedeckt sein müssen. Sie senken aber das Risiko, auch für andere Geschlechtskrankheiten.

Welche Viren-Typen gibt es?

Sexuell übertragbare HP-Viren werden in Niedrig- und Hochrisikotypen unterteilt. Zu letzteren zählen HPV 16 und 18, eine länger anhaltende Infektion damit erhöht das Risiko für Gebärmutterhals-, aber etwa auch für Penis- und Analkrebs. HPV 6 und 11 hingegen sind Niedrig-Risiko-Viren, sie verursachen Genitalwarzen.

Wann wird die Impfung empfohlen?

Eine Impfung kann vor bestimmten HPV-Typen und deren Folgeerkrankungen schützen. Die Stiko empfiehlt die Impfung Jungen und Mädchen im Alter von neun bis 14 Jahren, da zu diesem Zeitpunkt noch davon ausgegangen werden kann, dass keine HPV-Infektion besteht. Spätestens bis zum 18. Geburtstag kann sie nachgeholt werden und wird von der Kasse übernommen.

Vorteil einer frühen Impfung: Die Immunisierung schlägt besser an, bei neun- bis 14-Jährigen reichen zwei Impfstoffdosen. Danach müssen drei Dosen für den vollständigen Impfschutz verabreicht werden.

Bislang zeigen Studien auch nur, dass eine Impfung Genitalwarzen zurückdrängt und Krebsvorstufen verhindern kann. "Diese Effekte sind mittlerweile aber sehr gut belegt", sagt Sönnichsen. Auch der "Arzneimittelbrief" betrachtet die Daten als verlässlich , die Wirkung als nachgewiesen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus Kanada  untermauert dies. Ob die HPV-Impfung tatsächlich dazu führt, dass Krebs an Gebärmutterhals, Penis, Anus oder im Mund und Rachen seltener auftritt, wird sich erst in etwa zehn bis zwanzig Jahren beurteilen lassen. "Ich halte die Annahme allerdings für begründet, dass sich auch die Krebsfälle senken lassen, wenn man die Gewebemutationen verhindert", sagt Glaeske. "Aber man muss in Zukunft in den Krebsregistern verfolgen, wie sich die Daten entwickeln und prüfen, ob sich die Versprechen auch bewahrheiten." Auch für Sönnichsen sind "noch ein paar Fragen offen".

Impfung für Ältere nicht sinnvoll

Unklar ist, wie lange der Impfschutz hält. Momentan schätzt man etwa zehn bis 20 Jahre. "Sind Geimpfte dann noch virenfrei, müsste man in der Tat noch einmal darüber nachdenken, ob es sinnvoll wäre, die Impfung wieder aufzufrischen", sagt Glaeske. Aber auch dazu fehlen bislang schlichtweg Daten.

"Zu uns kommen auch immer wieder ältere Frauen, die fragen, ob eine Impfung noch sinnvoll ist", sagt Glaeske. Nach aktueller Studienlage sei das nicht der Fall, auch nicht bei Männern. Ist man bereits mit HPV infiziert oder liegt eine Gewebeveränderung vor, hilft die Impfung nicht.  

Ein Thema, das offenbar immer noch etliche von der Impfung abhält: die Angst vor Nebenwirkungen . So wurde zu Beginn über einzelne Todesfälle bei Mädchen berichtet, auch neurologische Beschwerden oder Schmerzen in Armen und Beinen werden mit der Impfung in Zusammenhang gebracht. "Mittlerweile wurde die Impfung viele Millionen Male gegeben, ohne dass Häufungen solcher schweren Nebenwirkungen beobachtet wurden", sagt der Mediziner. "Nach allen bekannten Daten spricht nichts dafür, dass diese Impfung besonders riskant ist. Das Restrisiko für schwere Nebenwirkungen ist äußerst gering, ähnlich wie bei anderen Impfstoffen."

Auch andere Stellen stufen die Impfung als sicher ein . Nach mehr als 270 Millionen verabreichten Impfdosen weltweit sieht die WHO  keine Hinweise auf schwere Nebenwirkungen, die ursächlich auf die Impfung zurückzuführen sind. Das Risiko für eine schwere allergische Reaktion liegt bei etwa 1,7 pro einer Million Impfungen. Häufig sind laut RKI  leichte Nebenwirkungen wie Schmerzen, Rötungen oder Schwellungen an der Einstichstelle, auch Kopfschmerzen, Schwindel oder Fieber können auftreten.

Erreicht die Impfung die richtige Zielgruppe?

Was Experten allerdings immer noch ärgert, ist der hohe Preis. "Er liegt bei beiden Impfstoffen pro Dosis bei etwa 150 Euro", sagt Glaeske. "Das ginge sicher günstiger."

Davon ist auch Sönnichsen überzeugt. "Nach aktuellem Stand gibt es dennoch eine leichte Tendenz pro Impfung. Hier muss man sich die Zahlen für Deutschland aber in Zukunft genau ansehen", sagt der Allgemeinmediziner. Fraglich ist ihm zufolge, ob sich mit der Impfung die richtige Zielgruppe erreichen lässt. "Wir sehen Gebärmutterhalskrebs oft bei Frauen, die nicht zum Gynäkologen gehen. Die Frage ist, lassen gerade diese Frauen sich impfen?"

Ein weiterer Vorteil der Impfung könnte allerdings sein: Da die Zahl der abklärungsbedürftigen Befunde bei der Vorsorge sehr wahrscheinlich weniger wird, dürfte wohl auch die Zahl der Überdiagnosen und unnötigen Eingriffe  zurückgehen. Für Frauen wäre all das schon ein echter Gewinn.

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