Umstrittenes pflanzliches Arzneimittel Sollen Patienten Iberogast noch einnehmen?

Das Magenmittel Iberogast steht im Verdacht, zum Tod einer Patientin beigetragen zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Wie gefährlich ist die Arznei? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Iberogast ist für Patienten mit Leberschäden ungeeignet
Arnulf Hettrich/ imago images

Iberogast ist für Patienten mit Leberschäden ungeeignet

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"Mit der Kraft der Natur gegen Magen- und Darm-Beschwerden": So bewirbt der Pharmakonzern Bayer das beliebte Magenmittel Iberogast. Es gehört zu den meistverkauften nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten in Deutschland. Seit einigen Jahren steht die Arznei jedoch im Verdacht, Leberschäden zu verursachen.

2018 starb eine Frau in Deutschland an Leberversagen und inneren Blutungen, nachdem sie Iberogast eingenommen hatte. Nun ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft laut "Handelsblatt", ob der Todesfall hätte verhindert werden können, wenn Bayer früher vor Nebenwirkungen gewarnt hätte. Eine Anfrage des SPIEGEL bei der Kölner Staatsanwaltschaft blieb bisher unbeantwortet. Verbraucher sind verunsichert.

Wie gefährlich ist das pflanzliche Mittel?

Iberogast ist ein alkoholisches Extrakt aus neun Kräutern, darunter Schöllkraut, das auch in der chinesischen Medizin eingesetzt wird. Viele Verbraucher halten pflanzliche Arzneien generell für verträglich und risikoarm. Das stimmt jedoch nicht. Wie alle anderen Medikamente können auch pflanzliche Mittel Nebenwirkungen haben. Schöllkraut kann beispielsweise in seltenen Fällen Leberschäden verursachen.

Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) forderte 2008 den damaligen Iberogast-Hersteller Steigerwald auf, den Beipackzettel mit entsprechenden Warnhinweisen zu versehen. Dieser weigerte sich zunächst, ebenso wie Bayer, nachdem der Konzern das Mittel übernommen hatte.

Erst seit der Todesfall im Jahr 2018 bekannt geworden ist, der möglicherweise in Zusammenhang mit Iberogast steht, warnt Bayer im Beipackzettel: "Bei der Anwendung von Schöllkraut-haltigen Arzneimitteln sind Fälle von Leberschädigungen (Anstieg der Leberenzymwerte, des Bilirubins bis hin zu arzneimittelbedingter Gelbsucht (medikamentöstoxischer Hepatitis) sowie Fälle von Leberversagen) aufgetreten."

Das Geschäft mit der Pharmawerbung

Wie hoch ist das Risiko?

Seit 2008 wurden offiziell 115 Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen in Zusammenhang mit Iberogast in Deutschland dokumentiert. In welchen Fällen die Arznei tatsächlich für die Beschwerden verantwortlich war, ist unklar.

Sicher ist, dass Schöllkraut-haltige Medikamente Leberschäden verursachen können. Doch wie bei allen Nebenwirkungen gilt: Auf die Dosis kommt es an. Als kritisch gilt der Wert von Alkaloiden, die auch in Schöllkraut zu finden sind.

2008 verloren alle Mittel die Zulassung, die eine Tagesdosis von mehr als 2,5 Milligramm dieser Stoffe enthielten. Bei der empfohlenen Tagesmenge Iberogast kommen Patienten laut Bayer nur auf 0,3 Milligramm Gesamtalkaloide. Der Konzern argumentiert deshalb, dass von Iberogast nur ein minimales Risiko ausgeht.

Wer sollte Iberogast nicht einnehmen?

  • Patienten, die an einer Erkrankung der Leber leiden, diese überwunden haben oder andere leberschädigende Medikamente einnehmen, sollten auf Iberogast verzichten.
  • Auch für Schwangere oder Stillende ist das Mittel nicht geeignet.
  • Wer Anzeichen einer Leberschädigung bemerkt, sollte das Medikament sofort absetzen und zum Arzt gehen. Zu den Symptomen gehören: Gelbfärbung der Haut oder Augen, dunkler Urin, entfärbter Stuhl, Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit, Appetitverlust, Müdigkeit.
  • Wird Iberogast über mehr als vier Wochen hinweg eingenommen, sollte ein Arzt die Leberwerte prüfen.

Ist die Einnahme für andere Patienten unbedenklich?

Darüber sind sich Ärzte uneins. "Iberogast ist kein harmloser Saft, sondern ein wirksames Medikament", sagt Frank Tacke, Klinikdirektor für Hepatologie und Gastroenterologie an der Berliner Charité, gegenüber dem SPIEGEL. Ohne ärztliche Diagnose solle es nicht eingenommen werden.

Laut Tacke ist jedoch noch unklar, wie Schöllkraut in seltenen Fällen die Leber schädigt. Möglicherweise reagiere der Stoffwechsel der Betroffenen anders auf das Mittel als üblich. Patienten ohne Lebererkrankungen könnten Iberogast weiterhin einnehmen, wenn es ihre Beschwerden lindert. Zudem sollte die Anwendung ärztlich überwacht werden, um seltene Nebenwirkungen rechtzeitig zu erkennen.

Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen Mitte, bezweifelt dagegen den Nutzen von Iberogast. In vielen Fällen seien die Risiken im Verhältnis zu hoch.

"Die Datenlage für die Effektivität von Iberogast ist nicht überzeugend", sagt Mühlbauer, der auch in der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sitzt. Gleichzeitig gebe es eindeutige Hinweise, dass das Mittel lebensbedrohliche Nebenwirkungen haben kann. Die Arzneimittelkommission empfiehlt Iberogast deshalb nicht mehr.

In jedem Fall sollten Patienten bei anhaltenden Magen- oder Darmbeschwerden zeitnah einen Arzt aufsuchen, rät Mühlbauer. In keinem Fall sollten sich Betroffene über Wochen selbst mit Iberogast therapieren, bevor sie zu einem Mediziner gehen. "Die beste Lösung wäre", sagt Mühlbauer, "wenn Bayer bei Iberogast auf Schöllkraut verzichten und eine methodisch gute Studie zur Wirksamkeit des neuen Präparates durchführen würde."

Zusammengefasst: Das Medikament Iberogast gegen Magen- und Darmbeschwerden steht im Verdacht, die Leber zu schädigen. Menschen mit Lebererkrankungen sollten es deshalb nicht einnehmen, ebenso wie Schwangere und Stillende. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft empfiehlt Iberogast auch für andere Patienten nicht mehr.

Aktualisierung: Die Staatsanwaltschaft Köln hat inzwischen auf die Anfrage des SPIEGEL reagiert und mitgeteilt, dass sie keine Stellungnahme abgibt.



insgesamt 55 Beiträge
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bdroege 22.07.2019
1. Wirklich wirksamer als Placebos?
Ist die Wirkung von Iberogast nachweislich besser als Placebos ? Der Hinweis auf TCM ist eigentlich schon ein Grund die Wirkung anzuzweifeln. In China haben die Reiseleiter erzählt das sie lieber der westlichen Medizin vertrauen als der Traditionellen Chinesischen Medizin.
hileute 22.07.2019
2. Das Mittel wirkt
das man das nicht literweise trinken sollte ist doch klar. Wenn man regelmäßig unter Sodbrennen etc leidet sollte man lieber einen Arzt aufsuchen. Aber ab und zu die paar Tropfen iberogast in nem pinnchen warmen Wasser schaden nicht
legeips62 22.07.2019
3. Einer gestorben
bei mehrenen Millionen Anwendern. Täglich steben wie viele an Zigaretten oder Alkohol? Sind diese Drogen verboten? Nein, dafür gibt es ja Steuergelder.. Ist der Staat dann ein Dealer? Nein... Nur ein Steuereintreiber..
Newspeak 22.07.2019
4. ...
Ein Gesunder sollte gar nichts nehmen. Und jemand mit kleineren Wehwehchen sollte ebenfalls gar nichts nehmen. Die Leute fuerchten die Chemie wie den Teufel, wenn es ums Essen geht, aber werfen ohne jedes kritische Denken Medikamente ein, wenn sie auch nur ein winzig kleines Zipperlein plagt. Wann fangen diese Leute mal an, zu denken?
mitch72 22.07.2019
5. Quatsch
Meine Frau nimmt seit Monaten Schöllkraut, frisch als Saft, getrocknet als Tee oder mit Wodka. Alles wohldosiert, da passiert gar nichts. Ich glaube, da hat Bayer mal ein gutes natürliches Medikament rausgebracht, das muss nun schnell weg vom Markt. Hat man sich den Todesfall mal genauer anschaut? Wer sagt, dass Schöllkraut der Auslöser war?
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