Igel-Angebote Ärzte bieten Gutverdienern öfter Selbstzahlerleistungen an

Biofeedback bei Migräne, Sauerstofftherapie bei Hörsturz: Für einige Untersuchungen beim Arzt müssen Patienten extra zahlen. Mediziner haben dabei offenbar eine bestimmte Klientel im Blick.

Patientin bei Glaukom-Untersuchung
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Patientin bei Glaukom-Untersuchung


Könnte die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke vielleicht einen Tumor entdecken, der ansonsten verborgen bliebe? Oder würde die Messung des Augeninnendrucks einen grünen Star erkennen? Und wäre die winzige Chance auf so eine Früherkennung nicht die 20 Euro wert, die man aus eigener Tasche bezahlen müsste?

Vor diese Fragen gestellt, entscheiden sich viele Patienten für die jeweilige Untersuchung - und die Selbstbeteiligung. Individuelle Gesundheitsleistung nennt sich das für Ärzte lukrative Geschäft, kurz Igel. Mehr als jedem vierten Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen haben Mediziner im vergangenen Jahr in Deutschland Igel angeboten. Das geht aus der aktuellen Studie "Private Zusatzleistungen in der Arztpraxis" des Wido (Wissenschaftliches Institut der AOK) hervor, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Für die Untersuchung wurden mehr als 2000 Versicherte repräsentativ befragt.

Der Kunde, pardon: Der Patient ist König

Das Problem ist: Der Nutzen zahlreicher Igel ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Deshalb übernehmen die Krankenkassen die Kosten dafür auch nicht. Dem Wido zufolge entfallen fast die Hälfte aller Igel auf den Eierstock-Ultraschall und die Augendruckmessung. Augenärzte bieten ihren Patienten dementsprechend siebenmal häufiger solche Igel-Leistungen an als Allgemeinmediziner, Gynäkologen fünfmal häufiger.

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Auffällig dabei ist, dass Ärzte ihre Angebote offenbar nicht unbedingt abhängig machen vom Alter oder dem Gesundheitszustand des Patienten. Entscheidender ist offenbar der Geldbeutel, denn je höher das Einkommen der Patienten, desto häufiger werden ihnen Igel-Angebote unterbreitet: Während Mediziner nur 18 Prozent der Patienten mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1000 Euro in den vergangenen zwölf Monaten einen Igel-Vorschlag machten, waren es bei Patienten mit einem Einkommen von mehr als 4000 Euro netto pro Monat 35 Prozent. "Das lässt am medizinischen Nutzen vieler dieser Leistungen zweifeln", sagt Klaus Zok, Studienleiter im Forschungsbereich Gesundheitspolitik und Systemanalysen des Wido.

Insgesamt beläuft sich der Markt für Igel-Angebote Hochrechnungen zufolge auf eine Milliarde Euro. Dazu zählen so unterschiedliche Diagnoseverfahren und Behandlungen wie Akupunktur, Blutegeltherapien, Hirnleistungschecks und verschiedene Ultraschalluntersuchungen. Die Kostenspanne für die jeweiligen Angebote ist dabei groß: Während manche Untersuchungen schon für wenige Euro zu haben sind, fordern Ärzte für bestimmte Therapien mehrere Hundert Euro.

Doch nicht alle Igel sind nutzlos. Reiseimpfungen etwa ergeben medizinisch Sinn, werden aber nicht immer von den Krankenkassen bezahlt. Für einen Überblick über die verschiedenen Igel-Angebote, die Methoden und ihre Bewertungen, hat der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen (MDS) den sogenannten Igel-Monitor eingerichtet. Darin werden Nutzen und auch möglicher Schaden der Igel bewertet. Denn ein fälschlicherweise diagnostizierter Eierstocktumor etwa kann auch eine unnötige Operation nach sich ziehen.

hei

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Seite 1
drmedmabuse 26.02.2019
1.
Das generelle Problem in Deutschland ist leider, dass die GKV gesetzlich dazu verpflichtet ist, den Patienten nur eine "ausreichende" Versorgung zu gewähren. Keine Rede von "sehr gut". "Ausreichend" ist die Schulnote 4. Und natürlich wollen sich die gesetzlichen Krankenkassen dies nicht nachsagen lassen und haben daher den IGeL-Monitor entworfen. Dieser steht den meisten IGeL-Leistungen dementsprechend tendenziell negativ gegenüber, auch wenn die gegenwärtige Studienlage (siehe z.B. Stosswellentherapie) anders lautet. Natürlich gibt es viel Blödsinn, der von den ärztlichen Kollegen angeboten wird, aber auch viel Sinnvolles. Da hilft nur: Augen auf bei der Arztwahl.
keine-#-ahnung 26.02.2019
2. Das ist bestenfalls ein Drittel der Wahrheit ...
Zitat von drmedmabuseDas generelle Problem in Deutschland ist leider, dass die GKV gesetzlich dazu verpflichtet ist, den Patienten nur eine "ausreichende" Versorgung zu gewähren. Keine Rede von "sehr gut". "Ausreichend" ist die Schulnote 4. Und natürlich wollen sich die gesetzlichen Krankenkassen dies nicht nachsagen lassen und haben daher den IGeL-Monitor entworfen. Dieser steht den meisten IGeL-Leistungen dementsprechend tendenziell negativ gegenüber, auch wenn die gegenwärtige Studienlage (siehe z.B. Stosswellentherapie) anders lautet. Natürlich gibt es viel Blödsinn, der von den ärztlichen Kollegen angeboten wird, aber auch viel Sinnvolles. Da hilft nur: Augen auf bei der Arztwahl.
... liebe Frau Kollegin resp. lieber Herr Kollege. Korrekt heisst es in Satz 1 des §12 SGB V: "Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen." Sollte man sich immer mal wieder in ausgedruckter Form (analog!) unter das Kopfkissen legen ...
sven2016 26.02.2019
3. Woher wissen die Ärzte, was ein Patient
verdient? Ohne Zugriff auf die Daten der Krankenkasse dürfte das schwierig zu bestimmen sein. Oder habe ich da Veefahrensregeln nicht mitbekommen? Wenn das in der Statistik sogar nach Einkommensgruppen aufgeschlüsselt wird ...
Newspeak 26.02.2019
4. ...
Es sollte eigentlich doch nur darum gehen, ob etwas medizinisch notwendig ist. Wenn ja, sollte JEDER die bestmoegliche medizinische Versorgung bekommen. Wenn nein, sollten Aerzte diese Leistungen auch nicht anbieten duerfen. Das koennten ja andere Berufe tun, die aber explizit IMMER selbst bezahlt werden muessen. Es waere fuer alle besser, wenn man Aerzte medizinische Taetigkeiten ausfuehren laesst, und erst gar nicht diese Grauzone zulaesst.
oledoledoffe 26.02.2019
5. Der Beitragssatz für Krankenversicherung
...bleibt gleich, mit dem gleichen Geld müssen in kürzerer Zeit mehr und kränkere Patienten versorgt werden, die Pharmaindustrie schöpft kräftig ab... am Ende will der Arzt auch noch was verdienen... solange IGeL als solche beim Namen genannt werden, kann ich nichts verwerfliches an dem Angebot solcher durch die Ärzteschaft finden. Im Gegenteil, wenn Ärzte bei Gutverdienern mehr verdienen wollen, um ihre Existenz zu sichern, so scheinen Ärzte nur die Konsequenz aus dem Dilemma einer sich in Arm und Reich aufspaltenden Gesellschaft zu ziehen. Solange sich sehr Reiche nur mit einem lächerlichen und gedeckelten Beitrag am sogenannten Solidarischen Gesundheitssystem beteiligen müssen, werden Ärzte weiter nach alternativen Einkommensquellen suchen, ins Ausland gehen oder in die Industrie...
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