Igel-Leistungen beim Arzt Wir müssen reden!

Ärzte bieten viele Leistungen an, die gesetzlich Versicherte selbst bezahlen müssen. Die Kassen kritisieren den fehlenden medizinischen Nutzen. Das wahre Problem ist aber ein ganz anderes.
Gespräch in der Arztpraxis: Ganz in Ruhe die Blutwerte erklärt bekommen

Gespräch in der Arztpraxis: Ganz in Ruhe die Blutwerte erklärt bekommen

Foto: Adam Berry/ Getty Images

Stellen Sie sich folgende Szenarien vor:

1) Sie gehen zum Arzt, schildern Ihr Problem. Es werden mehrere Nachfragen gestellt, auf Ihre Situation wird genauestens eingegangen. Anschließend schlägt der Mediziner zwei Behandlungsmöglichkeiten vor, nennt Vor- und Nachteile. Geduldig geht er auf alle Einwände ein, gemeinsam treffen sie eine Entscheidung. Als Sie das Behandlungszimmer verlassen, wissen Sie genau, was jetzt Sache ist - und es ist eine halbe Stunde vergangen, in denen nur geredet wurde.

2) Sie gehen zum Arzt, schildern Ihr Problem. Nach circa 90 Sekunden werden Sie unterbrochen. Der Arzt empfiehlt einen Test, den er gleich vornehmen will. Den müssen Sie selbst zahlen. Er koste aber nur 50 Euro und sei wirklich sinnvoll, sagt der Mediziner. Dass die Kassen ihn nicht übernehmen, sei ein Unding. Nach dem Test nimmt sich der Arzt nochmal zwei Minuten Zeit, schreibt ein Rezept und dann stehen Sie im Praxisflur und sind nicht ganz sicher, ob Sie das verschriebene Medikament wirklich nehmen werden.

Welche Variante hätten Sie gern?

Vermutlich die erste.

Welche ist realistisch?

Leider eher die zweite.

Ärzte in Deutschland bieten zahlreiche Leistungen an, die gesetzlich Versicherte selbst bezahlen müssen, sogenannte Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz Igel-Leistungen. Die Krankenkassen bemängeln in ihrem Igel-Monitor, der an diesem Donnerstag neue Daten präsentiert, dass manche dieser Angebote einen unklaren oder gar keinen Nutzen haben.

Schlimmstenfalls können Igel-Leistungen sogar Schaden anrichten: Wenn etwa beim Ultraschall der Eierstöcke  fälschlicherweise Tumoren gesichtet werden, was die Frauen psychisch belastet. Oder sogar unnötige Operationen folgen lässt.

Nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) haben Ärzte im Jahr 2012 rund 18,2 Millionen Igel-Leistungen erbracht und dafür rund 1,3 Milliarden Euro in Rechnung gestellt. Knapp 30 Prozent aller Versicherten haben damals eine Igel-Leistung in Anspruch genommen.

Der Schmu mit den Igel-Leistungen

Um Patienten zu Selbstzahlern zu machen, bauen manche Ärzte viel Druck auf. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen berichtet  von Fällen, in denen Kassenpatienten nur einen zeitnahen Facharzttermin bekommen konnten, wenn sie eine Igel-Leistung mitbuchten; oder in denen Patienten schon beim Betreten der Praxis Selbstzahlerangebote aufgedrängt wurden.

Die Lösung bei solchen Extremfällen heißt natürlich: den Arzt wechseln, sofern dies möglich ist. Das grundsätzliche Problem löst sich dadurch indes nicht.

Es liegt in der Doppelrolle des niedergelassenen Arztes begründet: der ist Vertrauensperson und Unternehmer zugleich. Natürlich müssen Ärzte bedenken, wie viel sie verdienen.

Was zurzeit leider bedeutet: 30 Minuten Gespräch sind für den Arzt kaum rentabel, Igel-Leistungen aber lohnen sich. An dieser Schraube müssten die Krankenkassen drehen.

Würde das Arztgespräch endlich besser vergütet werden, würde manche unsinnige Igel-Leistung - hoffentlich - aus den Praxen verschwinden.

Eckart von Hirschhausen
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