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26. März 2014, 11:07 Uhr

Verbraucherschützer

"Patienten werden zu Untersuchungen gedrängt"

Wie muss der Arzt den GKV-Versicherten informieren, um ihm eine individuelle Gesundheitsleistung verkaufen zu dürfen? Wie können sich privat Versicherte gegen überhöhte Rechnungen wehren? Verbraucherschützer Kai-Helge Vogel über Möglichkeiten, sich vor raffgierigen Ärzte zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine systematische Überversorgung von privat Versicherten?

Vogel: Die ärztliche Freiheit bietet einen Spielraum bei der Therapie. Der eine Mediziner setzt eher auf Apparate, der andere eher auf alternative Heilmethoden. Von daher ist es schwer, objektiv zu beurteilen, wo eine Überversorgung anfängt. Es gibt natürlich auch Ärzte, die sagen sich: Hier kann ich mehr Leistungen erbringen, das lohnt sich.

SPIEGEL ONLINE: Wie wehrt man sich gegen eine Überversorgung?

Vogel: Es ist wichtig, dass man als Patient dem Arzt Fragen stellt, etwa: Welchen Nutzen hat diese zusätzliche Untersuchung oder Behandlung? Ist diese Methode wissenschaftlich untersucht und ihr Nutzen belegt? Und ganz wichtig: Welche Risiken sind damit verbunden?

SPIEGEL ONLINE: Viele Ärzte reagieren empfindlich auf solche Fragen.

Vogel: Der Halbgott in Weiß ist teilweise noch da, aber die Patienten werden kritischer. Die Mediziner werden sich daran gewöhnen müssen. Vor einem größeren Eingriff sollte man sich eine zweite Meinung einholen. Außerdem sollte man noch andere Informationsquellen zu Rate ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wo findet man verlässliche Informationen?

Vogel: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG gibt unabhängige Informationen heraus, die bei einer Entscheidung helfen können. Außerdem geben die Leitlinien der ärztlichen Fachgesellschaften einen gewissen Rahmen vor. Es gibt auch gute Anlaufstellen zu bestimmten medizinischen Aspekten, wie etwa den Krebsinformationsdienst.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich im Nachhinein wehren, wenn man überbehandelt wurde?

Vogel: Das ist schwierig. Ich würde auf jeden Fall das Gespräch mit dem Arzt suchen. Man kann sich auch bei der Ärztekammer beschweren. Das wird zwar alleine nicht zu einem Verfahren führen. Aber es kann Folgen haben, wenn das viele Patienten machen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nicht gerade nach unmittelbaren Folgen für den Arzt an.

Vogel: Ich will nicht sagen, dass das ein scharfes Schwert ist, aber man kann sich dort zumindest mal informieren und Unterstützung ins Boot holen. Insbesondere, wenn der Arzt zu Behandlungen und Therapien drängt, die man nicht möchte. Besonders in dem Fall sollte man sich an die Kammer wenden. Außerdem gibt es Beratungsstellen, wie die unabhängige Patientenberatung, die eine Einschätzung geben kann. In gravierenden Fällen gibt es natürlich auch spezialisierte Anwälte.

SPIEGEL ONLINE: Ist es sinnvoll, sich bei der privaten Krankenversicherung zu beschweren?

Vogel: Ist auch eine Option, aber die Abteilungen der PKVen sind unterschiedlich gut ausgestattet. Eigentlich sollten sie ein Interesse daran haben, sich Abrechnungen genau anschauen.

Die privaten Krankenversicherer bieten zudem auch Möglichkeiten zur Prüfung einer ärztlichen Privatrechnung.

SPIEGEL ONLINE: Muss ein Arzt dem Patienten vor der Behandlung darüber informieren, was diese kostet?

Vogel: Im Rahmen seiner Aufklärung sollte der Arzt ankündigen, was er medizinisch plant - eine Pflicht, über die Kosten zu informieren besteht aber nicht - anders als zum Beispiel bei den Individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) der gesetzlich Versicherten. Hier muss dem Patienten ein Kostenvoranschlag gemacht werden. In bestimmten Fällen hat der Arzt jedoch auch beim privat Versicherten eine wirtschaftliche Aufklärungspflicht, etwa bei Behandlungsmethoden die von der "Schulmedizin" nicht anerkannt sind und von denen er weiß oder wissen sollte, dass deren Kosten von den privaten Krankenversicherungen nicht übernommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Bezüglich der Kostentransparenz ist der gesetzlich Versicherte besser gestellt als der privat Versicherte?

Vogel: Dem gesetzlich Versicherten muss bei IGeL-Leistungen mitgeteilt werden, was genau gemacht werden soll und wie hoch die Kosten sind, die er selbst zu bezahlen hat. Auch auf die Möglichkeit, dass der Patient sich Bedenkzeit nehmen kann, ist hinzuweisen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Missbrauch von Igel-Leistungen?

Vogel: Es werden mittlerweile für 1,3 Milliarden Euro Igel erbracht. Das ist ein Markt, in dem vorwiegend die Fachärzte aktiv sind. Ich sehe besonders bei der Früherkennung Probleme. Patienten werden zu umstrittenen Untersuchungen gedrängt mit Aussagen wie: "Wenn Sie das machen, können Sie Krebs vermeiden." Das ist grenzwertig. Es gibt definitiv Ärzte, die damit ein Geschäft machen. Es muss informiert werden über die Kosten und das muss schriftlich fixiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht gefährlich, dass privat Versicherte nicht das Recht auf einen Kostenvoranschlag haben?

Vogel: PKV-Versicherten drohen finanzielle Risiken. Insbesondere weil es heutzutage sehr unterschiedliche Tarife in der PKV gibt- zum Beispiel den Basistarif, bei dem weitaus nicht alles übernommen wird. Ich würde jedem Patienten raten, den Arzt darauf hinzuweisen, wenn man zum Beispiel eine hohe Selbstbeteiligung hat.

Oft werden erhöhte Preise mit besonderen Erschwernissen gerechtfertigt. Auf der Zahnarztrechnung taucht dann als Begründung für Mehrkosten etwa eine "besonders kleine Mundöffnung" oder beim Orthopäden "massivste Verrenkungen" auf, obwohl es die bei dem jeweiligen Patienten gar nicht gegeben hat.

In solchen Fällen würde ich in jedem Fall dazu raten, den Arzt direkt auf die falsche Rechnung anzusprechen. Wenn das nicht zur Klärung führt, sollte man die Landesärztekammer des Landes hinzuzuziehen, indem der Arzt zugelassen ist.

Das Interview führte Frederik Jötten

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