Verbraucherschützer "Patienten werden zu Untersuchungen gedrängt"

Wie muss der Arzt den GKV-Versicherten informieren, um ihm eine individuelle Gesundheitsleistung verkaufen zu dürfen? Wie können sich privat Versicherte gegen überhöhte Rechnungen wehren? Verbraucherschützer Kai-Helge Vogel über Möglichkeiten, sich vor raffgierigen Ärzte zu schützen.

Ungefragte Untersuchungen können schnell teuer werden
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Ungefragte Untersuchungen können schnell teuer werden


ZUR PERSON
    Kai-Helge Vogel ist Leiter des Teams Gesundheit beim Bundesverband der Verbraucherzentrale.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine systematische Überversorgung von privat Versicherten?

Vogel: Die ärztliche Freiheit bietet einen Spielraum bei der Therapie. Der eine Mediziner setzt eher auf Apparate, der andere eher auf alternative Heilmethoden. Von daher ist es schwer, objektiv zu beurteilen, wo eine Überversorgung anfängt. Es gibt natürlich auch Ärzte, die sagen sich: Hier kann ich mehr Leistungen erbringen, das lohnt sich.

SPIEGEL ONLINE: Wie wehrt man sich gegen eine Überversorgung?

Vogel: Es ist wichtig, dass man als Patient dem Arzt Fragen stellt, etwa: Welchen Nutzen hat diese zusätzliche Untersuchung oder Behandlung? Ist diese Methode wissenschaftlich untersucht und ihr Nutzen belegt? Und ganz wichtig: Welche Risiken sind damit verbunden?

SPIEGEL ONLINE: Viele Ärzte reagieren empfindlich auf solche Fragen.

Vogel: Der Halbgott in Weiß ist teilweise noch da, aber die Patienten werden kritischer. Die Mediziner werden sich daran gewöhnen müssen. Vor einem größeren Eingriff sollte man sich eine zweite Meinung einholen. Außerdem sollte man noch andere Informationsquellen zu Rate ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wo findet man verlässliche Informationen?

Vogel: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG gibt unabhängige Informationen heraus, die bei einer Entscheidung helfen können. Außerdem geben die Leitlinien der ärztlichen Fachgesellschaften einen gewissen Rahmen vor. Es gibt auch gute Anlaufstellen zu bestimmten medizinischen Aspekten, wie etwa den Krebsinformationsdienst.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich im Nachhinein wehren, wenn man überbehandelt wurde?

Vogel: Das ist schwierig. Ich würde auf jeden Fall das Gespräch mit dem Arzt suchen. Man kann sich auch bei der Ärztekammer beschweren. Das wird zwar alleine nicht zu einem Verfahren führen. Aber es kann Folgen haben, wenn das viele Patienten machen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nicht gerade nach unmittelbaren Folgen für den Arzt an.

Vogel: Ich will nicht sagen, dass das ein scharfes Schwert ist, aber man kann sich dort zumindest mal informieren und Unterstützung ins Boot holen. Insbesondere, wenn der Arzt zu Behandlungen und Therapien drängt, die man nicht möchte. Besonders in dem Fall sollte man sich an die Kammer wenden. Außerdem gibt es Beratungsstellen, wie die unabhängige Patientenberatung, die eine Einschätzung geben kann. In gravierenden Fällen gibt es natürlich auch spezialisierte Anwälte.

SPIEGEL ONLINE: Ist es sinnvoll, sich bei der privaten Krankenversicherung zu beschweren?

Vogel: Ist auch eine Option, aber die Abteilungen der PKVen sind unterschiedlich gut ausgestattet. Eigentlich sollten sie ein Interesse daran haben, sich Abrechnungen genau anschauen.

Die privaten Krankenversicherer bieten zudem auch Möglichkeiten zur Prüfung einer ärztlichen Privatrechnung.

SPIEGEL ONLINE: Muss ein Arzt dem Patienten vor der Behandlung darüber informieren, was diese kostet?

Vogel: Im Rahmen seiner Aufklärung sollte der Arzt ankündigen, was er medizinisch plant - eine Pflicht, über die Kosten zu informieren besteht aber nicht - anders als zum Beispiel bei den Individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) der gesetzlich Versicherten. Hier muss dem Patienten ein Kostenvoranschlag gemacht werden. In bestimmten Fällen hat der Arzt jedoch auch beim privat Versicherten eine wirtschaftliche Aufklärungspflicht, etwa bei Behandlungsmethoden die von der "Schulmedizin" nicht anerkannt sind und von denen er weiß oder wissen sollte, dass deren Kosten von den privaten Krankenversicherungen nicht übernommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Bezüglich der Kostentransparenz ist der gesetzlich Versicherte besser gestellt als der privat Versicherte?

Vogel: Dem gesetzlich Versicherten muss bei IGeL-Leistungen mitgeteilt werden, was genau gemacht werden soll und wie hoch die Kosten sind, die er selbst zu bezahlen hat. Auch auf die Möglichkeit, dass der Patient sich Bedenkzeit nehmen kann, ist hinzuweisen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Missbrauch von Igel-Leistungen?

Vogel: Es werden mittlerweile für 1,3 Milliarden Euro Igel erbracht. Das ist ein Markt, in dem vorwiegend die Fachärzte aktiv sind. Ich sehe besonders bei der Früherkennung Probleme. Patienten werden zu umstrittenen Untersuchungen gedrängt mit Aussagen wie: "Wenn Sie das machen, können Sie Krebs vermeiden." Das ist grenzwertig. Es gibt definitiv Ärzte, die damit ein Geschäft machen. Es muss informiert werden über die Kosten und das muss schriftlich fixiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht gefährlich, dass privat Versicherte nicht das Recht auf einen Kostenvoranschlag haben?

Vogel: PKV-Versicherten drohen finanzielle Risiken. Insbesondere weil es heutzutage sehr unterschiedliche Tarife in der PKV gibt- zum Beispiel den Basistarif, bei dem weitaus nicht alles übernommen wird. Ich würde jedem Patienten raten, den Arzt darauf hinzuweisen, wenn man zum Beispiel eine hohe Selbstbeteiligung hat.

Oft werden erhöhte Preise mit besonderen Erschwernissen gerechtfertigt. Auf der Zahnarztrechnung taucht dann als Begründung für Mehrkosten etwa eine "besonders kleine Mundöffnung" oder beim Orthopäden "massivste Verrenkungen" auf, obwohl es die bei dem jeweiligen Patienten gar nicht gegeben hat.

In solchen Fällen würde ich in jedem Fall dazu raten, den Arzt direkt auf die falsche Rechnung anzusprechen. Wenn das nicht zur Klärung führt, sollte man die Landesärztekammer des Landes hinzuzuziehen, indem der Arzt zugelassen ist.

Das Interview führte Frederik Jötten

insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
schosch.h. 26.03.2014
1.
Geil, noch mehr Ärzte-Bashing! Wurde ja auch mal Zeit, da der letzte Artikel schon rund acht Stunden alt ist. Ich war in der Zwischenzeit so verzweifelt, dass ich in der Fußgängerzone Passanten anpöbeln musste! Die hässlichen Gartenzwerge des Nachbarn wären mein nächstes Ziel gewesen... Schön, dass ich mich nun wieder abreagiern kann, ohne das Haus verlassen zu müssen! :)
GrinderFX 26.03.2014
2.
Zitat von schosch.h.Geil, noch mehr Ärzte-Bashing! Wurde ja auch mal Zeit, da der letzte Artikel schon rund acht Stunden alt ist. Ich war in der Zwischenzeit so verzweifelt, dass ich in der Fußgängerzone Passanten anpöbeln musste! Die hässlichen Gartenzwerge des Nachbarn wären mein nächstes Ziel gewesen... Schön, dass ich mich nun wieder abreagiern kann, ohne das Haus verlassen zu müssen! :)
Aber es ist doch traurige Wahrheit. Ich gehe nahezu nie zum Arzt musste aber leider doch mal hin, weil es einfach unvermeidbar war und das wegen einem undefinierbaren Objekt am Schienbein/ Knieansatz. Vermutlich Kalk auf Grund einer Verletzung. Kann man eigentlich nur Operativ entfernen, da oberflächlich nicht so kompliziert und hoffentlich auch ohne Folge. Er wollte mir Wasser, ja Wasser reinspritzen. Als ich ihn Fragte was das bringen sollte, konnte er mir das nicht beantworten. Ich wüsste auch nicht, wie diese Beule mit Wasser weggehen sollte. So läuft das doch bei nahezu jedem Arzt ab. Aber noch schlimmer ist ja, es wurde Röntgenbild, MRT und im Endeffekt ein Ultraschall gemacht, sehen konnte man nur was auf dem Ultraschall. Totale Verschwendung also.
n.flanders 26.03.2014
3. Gähn
Raffgierige Ärzte als Aufmacher. Da versucht der "freie Journalist" als Alternative zu richtiger Arbeit mal wieder sein offenbar nicht gut laufendes Buch auf Kosten anderer zu pushen, die sich tagtäglich abmühen. Peinlich für den Spiegel.
nichtzuglauben 26.03.2014
4. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil
Apropos kleine Mundöffnung: da hat doch so eine raffgierige Zahnvermurkserin versucht, mir den dreifachen Satz für alle Behandlungen abzuknöpfen wegen meiner angeblich sehr kleinen Mundöffnung - wirklich absurd! Eine kleine höfliche Andeutung meines Anwalts, dass wir auch in Erwägung ziehen könnten, sozusagen als Schiedsmann den Staatsanwalt einzuschalten, beendete dann ganz plötzlich das Gefeilsche zu meinen Gunsten.....
PaulMeister 26.03.2014
5. Nur mal so am Rande...
Zitat von sysopCorbisWie muss der Arzt den GKV-Versicherten informieren, um ihm eine individuelle Gesundheitsleistung verkaufen zu dürfen? Wie können sich privat Versicherte gegen überhöhte Rechnungen wehren? Verbraucherschützer Kai-Helge Vogel über Möglichkeiten, sich vor raffgierigen Ärzte zu schützen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/igel-leistung-oder-privat-versichert-aerzte-muessen-aufklaeren-a-960645.html
In IGel steckt Leistung bereits mit drin. Insofern ist IGel-Leistungen doppelt gemoppelt. Korrekt muss es IGe-Leistungen heißen. #Klugscheißmodus aus# Davon ab, deckt sich das leider zunehmend mit meiner eigenen Erfahrung. Als Privatversicherter ist man die Melkkuh des Arztes. Jetzt kann man sagen: "ist ja nocht so schlimm was juckt es mich die PKV bezahlt ja fast alles", dabei unterschlägt man aber dass sich die steigenden Ausgaben für solch unnütze Leistungen direkt auf die eigenen Beiträge niederschlagen! Das zusammen mit der zunehmenden Abwanderung aus der PKV (ich kenne einige Unternehmer in meinem Umfeld die sich anstellen lassen um wieder zur GKV wechseln zu können) wird in naher Zukunft zum Kollaps derselben führen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Um das noch etwas hinaus zu zögern kann ich nur jedem privat Versicherten raten dem Arzt genau auf die Finger zu schauen, zu hinterfragen und notfalls den Arzt zu wechseln!
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