Igel-Leistungen EU subventioniert Verkaufstrainings für Ärzte

Nicht nur die Bundesregierung, auch die EU fördert offensichtlich Verkaufsseminare für Ärzte. Bei den Fortbildungen lernen die Mediziner, wie sie ihren Patienten möglichst viele der umstrittenen Igel-Selbstzahlerleistungen verkaufen können. Das Wirtschaftsministerium will die Zuschüsse prüfen.

Ärztin im Patientengespräch: Viele Mediziner empfehlen ihren Patienten Igel-Leistungen
Corbis

Ärztin im Patientengespräch: Viele Mediziner empfehlen ihren Patienten Igel-Leistungen


Die Gesundheit ist unbezahlbar, heißt es im Volksmund. Und so kommt es, dass viele Patienten am Ende des Arztbesuches mit einer Rechnung nach Hause gehen, die sie aus der eigenen Tasche begleichen müssen. Ursache sind die sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen (kurz Igel): Vorsorge- und Zusatzuntersuchungen, die nicht als medizinisch notwendig gelten und daher nicht von den Krankenkassen bezahlt werden.

Ende Juli war bereits bekannt geworden, dass die Bundesregierung offenbar Geld von Steuerzahlern in Marketingseminare für Ärzte investiert. Bei den Fortbildungen lernen die Mediziner, wie sie ihren Patienten möglichst viele der Selbstzahlerleistungen verkaufen können. Laut einem Bericht der "Berliner Zeitung" subventioniert die Regierung die Verkaufstrainings für Igel-Leistungen mit bis zu 3000 Euro.

Jetzt wurde bekannt, dass auch die EU in die Förderung der umstrittenen Marketingseminare verwickelt ist. Die Hälfte der Subventionen für die Schulungen stammten aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), berichtet die "Südwest Presse" am Dienstag. Dies habe das für die Förderung zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle bestätigt.

Bundesregierung prüft staatliche Förderungen

Die Bundesregierung überprüft derzeit die staatliche Förderung der Ärzteseminare. Das Wirtschaftsministerium erklärte vor kurzem, solche Schulungen erhielten zwar bisher einen Zuschuss, das stehe nun aber auf dem Prüfstand. Dem Bericht der "Südwest Presse" zufolge können Mediziner für die Schulung ihrer Praxisangestellten auch Bildungsgutscheine von bis zu 500 Euro erhalten. Diese Prämienzahlung verantworte das Bundesbildungsministerium.

Insgesamt setzen Ärzte mit individuellen Gesundheitsleistungen rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr um. Der Nutzen mancher Leistungen ist stark umstritten, auch die Art der Bezahlung steht teilweise in der Kritik. So gibt es etwa bei der Hautkrebsvorsorge einen Streit darüber, ob die Kontrolle mit beleuchteter Lupe, die manche Ärzte als Igel-Leistung in Rechnung stellen, nicht zur Behandlung gehört - und somit eigentlich bereits von den Kassen bezahlt werde. Die Verbraucherzentrale NRW hingegen hatte Frauenärzte abgemahnt, die offensiv für einen Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsvorsorge werben.

Daneben existieren allerdings auch sinnvolle Igel-Untersuchungen wie Impfungen vor Fernreisen. Eine Übersicht der meisten Igel-Untersuchungen findet sich auf einem Internetportal des Medizinischen Dienstes vom Bund der Krankenkassen. Dort gibt es auch eine Bewertung von Nutzen und Schaden des jeweiligen Gesundheits-Checks.

irb/dpa



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
GerhardFeder 07.08.2012
1. Fortbildung
Zitat von sysopCorbisNicht nur die Bundesregierung, auch die EU fördert offensichtlich Verkaufsseminare für Ärzte. Bei den Fortbildungen lernen die Mediziner, wie sie ihren Patienten möglichst viele der umstrittenen Igel-Selbstzahlerleistungen verkaufen können. Das Wirtschaftsministerium will die Zuschüsse prüfen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,848628,00.html
Besser wäre, die Ärzte in Statistik fortzubilden, damit sie ihren Patienten nicht soviel Unfug übder die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten erzählen und infolgedessen nicht so oft zu Dauer-Medikationen greifen.
artusdanielhoerfeld 07.08.2012
2. Au fein...
...darauf freue ich mich. Soll mal ein Arzt mit seinem Zwei-Wochenende-Verkaufs-Training versuchen, mir etwas anzudrehen. Als ehemaliger Handelsvertreter und Pharmareferent verkaufe ich ihm seinen eigenen Kittel. Dreimal.
karhu1 07.08.2012
3. Besser wäre es ....
Zitat von GerhardFederBesser wäre, die Ärzte in Statistik fortzubilden, damit sie ihren Patienten nicht soviel Unfug übder die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten erzählen und infolgedessen nicht so oft zu Dauer-Medikationen greifen.
... in Deutschland Ärzte in Landarztpraxen besser zu bezahlen, damit sie nichts verkaufen müssen.
isolde_trinken 07.08.2012
4. Noch besser wäre es ...
statt Ärzte in Landarztpraxen besser zu bezahlen, Ärzte und Zahnärzte hinsichtlich der Honorarentwicklung anderen Freiberuflern gleichzustellen... Oder mal die Effizienz der Krankenkassen kritisch zu hinterfragen... Oder auch der Pharmaindustrie deren Gewinne etwas abzuschmelzen... Oder die Eigenverantwortung des Patienten zu stärken... Und vor allem den Patienten klarzumachen, dass die "meine Kasse zahlt alles" Mentalität überholt ist... Oder die Beihilfe für beamte abschaffen und diese in die gesetzliche Krankenversicherung überführen (spätestens dann würde das System der privaten Krankenvolversicherung in D eh kollabieren)... usw
hapeme 07.08.2012
5. Das Passt doch!?!?
Was haben wir denn von FDP-Ministern in Gesundheits- und Wirtschaftsministerium erwartet? Die können doch nichts anderes, als Geld bei den Beitragszahlern abkassieren und den Weg für noch mehr "Kasse" frei machen! Es gibt doch keine Reformideen für das Gesundheitswesen - und das wird eher schlechter - mehr!
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