Ärzte Staat streicht Subventionen für Verkaufstrainings

Ein Belastungs-EKG gefällig? Bei Verkaufstrainings lernen Mediziner, ihren Patienten möglichst viele Selbstzahlerleistungen aufzuschwatzen. Bisher subventionierte der Staat die umstrittenen Seminare, damit soll jetzt Schluss sein.
Kein Platz für Igel: Individuelle Gesundheitsleistungen sind höchst umstritten

Kein Platz für Igel: Individuelle Gesundheitsleistungen sind höchst umstritten

Foto: Eckhard H. Roth

Die Lungenfunktionsprüfung für knapp 30 Euro, das Belastungs-EKG für etwa 60 Euro und die professionelle Zahnreinigung für 50 Euro oder mehr: Der Arztbesuch kann für Patienten schnell zu einem teuren Erlebnis werden. Grund dafür sind sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen, kurz Igel. Da die Vorsorge- und Zusatzuntersuchungen nicht von den Krankenkassen erstattet werden, müssen Patienten sie in der Regel selbst bezahlen.

Der Nutzen vieler Igel-Leistungen ist umstritten, die Preise können von Praxis zu Praxis schwanken. Entsprechend groß war die Empörung, als Ende Juli bekannt wurde, dass die Bundesregierung offenbar Geld von Steuerzahlern in Verkaufstrainings für Ärzte investiert. Bei den umstrittenen Marketingseminaren sollen Mediziner lernen, wie sie ihren Patienten möglichst viele Selbstzahlerleistungen verkaufen können.

Mit den Finanzspritzen soll nun Schluss sein. Das Bundeswirtschaftsministerium bestätigte einen Bericht der "Berliner Zeitung", laut dem die Ärzteseminare nicht mehr staatlich gefördert werden. Eine aktiv betriebene Vermarktung von Igel-Leistungen sei mit den ethischen Grundsätzen des Berufsrechts der Ärzte nicht vereinbar, hieß es zur Begründung.

"Aus ethischen Gesichtspunkten nicht unterstützungswürdig"

"Holen sich Ärzte zur Entwicklung entsprechender Verkaufsstrategien externe Hilfe, ist dies vor allem unter gesundheitspolitischen und ethischen Gesichtspunkten nicht unterstützungswürdig", teilte das Ministerium mit. Nach einer Überprüfung durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle würden die Förderrichtlinien "kurzfristig angepasst". Angaben über die bisherigen Fördermittel gab es nicht. Die "Berliner Zeitung" hatte berichtet, dass die Regierung die Verkaufstraining mit bis zu 3000 Euro subventioniert. Ein Teil der Gelder stammte wohl auch aus dem Europäischen Sozialfond der EU.

Laut einer Studie der AOK aus dem Jahr 2010 nehmen Ärzte mit individuellen Gesundheitsleistungen rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr in ein. Mehr als jeder vierte Versicherte (28,3 Prozent) nutzt demnach die zusätzlichen Angebote. Neben dem Sinn mancher Leistungen ist auch die Vermarktung teilweise umstritten. So diskutieren etwa Experten darüber, ob die Kontrolle mit beleuchteter Lupe bei der Hautkrebs-Vorsorge, die manche Ärzte als Igel-Leistung in Rechnung stellen, nicht zur Behandlung gehört - und somit eigentlich von den Kassen bezahlt werden sollte.

"Haben Sie von sich aus nach dieser Leistung gefragt?"

Art der Leistung nein* ja weiß nicht mehr
Glaukomvorsorgeuntersuchung 81,3 18,7
Ergänzende Krebsfrüherkennungsuntersuchung bei der Frau
80,8

19,2
Knochendichtemessung/Osteoporose-Untersuchung
80,0

16,7

3,3
Ultraschalluntersuchung/Sonografie 79,6 20,4
Blutuntersuchung/Laborleistung 71,6 28,4
Akupunktur 64,0 32,0 4,0
PSA-Bestimmung zur Früherkennung von Prostatakrebs
61,2

38,8
Medikament beziehungsweise Heil- und Hilfsmittel 49,5 49,5 1,0
Hautkrebsvorsorge 42,9 57,1
Kosmetische Leistung 30,0 70,0
keine vertragsärztliche Leistung 25,3 74,7
Sonstiges 30,8 69,2
Insgesamt 71,1 28,9
*Angaben in Prozent
Meistens bieten Ärzte IGeL von sich aus an. Bei Leistungen, die stark beworben werden, wie Hautkrebsvorsorge oder kosmetische Leistungen, werden aber eher die Patienten aktiv.
Quelle: WIdO 2010

Die Verbraucherzentrale NRW hingegen hatte Frauenärzte abgemahnt, die offensiv für einen Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsvorsorge werben. Grundsätzlich existieren allerdings auch sinnvolle Igel-Leistungen wie etwa Impfungen vor Fernreisen. Eine Übersicht der meisten Igel-Untersuchungen findet sich auf einem Internetportal des Medizinischen Dienstes  vom Bund der Krankenkassen. Dort gibt es auch eine Bewertung von Nutzen und Schaden des jeweiligen Gesundheits-Checks.

irb/dpa
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