Faktencheck Das ist dran an den Impf-Gerüchten

Über kaum etwas wird so heftig und emotional gestritten wie übers Impfen. Doch welche Argumente der Gegner und Befürworter stimmen und welche nicht?

Johner Bildbyra/ Johner Images/ Getty Images

Noch immer sterben Menschen an Masern, obwohl die Krankheit durch konsequentes Impfen vermieden werden könnte. In Deutschland fordern Politiker parteiübergreifend eine Impfpflicht. Auch der Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery unterstützt die Pläne. Der Deutsche Ethikrat zeigte sich ebenfalls aufgeschlossen gegenüber einer Impfdebatte, betonte aber jüngst, die Diskussion dürfe sich nicht nur auf Kinder beschränken.

Doch weigern sich tatsächlich immer mehr Eltern, ihre Kinder immunisieren zu lassen? Und welche Vorteile bringen Impfungen wirklich? Das sind die Fakten.

Behauptung: Es gibt immer mehr Impfgegner.

Stimmt nicht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung untersucht regelmäßig, wie sich die Einstellung zum Impfen verändert. In der jüngsten Befragung aus dem Jahr 2016 gaben 18 Prozent der Teilnehmer an, Vorbehalte gegenüber Impfungen zu haben, fünf Prozent lehnten sie ab. Zwei Jahre zuvor waren es noch 25 Prozent beziehungsweise sechs Prozent.

Behauptung: Wenn man sich impfen lässt, kann die Krankheit erst recht ausbrechen.

Das ist falsch - mit extrem seltenen Ausnahmen. "Die meisten Impfstoffe heute sind Impfstoffe, in denen nur noch Teile des Erregers vorkommen", sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). In diesen Mitteln sind also keine vermehrungsfähigen Erreger, die Krankheiten auslösen könnten.

Das gilt in der Regel auch für Lebendimpfstoffe, die abgeschwächte Varianten eines Erregers enthalten. Beispiele dafür sind Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln und Gelbfieber. "Diese Erreger können sich begrenzt vermehren", sagt Cichutek. "Aber sie können die entsprechende Infektionskrankheit nicht mehr auslösen."

Es gibt aber seltene Ausnahmen: Bei einer von drei bis vier Millionen Polio-Immunisierungen mit Lebendimpfstoff infiziert sich ein Mensch durch die Impfung mit der Krankheit. Dieser wird in Deutschland allerdings nicht mehr gegeben.

Nach der ersten Masernimpfung treten bei 5 bis 15 Prozent der Menschen sogenannte Impfmasern auf, meist in der zweiten Woche nach der Immunisierung. Zu den Symptomen gehören Fieber, flüchtiger Ausschlag und Reizungen der Atemwege. Im Gegensatz zu den "echten" Masern sind Impfmasern nicht ansteckend und verursachen nur wenige Symptome, die von selbst abklingen, betont Cichutek.

Behauptung: Sein Kind impfen zu lassen, hilft auch anderen.

Das stimmt. Ein Mensch schützt mit einer Impfung nicht nur sich selbst, sondern indirekt auch andere. Wenn ausreichend viele Menschen geimpft sind, kann sich ein Erreger nicht mehr in der Bevölkerung verbreiten. Erst dann sind auch Säuglinge oder Schwangere geschützt, die zum Beispiel nicht gegen Masern geimpft werden können. Das Prinzip wird auch als Herdenimmunität bezeichnet.

Behauptung: Impfungen können Autismus, Allergien und Plötzlichen Kindstod verursachen.

Das ist falsch. "Das Gerücht, insbesondere die Masernimpfung könne Autismus verursachen, geht auf eine Untersuchung an nur zwölf Kindern zurück", sagt PEI-Chef Cichutek. Die Studie aus dem Jahr 1998 eines britischen Arztes wurde wegen methodischer Fehler längst zurückgezogen. Der Autor hat zudem seine Zulassung als Arzt verloren, weil ihm Interessenskonflikte nachgewiesen wurden. Weitere Studien haben die These inzwischen mehrfach widerlegt. "Es gibt keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Impfstoffen und Autismus", betont Cichutek.

Das gelte auch für Allergien. So traten in der DDR trotz Impfpflicht kaum Allergien auf. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Impfungen das Risiko für die Allergieentwicklungverringern können.

Auch beim Plötzlichen Kindstod (SIDS) wurde kein Zusammenhang mit Impfungen nachgewiesen. Vielmehr gingen diese Todesfälle in Deutschland trotz neuer Kombinationsimpfungen zurück. So starben nach der Gesundheitsstatistik des Bundes 1991 etwa 1,5 Säuglinge pro 1000 Kinder am Plötzlichen Kindstod. Seit Einführung der Kombi-Impfstoffe 2002 sank die Zahl der Fälle bis zu den jüngsten Zahlen für 2013 auf 0,2 SIDS-Todesfälle pro 1000 Kinder. "SIDS tritt in der frühen Kindheit auf und in derselben Zeit ihres Lebens werden Kinder geimpft", sagt Cichutek. Daher könne es rein zufällig zu Fällen von SIDS in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung kommen.

Behauptung: Wenn Frauen vor einer Schwangerschaft geimpft sind, schützt das auch ihr Baby.

Das gilt zumindest für einige Impfungen. Vor der Geburt werden schützende Antikörper von der Mutter auf das Kind übertragen. Neugeborene sind dadurch gegen bestimmte Erreger für eine gewisse Zeit weitgehend immun. Stillen unterstützt diesen Nestschutz, da das Baby auch mit der Muttermilch Antikörper aufnimmt.

Es gibt aber Unterschiede. Mütter, die Masern hatten, geben ihren Babys im Schnitt einen länger anhaltenden Nestschutz mit als Mütter, die gegen die Masern geimpft wurden. Bei anderen Erkrankungen wie Tetanus oder Diphtherie besteht dagegen nur ein Nestschutz, wenn die Mütter geimpft wurden. Bei Babys deren Mütter die Infektion durchgemacht haben, besteht dieser Schutz nicht. Bei Keuchhusten gingen Ärzte lange davon aus, dass es keinen Nestschutz gibt. Allerdings zeigen Untersuchungen aus den USA und England, dass eine Impfung während der Schwangerschaft die Kinder in den ersten zwei bis drei Lebensmonaten vor einer Erkrankung schützen kann. Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) prüft derzeit eine Impfempfehlung für Schwangere. In einigen Ländern wie der Schweiz ist das bereits Standard.

Behauptung: Eine Impfung belastet das Immunsystem von kleinen Kindern viel zu stark, weil es noch nicht voll ausgereift ist.

Das ist falsch. "Das Immunsystem von kleinen Kindern ist dafür ausgerüstet, sich mit Krankheitserregern auseinanderzusetzen", sagt Klaus Cichutek. Das Immunsystem des Menschen entwickelt sich durch Training. "Dieses Training sollte so früh wie möglich beginnen, und zwar mit einem ungefährlichen Trainingspartner", ergänzt er. Impfstoffe zählten dazu. Echte Krankheitserreger seien ohne ein trainiertes Immunsystem sehr gefährlich, zum Teil lebensgefährlich. "Sie können in jedem Alter zuschlagen", ergänzt Cichutek.

Behauptung: Gegen Kinderlähmung (Polio) braucht man keine Impfung, weil es die Krankheit nicht mehr gibt.

Das stimmt nicht. Polio gilt in Deutschland zwar nach der großen Schluckimpfungskampagne ab 1962 als ausgerottet. Im Jahr 1990 wurde der letzte Fall eines Patienten dokumentiert, der sich in Deutschland mit Kinderlähmung infiziert hatte. Allerdings kommen Polioviren in anderen Ländern noch vor. Eine Impfung ist deshalb auch hierzulande notwendig, bis sie weltweit ausgerottet sind.

Heute wird in Deutschland keine Schluckimpfung mit Lebendimpfstoff mehr gegeben, sondern inaktiver Impfstoff gespritzt. Damit gibt es kein Risiko einer Erkrankung. In Ländern mit hohem Polio-Risiko setzt die Weltgesundheitsorganisation WHO jedoch nach wie vor auf Schluckimpfungen. Sie hat den Vorteil, durch das Ausscheiden abgeschwächter Impfviren die Umgebung mit zu immunisieren.

Behauptung: Masern muss man durchmachen, das stärkt den Körper.

Das ist falsch. Masern sind keinesfalls harmlos. Ein Drittel bis zur Hälfte der Fälle, die bisher an das Robert Koch-Institut gemeldet wurden, mussten im Krankenhaus behandelt werden. Masernviren unterdrücken die Immunabwehr. Dadurch können sich andere Krankheitserreger im Körper leichter ausbreiten und beispielsweise eine Lungenentzündung verursachen.

Pro Jahr werden in Deutschland laut der Todesursachenstatistik der Gesundheitsberichterstattung des Bundes durchschnittlich vier bis sieben Todesfälle bekannt, die auf eine Maserninfektion zurückzuführen sind. Vor Einführung der Impfung wurden in Deutschland um die 100 Todesfälle pro Jahr registriert.

Behauptung: Einige Impfungen können auch vor bestimmten anderen Krankheiten oder Folgeerscheinungen schützen.

Das ist richtig. Bei Masern zum Beispiel werden Gehirnentzündungen vermieden, die durch Masernviren ausgelöst werden. Das gilt auch für Lungenentzündungen, die entstehen können, wenn Masernviren das Immunsystem schwächen.

Die Impfung gegen Influenza verringert zudem das Risiko einer bakteriellen Lungenentzündung oder auch von Herzinfarkt und Schlaganfall, die als Komplikation nach einer Influenzainfektion auftreten können. Die im Kindesalter gegebene Impfung gegen Windpocken schützt indirekt auch vor Gürtelrose. Ohne Impfung bleiben Windpockenviren nach einer Infektion im Körper und könnten nach Jahrzehnten die sehr schmerzhafte Gürtelrose verursachen.

Behauptung: Es ist schwierig, Nebenwirkungen von Impfungen zu melden. Darum sind sie in vielen Fällen noch gar nicht richtig bekannt.

Das ist falsch. Bevor ein Impfstoff zugelassen wird, müssen Wirksamkeit und Unbedenklichkeit in klinischen Prüfungen nachgewiesen werden. Auch nach der Zulassung müssen Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen und Impfkomplikationen gemeldet werden. Diese Pflicht gilt seit 2001 auch für Ärzte.

Seit 2012 können auch Betroffene selbst den Verdacht auf Komplikationen melden. Alle Meldungen werden an die Europäische Arzneimittelagentur EMA weitergeleitet. Ein Beispiel für Konsequenzen aus diesem vielschichtigen Überwachungs- und Alarmsystem ist eine Impfung gegen eine bestimmte Form der Hirnhautentzündung (FSME), die durch Zeckenbiss übertragen werden kann. Nach Meldungen über sehr hohes Fieber als Impfreaktion wurde dieser Impfstoff 2001 vom Markt genommen. Der Impfstoff wurde danach angepasst und neu zugelassen.

Pharmafirmen verdienen an Impfstoffen extrem viel Geld.

Das kann man so pauschal nicht sagen. Die Impfstoffherstellung gilt in der Branche als weit weniger lukrativ als die Entwicklung manch anderer Medikamente. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts gibt es weltweit nur noch wenige Firmen, die Impfstoffe überhaupt produzieren.

Die Herstellung ist aufwendig, dauert je nach Impfstoff zwischen einigen Monaten bis zu zwei Jahren und erfordert Spezialisten. Zusätzlich zu Qualitätsprüfungen und Kontrollen beim Herstellungsprozess gibt es bei Impfstoffen staatliche Prüfungen. Erfüllt eine Charge nicht alle geforderten Kriterien, muss sie verworfen werden. Das kann sehr große Mengen betreffen - und einen entsprechenden Verlust für die Pharmafirma bedeuten.

koe/dpa



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