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23. Februar 2015, 12:51 Uhr

Masernausbruch in Berlin

Koalition droht mit Impfpflicht - Grüne und Linke dagegen

Der Masernausbruch in Berlin hat eine politische Debatte über einen möglichen Impfzwang ausgelöst. Kinderärzte bezweifeln den Erfolg einer solchen Maßnahme - und setzen weiterhin auf Aufklärung.

Berlin - Nach dem Tod eines Kleinkindes in Berlin an Masern dürfte die Debatte über eine Impfpflicht an Schärfe gewinnen. Zuvor hatten Gesundheitspolitiker der großen Koalition mit Äußerungen über eine eventuelle Wiedereinführung des Impfzwangs eine politische Diskussion ausgelöst - und bei Grünen und Linken Widerspruch geerntet.

"Zwänge verschärfen oftmals eine Ablehnung", sagte Anton Hofreiter, Co-Fraktionschef der Grünen im Bundestag SPIEGEL ONLINE. "Was wir brauchen ist eine bessere Aufklärung und mehr Beratung, um die Impfquote zu erhöhen", so Hofreiter.

Auch der Gesundheitsexperte der Linksfraktion, Harald Weinberg, sprach sich gegen einen Impfzwang aus. Das Selbstbestimmungsrecht der Eltern müsse weiter gelten, sagte Weinberg der "Saarbrücker Zeitung".

Hintergrund der Debatte ist ein schwerer Ausbruch von Masern in Berlin. Dort wurden seit Oktober 574 Fälle gemeldet. Am Montag gab der Gesundheitssenator den ersten Todesfall bekannt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hatte Impfgegner scharf kritisiert und dringend dazu geraten, den Impfstatus überprüfen zu lassen und die empfohlenen Impfungen nachzuholen.

Das gilt laut der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales in Berlin insbesondere für jene Kinder und Erwachsene, die nach 1970 geboren wurden. In Berlin wurde jetzt eine Schule mit mehr als tausend Schülern geschlossen, nachdem ein Kind an Masern erkrankt war. Auch in den USA verbreitet sich die potenziell tödliche Krankheit im ganzen Land.

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit. Neun von zehn Ungeimpften infizieren sich, wenn sie mit den Viren in Kontakt kommen. Das European Centre for Disease Prevention and Control gibt an, dass ein bis drei von 1000 erkrankten Kindern sterben. Zum Vergleich: Bei der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln gab es zwischen 1990 und 1999 in Deutschland laut Schätzungen sieben ernsthafte Komplikationen bei 16 Millionen Impfstoffdosen.

"Impfpflicht für Kleinkinder muss der nächste Schritt sein"

Von der Bundesregierung geplant ist ein Präventionsgesetz, wonach Eltern künftig vor einer Kita-Aufnahme ihrer Kinder eine ärztliche Impfberatung nachweisen müssen. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagte jetzt der "Welt am Sonntag", wenn die Impfbereitschaft nicht steige, "muss eine Impfpflicht für Kleinkinder der nächste Schritt sein".

Sein CDU-Kollege Jens Spahn sagte der Zeitung, Impfverweigerer seien egoistisch, weil sie sich darauf verließen, dass andere zur Impfung gingen und dann schon nichts passiere.

Kinderärzte halten eine Impfpflicht für unrealistisch. "Eine generelle Impfpflicht wird sich wegen der Widerstände in der Bevölkerung nicht durchsetzen lassen", sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, der "Welt". Allerdings sollten alle Kinder beim Start in eine überwiegend staatlich finanzierte Kita oder Schule einen Impfnachweis vorweisen müssen.

Die von der Bundesregierung geplante Verpflichtung für Eltern zur Impfberatung kritisierte Hartmann als "Augenwischerei". "Diese Regelung im geplanten Präventionsgesetz wird die niedrigen Durchimpfungsraten nicht wesentlich erhöhen, denn wir beraten bereits immer im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen zu den notwendigen Impfungen."

Eine Umfrage der Krankenkasse DAK-Gesundheit hatte im Jahr 2013 gezeigt, dass 80 Prozent der Deutschen eine Impfpflicht befürworten. In anderen Ländern wie etwa Großbritannien, den USA oder Italien gibt es einen Impfzwang für bestimmte Infektionskrankheiten. Wer in Australien lebt und sein Kind nicht impfen lässt, dessen Nachwuchs bekommt keinen Kita-Platz.

hei/dpa

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