Kleine Studie Tuberkulose-Impfstoff bremst möglicherweise Multiple Sklerose

Ein Impfstoff, der die Menschen in anderen Teilen der Welt vor Tuberkulose schützen soll, könnte möglicherweise den Ausbruch von Multiple Sklerose verhindern oder verzögern. Was steckt hinter dem Wunschgedanke?

Verletzungen im Gehirn: Entmarkungsherde entstehen durch die weiße Substanz
Corbis

Verletzungen im Gehirn: Entmarkungsherde entstehen durch die weiße Substanz


Könnte man einer Erkrankung wie Multiple Sklerose Einhalt gebieten, einfach nur indem man gefährdete Menschen mit einem Impfstoff schützt, wäre es eine tolle Geschichte. Ein kleiner Teil am Anfang dieser Geschichte könne eine Studie sein, die Forscher um Giovanni Ristori von der University of Rome in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Neurology" präsentieren.

Für ihre Studie hatten die Forscher 73 Patienten ausgewählt, die erste Verdachtsmomente für eine MS wie Taubheitsgefühle, Sehstörungen und Gleichgewichtsprobleme aufwiesen. Normalerweise entwickelt etwa die Hälfte dieser Betroffenen innerhalb von zwei Jahren eine Multiple Sklerose. 33 der Teilnehmer wurde mit dem Tuberkulose-Lebendimpfstoff Bacille Calmette-Guérin, kurz BCG, gegen MS geimpft. Die anderen Teilnehmer erhielten ein Placebo. Alle spritzten danach ein Jahr lang Beta-Interferon (eine Standardtherapie bei MS) und fortan dann das jeweils vom eigenen Neurologen verschriebene Medikament.

Weniger Angrifflust der Immunzellen

Innerhalb der fünf Jahre nach der Behandlung entwickelten bei den geimpften Personen 58 Prozent keine MS, in der Placebo-Gruppe waren es nur 30 Prozent. Die geimpften Kandidaten hatten von Studienbeginn an weniger für MS typische Entzündungsstellen im Zentralen Nervensystem als die ungeimpften Teilnehmer. Laut diesen Studienergebnissen wirkt die BCG-Impfung der Krankheit tatsächlich positiv entgegen.

Bei der Multiplen Sklerose richtet sich das eigene gegen die Nerven, indem es vermutlich die isolierende Schutzschicht um die Nervenzellen angreift. Botschaften können nicht mehr, oder nur gestört vom Gehirn über das Rückenmark in die Winkel des Körpers übertragen werden. Je nachdem, welcher Bereich im zentralen Nervensystem betroffen ist, kann es zum Beispiel zu Problemen beim Sehen oder Missempfindungen in Händen oder Füßen kommen, die Entzündungen können aber auch dazu führen, dass Muskeln dauerhaft verkrampfen oder gelähmt sind.

Den Wirkmechanismus, der den Effekt der Impfung auf die Entwicklung der Krankheit erklären könnte, hätte Forscher bereits 1999 postuliert, bewertet Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie in Münster, die Studie. "Man ruft durch diese Pseudo-Impfung einen bestimmten Typ einer Immunreaktion hervorruft, der wiederum modulierend auf das angriffslustige Immunsystem wirkt", sagt Wiendl. Der Effekt gegen MS sei sozusagen als Nebeneffekt der Impfung gegen den Tuberkulose-Erreger zu sehen. Der Neurologe steht dieser Vorgehensweise jedoch kritisch gegenüber. "Der Wirkeffekt wird sicherlich nicht sehr lange anhalten, weswegen man regelmäßig nachimpfen müsste", bemängelt er.

Übermäßige Hygiene steht im Verdacht

Der italienische Studienautor sieht die Ergebnisse dagegen als sehr vielversprechend an, räumt aber auch ein, dass die Langzeiteffekte dieses Lebendimpfstoffs bei MS-Patienten noch genauer zu untersuchen seien. Sollte sich dieser Behandlungsansatz durchsetzen, ist dies auch eine Bestätigung für die Annahme, dass zu viel Hygiene in den westlichen Ländern die Multiple Sklerose fördert. Laut der Hygiene-Hypothese würden in früher Kindheit durchgemachte Infektionen das Risiko für Erkrankungen wie MS reduzieren, weil das Immunsystem gut trainiert wird.

Deutsche Forscher in Hamburg und Dresden gehen noch einen anderen Weg, um vor der entzündlichen Erkrankung des Nervensystems zu schützen: Sie untersuchen, ob eine Art "Hyposensibilisierung" mit Myelinprotein, das an Immunzellen angedockt wird, die Immuntoleranz gegen Myelin erhöhen kann - den Stoff, der die Nervenzellen umgibt und bei MS vom eigenen Immunsystem angegriffen wird.

"Die Idee ist, eine Toleranz gegen Eiweiße hervorzurufen, gegen die sich die Immunreaktion bei MS richtet", so Wiendl.Das Problem hierbei sei aber, so der Neurologe, dass noch immer nicht klar sei, ob die eingesetzten Myelinproteine tatsächlich die Ziele sind, die beim einzelnen MS-Patienten angegriffen werden. Die Mechanismen der Multiplen Sklerose sind noch immer nicht bis ins Detail verstanden.

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