Angst vor Impfungen Warum wir Erzählungen mehr glauben als Zahlen

Die diffuse Angst vor Impfungen lässt Verschwörungstheorien und Mythen entstehen. Anstatt nur mit Zahlen und Fakten zu argumentieren, sollte Aufklärung über Impfungen auch den Faktor Psyche berücksichtigen.
Familienspaziergang: Selbstverständlich wollen Eltern immer die beste Entscheidung für ihre Kinder treffen

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Foto: Christian Charisius/ dpa

Bevorzugen Sie es, mit dem Auto zu fahren oder zu fliegen? Logisch wäre es, wenn Sie lieber fliegen, weil es statistisch gesehen sicherer ist. Doch unsere Gefühle sagen etwas anderes: Wir empfinden das Autofahren als sehr sicher, und viele haben Angst vor dem Fliegen.

"Ich kann wissen, dass etwas nützlich ist - aber trotzdem eine diffuse Angst davor haben", sagt die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt. Sie untersucht, welche Faktoren zu Impfentscheidungen führen und wie Risiken wahrgenommen werden.

Kinder zu impfen bedeutet für Eltern nämlich immer, Risiken abzuschätzen. Immerhin wird eine Substanz in den Körper injiziert - eine invasive Maßnahme. Wichtige Informationen für Eltern sind deshalb mögliche Nebenwirkungen - und nicht etwa Zahlen und Statistiken über Infektionskrankheiten, die durch Impfungen bereits ausgerottet wurden. Laut Betsch entsteht dabei eine Impfangst, der das Gleichgewicht fehlt: nämlich die konkrete Wahrnehmung, welche gesundheitlichen Konsequenzen es hat, sein Kind nicht zu impfen.

Angesichts sinkender Durchimpfungsraten haben sich viele Länder das Ziel gesetzt, die Bevölkerung verstärkt über Impfungen und ihre Folgen aufzuklären. Das Problem: Studien zeigen, dass Impfmythen aufzulisten und diese dann durch logische Argumentation zu widerlegen, eher kontraproduktiv ist. Nach dem Lesen solcher Faktenchecks glauben Menschen tendenziell mehr an Impfmythen als davor. Informationen, etwa darüber, dass Impfungen Autismus auslösen können, werden eher aufgenommen als wissenschaftliche Studien, die diesen Mythos widerlegen.

In einer Studie  untersuchte Betsch Online-Patientennetzwerke, also Seiten, auf denen Nebenwirkungen von Patienten direkt dokumentiert und anschließend statistisch ausgewertet werden. Dabei stellte die Psychologin fest: Persönliche Berichte über Nebenwirkungen fielen bei der Impfentscheidung mehr ins Gewicht als simple statistische Fakten. Je höher die Zahl persönlicher Berichte zu einer Impfung war, desto eher wurde diese als riskant eingeschätzt.

Beeinflussung durch Recherche im Internet

Bereits zuvor hatten Betsch und ihre Kollegen in einer Studie  gezeigt, dass fünf bis zehn Minuten surfen auf einer impfkritischen Website genügen, um die Meinung der Probanden zu beeinflussen. Danach stuften diese das gesundheitliche Risiko für Ungeimpfte als geringer ein; die allgemeine Bereitschaft fürs Impfen sank. Der Grund: Viele impfkritische Seiten veröffentlichen Schicksale, die einzelnen Personen angeblich widerfahren sind, und machen Impfungen für Krankheiten verantwortlich, ohne dass dies durch wissenschaftliche Studien eindeutig belegbar ist.

Impfgegner und Verschwörungen

Verschwörungstheoretiker neigen laut dem Psychologen Jan-Willem von Prooijen von der Universität Amsterdam dazu, die Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen, und sind meist politisch extrem orientiert. Sie suchen vermehrt nach Mustern und verknüpfen Wahrnehmungen miteinander, bis eine Verschwörungstheorie entsteht.Extreme Impfkritiker sind laut Robert Koch-Institut (RKI) nicht nur Gegner der evidenzbasierten Medizin und der Meinung, dass Nebenwirkungen verheimlicht werden. Berichte über verunreinigte Impfstoffe oder fragwürdiges Vorgehen von Pharmafirmen in Entwicklungsländern sind häufig die Basis für Verschwörungstheorien.Während in Europa Pharmakonzerne im Fokus der Impfgegner stehen, sind es auf anderen Kontinenten, etwa Afrika, die Regierungen, die angeblich durch Impfungen die Bevölkerung unfruchtbar machen möchten. Das jedenfalls verbreiten muslimische Geistliche in Nigeria, die damit das Polio-Eradikationsprogramm der WHO sabotieren.

Das Problem: Wer jedoch von seiner Meinung überzeugt ist, ändert diese meistens auch nicht, selbst wenn die Faktenlage eindeutig ist. "Das Internet ist voll mit Mythen, die auch nicht durch wissenschaftliche Evidenz abgelegt werden", sagt Betsch.

Bereits eine Analyse des Robert Koch-Instituts aus dem Jahre 2004 zeigte, dass ein großer Teil vermeintlich seriöser Webseiten mit Informationen über Impfungen impfkritische Inhalte verbreiten. Viel Platz bekommen darauf nicht nur Diskussionen über bürgerliche Freiheitsrechte, sondern auch Verschwörungstheorien. Sie sind die Quelle für viele Impfgegner und geben ihnen das Gefühl von Sicherheit, Klarheit und Orientierung im eigenen Leben.

Alles, was dabei das Gedankengerüst zerstören könnte, wird außen vor gehalten. In der Kognitionspsychologie wird meist vom sogenannten Bestätigungsfehler gesprochen: Informationen werden so ausgewählt, dass sie die eigene Wahrnehmung erfüllen. Zu bereits vorgefertigten Meinungen suchen Menschen gezielt nach Argumenten, um diese zu untermauern (auch "Cherry picking" genannt).

Experten halten es daher für sinnvoller, Aufklärung über Impfungen auf eine emotionale Ebene zu heben - und ebenfalls mit Einzelfällen zu argumentieren. Etwa mit immungeschwächten Kleinkindern, die nicht geimpft werden können und auf den Herdenschutz angewiesen sind.

Auch ein verbesserter organisatorischer Ablauf würde Eltern das Impfen erleichtern, sagt Betsch. Gesundheitszentren müssten verstärkt werden und berufstätigen Eltern der Gang in die Apotheke und anschließend zum Arzt durch den direkten Besuch von Gesundheitsbediensteten in den jeweiligen Kindergärten abgenommen werden.

Zur Autorin
Foto: Sophie Niedenzu

Sophie Niedenzu hat in Wien Publizistik studiert und das Journalistenkolleg an der österreichischen Medienakademie absolviert. Aktuell befindet sie sich im Masterstudium Molekularbiologie und lebt als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin in Wien.

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