Routineoperationen Der Weg zum Spezialisten kann Leben retten

Wer sich am Hüftgelenk oder der Prostata operieren lassen muss, sollte sich dafür eine erfahrene Klinik suchen, berichtet die Bertelsmann Stiftung. Ein paar Minuten mehr Fahrzeit können demnach Leben retten.

Arzte bei einer Operation
imago/ Westend61

Arzte bei einer Operation


Spezialisieren sich Krankenhäuser auf bestimmte Eingriffe, führt das laut einer Studie zu weniger Todesfällen und Komplikationen bei planbaren Operationen. Gleichzeitig erhöhen sich die Anfahrtszeiten für Patienten im Schnitt nur um wenige Minuten, wenn nicht in jedem Krankenhaus das gleiche Angebot vorgehalten wird, berichtet die Bertelsmann Stiftung auf Grundlage einer Berechnung des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges).

In Deutschland könnten demnach pro Jahr rund 140 Todesfälle bei Hüftoperationen vermieden werden, wenn die Operationen nur in Kliniken mit mehr als 176 Fällen vorgenommen würden. Im Jahr 2014 gab es demnach aber an 311 Krankenhäusern sogar weniger als 50 dieser Operationen.

Bei Prostata-Entfernungen spricht die Bertelsmann-Stiftung von gefährlich niedrigen Fallzahlen. Von den 414 deutschen Kliniken, die diese Operation im Angebot haben, nehmen 43 diesen Eingriff seltener als fünfmal im Jahr vor. Die Folge bei einem Fehlschlag: Patienten drohen Impotenz und Inkontinenz.

Grundsätzlich ist Patienten immer zu empfehlen, vor einer Operation eine zweite Meinung einzuholen. Auf der Suche nach einer Klinik mit Erfahrungen in einem bestimmten Bereich, können verschiedene Datenbanken helfen, etwa der Klinikführer der Techniker Krankenkasse (hier), der AOK-Krankenhausnavigator (hier) oder die Seite "Qualitätskliniken.de" (hier), die von einem Zusammenschluss verschiedener Klinikverbände betrieben wird.

Anfahrtsweg verlängert sich kaum

Laut Studie erhöhte sich die durchschnittliche Anfahrtszeit für Patienten bei einer stärkeren Konzentration auf spezialisierte Kliniken kaum. So würde sich nach den Berechnungen die durchschnittliche Fahrzeit zu einem Krankenhaus mit einer spezialisierten Fachabteilung für Hüftgelenksimplantationen lediglich von neun auf elf Minuten erhöhen. Bei einer Prostata-Entfernung läge die Fahrtzeit bei 20 statt bisher 15 Minuten.

"Den Bürgern muss bewusst werden, dass sie bei planbaren Operationen in Fachabteilungen mit vielen Fällen und viel Erfahrung die bessere Versorgung bekommen", sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Die Patienten müssten die Möglichkeit haben zu entscheiden, ob ihnen niedrigere Komplikationsraten ein paar Minuten mehr Fahrtzeit wert sind.

"Vor allem in Ballungsräumen mit heute hoher Krankenhausdichte können Patienten die höhere Qualität durch Spezialisierung quasi ohne Fahrzeitenverlängerung bekommen", so Mohn. Das gelte natürlich nicht für eher ländliche Gebiete, schränkt Studienautor Jan Böcken ein.

Falscher Anreiz zu operieren

Der Wissenschaftler sieht den Ansatz, die Qualität eines Krankenhauses allein aufgrund der Operationszahlen zu bewerten kritisch. "Das Motto bei Operationen muss lauten: Weniger ist mehr. Wenn Krankenhäuser sich spezialisieren und dann ein Interesse an höheren Fallzahlen haben, muss dennoch die Frage im Vordergrund stehen, ob die OP überhaupt erforderlich ist", sagt Böcken. Deswegen müsse mehr Wert gelegt werden auf die hohe Qualität bei der Entscheidung über den Eingriff.

Die Iges-Studie kommt auch zu dem Schluss, dass eine stärkere Spezialisierung nicht zwangsläufig zu einem Kliniksterben führen würde. Zwar werde sich die Zahl der Fachabteilungen, die auch operieren, verringern. Durch Kooperationen von Häusern könnten Leistungen aber effizienter erbracht werden, so die Autoren. Auch die Grund- und Notfallversorgung sei nicht betroffen, wenn die Spezialisierung auf planbare Eingriffe beschränkt werde.

Gesetzliche Krankenkassen halten Klinikdichte für zu hoch

Die gesetzlichen Krankenkassen sehen das ganz unabhängig von möglichen Spezialisierungen einzelnen Kliniken anders. Der GKV-Spitzenverband schaltete am Donnerstag im Internet einen Kliniksimulator online, der die Entfernung von rund 80.000 Wohnbezirken zum nächsten Krankenhaus zeigt. Dabei kann simuliert werden, wie sich die Fahrtzeit zu einem Krankenhaus verändert, wenn eine Einrichtung wegfallen würde.

Nach Einschätzung der Krankenkassen könnten demnach Hunderte Kliniken geschlossen werden, ohne dass Patienten übermäßig lange Fahrtzeiten in Kauf nehmen müssten und die Notfallversorgung leide. Für die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung wird eine Pkw-Fahrzeit von 30 Minuten bis zum nächsten Krankenhaus zugrunde gelegt.

99 Prozent der Bevölkerung erreichten innerhalb dieser Zeit ein Krankenhaus der Grundversorgung, sagt Klinikexperte Wulf-Dietrich Leber vom GKV-Spitzenverband. Die Hälfte habe sogar zehn oder mehr Kliniken zur Auswahl. Im Durchschnitt gelangten die Bürger in Deutschland in etwa elf Minuten in ein Krankenhaus. Dies sei ein klarer Hinweis darauf, dass nicht jede Klinik für die gute Versorgung der Menschen gebraucht werde.

Deutschland verfügt neben zahlreichen Spezialkliniken derzeit über gut 1100 Krankenhäuser, die mindestens eine Grundversorgung bieten. Ein Ziel der von der großen Koalition beschlossenen Krankenhausreform ist es, überflüssige Kliniken oder einzelne Abteilungen abzubauen oder umzuwandeln. Dafür steht ein Strukturfonds mit einer Milliarde Euro bereit.

jme/dpa/AFP/Reuters

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