Krankenpfleger betreuen einen Covid-19-Patienten im Uniklinikum Essen
Krankenpfleger betreuen einen Covid-19-Patienten im Uniklinikum Essen
Foto: Marcel Kusch/ picture alliance/dpa

Intensivpflegerin über Covid-19 "Die Patienten werden sehr schnell sehr still"

Wer lebensbedrohlich erkrankt, kommt auf die Intensivstation. Eine Pflegerin erzählt, wie sich Corona-Patienten von anderen Kranken unterscheiden und was ihre Versorgung so aufwendig macht.
Ein Interview von Irene Berres

SPIEGEL: Wie kann ich mir den Zustand eines Covid-Patienten vorstellen, der auf die Intensivstation kommt?

Vögeli: Eindrucksvoll bei dem Krankheitsbild ist, dass es den Patienten sehr akut sehr schlecht geht. Sie haben eine massive Atemnot, die sich aber - und das ist interessant - nicht durch Unruhe, Angst oder Panik äußert. Stattdessen werden sie sehr schnell sehr still, so beobachten wir es zumindest. Es ist, als ob in ihrer Lunge von jetzt auf gleich einfach kein Gasaustausch mehr stattfindet .

SPIEGEL: Was bedeutet das für die Behandlung?

Vögeli: Die Patienten müssen, sobald sie auf der Intensivstation ankommen, eigentlich sofort intubiert, also künstlich beatmet werden. Das ist anders als bei vielen anderen Patienten mit Atemnot, bei denen sich zwar eine Verschlechterung abzeichnet, man aber oft noch ein bisschen Zeit überbrücken kann. Das ist einer der signifikantesten Unterschiede.

SPIEGEL: Wie bereitet man sich darauf vor?

Vögeli: In allen Zimmern, die für Covid-Patienten vorgesehen sind, stehen eine mit allen Schläuchen bestückte und gecheckte Beatmungsmaschine sowie Materialien für verschiedenste Zu- und Ableitungen wie Katheter bereit. Das wird sonst erst gemacht, wenn die Patienten da sind und tatsächlich intubiert werden müssen.

Intensivbett auf einer Station der Uniklinik Dresden: Links neben dem Bett steht eine Herz-Lungen-Maschine, oben befinden sich die Überwachungsmonitore, rechts neben dem Bett stehen ein Beatmungsgerät und Infusionstechnik

Intensivbett auf einer Station der Uniklinik Dresden: Links neben dem Bett steht eine Herz-Lungen-Maschine, oben befinden sich die Überwachungsmonitore, rechts neben dem Bett stehen ein Beatmungsgerät und Infusionstechnik

Foto: Ronald Bonß/ DPA

SPIEGEL: Wie stark ist Ihre Station momentan ausgelastet?

Vögeli: Auf unserer eigens eingerichteten Covid-Intensivstation sind aktuell 12 von 16 Betten belegt. Wir haben aber noch Beatmungsplätze in der Hinterhand.

SPIEGEL: Würden Sie angesichts dessen schon Entwarnung geben?

Vögeli: Nein, dafür ist es noch zu früh - auch, weil die Krankheit nicht greifbar ist. Wir wissen noch zu wenig, die Verläufe können sich stark unterscheiden. Wir hatten zum Beispiel eine Patientin, die sich bei ihrer 90-jährigen Mutter angesteckt hat. Die 90-Jährige war von Anfang an auf der Normalstation. Ihrer Tochter aber ging es tagelang extrem schlecht, sie musste auf der Intensivstation künstlich beatmet werden, mit Ende 50, Anfang 60.

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SPIEGEL: Was passiert, wenn ein Covid-Patient auf der Intensivstation ankommt?

Vögeli: Er wird erst Mal ans Monitoring angeschlossen, um etwa Puls und Blutdruck zu erfassen. Dann kommt es meist schon zur Intubation. Anschließend werden die Patienten verkabelt, so nennen wir das, sie bekommen zum Beispiel einen zentralen Venenkatheter gelegt, um Medikamente zu verabreichen, die den Kreislauf stabilisieren. Und es wird ein Röntgenbild ihrer Lunge gemacht.

SPIEGEL: Wie viel bekommen die Patienten von all dem noch mit?

Vögeli: Oft kommt nur noch ein Nicken oder ein Kopfschütteln. Wir erklären den Patienten natürlich, was passiert. Sagen ihnen, dass wir sie jetzt schlafen legen und ihre Atmung unterstützen, damit ihre Lunge sich erholen kann. Die meisten nicken einfach nur noch und sind dankbar, dass ihnen geholfen wird. Wirklich nein sagen könnten sie in diesem Zustand aber auch nicht mehr, selbst wenn sie wollten.

SPIEGEL: Wie wichtig ist die psychologische Betreuung in einer solchen Situation?

Vögeli: Sie ist eine der wichtigsten Aufgaben der Pflege. Der Arzt muss oft noch mal Rücksprache halten oder mit Angehörigen telefonieren, in diesen Momenten lassen wir die Patienten nicht allein, erklären ihnen alles noch mal in einfachen Worten, halten vielleicht auch einfach nur die Hand. Auch wenn die Patienten für die künstliche Beatmung in Tiefschlaf versetzt wurden, reden wir mit ihnen. Sagen zum Beispiel Bescheid, wenn wir das Zimmer betreten, wenn wir es verlassen oder wenn wir ihre Position wechseln. Man weiß nie, was das Unterbewusstsein noch mitbekommt.

SPIEGEL: Reagieren manche Patienten darauf?

Vögeli: Manchmal sieht man einen Blutdruckanstieg oder eine Erhöhung der Herzfrequenz. In der Regel aber werden Covid-Patienten sehr stark sediert, damit sie den Beatmungsschlauch und die therapeutische Bauchlage tolerieren.

SPIEGEL: Warum dreht man die Patienten überhaupt auf den Bauch?

Vögeli: Das Ziel ist, die Durchblutung und Belüftung der Lunge und damit den Gasaustausch zu verbessern. Das macht man aber bei jedem Lungenversagen, nicht nur bei den Covid-Patienten.

SPIEGEL: Was bedeutet es, einen Patienten zu betreuen, der künstlich beatmet wird?

Vögeli: Wir machen anfangs fast stündlich Blutgasanalysen und passen gegebenenfalls Beatmungsdrücke, Atemfrequenz oder Sauerstoff an, damit der Patient optimal beatmet wird. Außerdem verabreichen wir Medikamente, waschen und pflegen die Patienten und verändern regelmäßig ihre Position im Bett, um Druckgeschwüre zu vermeiden. Ein Mal pro Schicht erhalten sie eine Augen-, Nasen- und Mundpflege, der Beatmungsschlauch wird in den jeweils anderen Mundwinkel umgelagert. Und wir überwachen natürlich die Werte am Monitor, Puls, Blutdruck und Sauerstoffsättigung. Immer zu Dienstbeginn stellen wir die Alarmgrenzen der Geräte ein, damit wir rechtzeitig informiert werden, wenn sich einer der Werte verschlechtert oder der Patient zum Beispiel beginnt dazuzuatmen.

SPIEGEL: Das kann passieren?

Vögeli: Ja, sollte es aber nicht. Gerade wenn die Patienten auf dem Bauch liegen, sollten sie so tief schlafen, dass sie nichts mitbekommen und sich ohne Probleme beatmen lassen. Um das sicherzustellen, achten wir auch auf alle gängigen Wachheitszeichen, zum Beispiel Bewegungen.

SPIEGEL: Kann man so einen Patienten überhaupt allein lassen?

Vögeli: Man muss das Zimmer schon mal verlassen, etwa um Medikamente aufzuziehen oder fehlende Materialien zu holen. Wir haben aber einen zentralen Monitor, auf dem wir die Werte aller Patienten angezeigt bekommen. Außerdem ist im Flur der Covid-Zimmer eine Art Babyphone installiert, damit wir sofort reagieren können, wenn zum Beispiel eine Beatmungsmaschine Alarm schlägt oder ein Medikament leer läuft.

SPIEGEL: Wie viele so schwer erkrankte Patienten kann ein Pfleger gleichzeitig betreuen?

Vögeli: Bei den Covid-Patienten sind es im Moment maximal zwei. Mehr geht aber auch nicht. Zum einen, weil es maximal intensivpflichtige Patienten sind; zum anderen, weil man sich jedes Mal vermummen muss, wenn man das Zimmer betritt. Das kostet wahnsinnig viel Zeit und das Arbeiten mit FFP-Masken und Schutzbrille ist extrem anstrengend. Wenn man einen Patienten von der künstlichen Beatmung entwöhnt, bräuchte es eigentlich sogar eine Eins-zu-eins-Betreuung, auch ohne Covid. Das lässt sich aber leider nicht realisieren.

SPIEGEL: Wie funktioniert diese Entwöhnung?

Vögeli:  Es gibt verschiedene Ansatzpunkte. Meist beginnt man, die Schlafmedikamente zu reduzieren - und wartet erst mal ab. Zeigt der Patient Wachheitszeichen? Fängt er an zu grimassieren? Bekommt er eigenen Atemantrieb? Ziel ist oft, ein Gleichgewicht zu finden: Der Patient muss wach genug sein, um selbstständig atmen zu können, gleichzeitig aber durch die Medikamente abgeschirmt genug, um keinen Stress zu haben.

SPIEGEL: Wie reagieren die Patienten, wenn sie aufwachen?

Vögeli: Oft kann man keine gezielte Reaktion erwarten, die Patienten sind nicht von jetzt auf gleich richtig wach. Manche hängen tagelang in einer Art Zwischenwelt fest, da der Körper die Medikamente erst abbauen muss. Viele reagieren mit hohem Blutdruck, hoher Herzfrequenz, fangen an zu schwitzen, pressen gegen die Beatmung oder greifen gezielt in Richtung Beatmungsschlauch. Eine pflegerisch sehr anspruchsvolle Phase.

SPIEGEL: Gleichzeitig müssen die Patienten lernen, wieder selbstständig zu atmen.

Vögeli: Genau. Wir versuchen, den Patienten in einen speziellen Spontanatemmodus der Beatmungsmaschine zu bringen, also die selbstständige Atmung wiederherzustellen.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt dabei die Psyche?

Vögeli: Viele Patienten mit beispielsweise einem Medikamentenüberhang brauchen tatsächlich einfach jemanden, der am Bett steht und sie zum Atmen animiert. Cheerleading nenne ich das. Auf andere muss man beruhigend einwirken. Besonders schwierig ist es, wenn die Patienten deine Sprache nicht sprechen und du ihnen nicht erklären kannst, wo sie sind und was passiert.

SPIEGEL: Wie lange dauert diese Phase?

Vögeli:  Das hängt stark von Alter und Dauer der Beatmung ab. Bei jungen Menschen ohne große Vorerkrankungen ist das oft in ein, zwei Tagen erledigt. Bei alten Menschen aber, die auf allen Ebenen vorbelastet sind und deren Atemmuskulatur noch schneller verarmt, kann sich das über Tage und manchmal leider auch Wochen ziehen. Viele schaffen es auch nicht dauerhaft, selbstständig zu atmen oder müssen aufgrund anderer Komplikationen erneut intubiert werden, das haben wir auch bei einigen Covid-19 Patienten beobachtet. Viele werden im Verlauf auch dialysepflichtig, da die Niere oft das erste Organ ist, das aufgrund des extremen Sauerstoffmangels versagt.

SPIEGEL: Aufwendiger kann man einen Patienten wahrscheinlich kaum versorgen.

Vögeli: Das ist oft schon das Maximum, aber das kann einem als Fachkraft ja auch Spaß bringen. Und es gibt Erfolgserlebnisse. Die jüngste Covid-Patientin war meines Wissens nach 35. Wir haben sie im akuten Lungenversagen verlegt und jetzt ist sie wieder da und muss nicht mehr beatmet werden.