Internet-Spielesucht Könnte mein Kind betroffen sein?

Viele Jugendliche verbringen täglich Stunden mit Internetspielen. Wie sehen Anzeichen einer Sucht aus, wann müssen sich Eltern Sorgen machen?

Spielefan vor dem Rechner
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Spielefan vor dem Rechner


Früher zockten die Kids stundenlang "World of Warcraft", heute sind eher Handyspiele wie "Clash of Clans" beliebt. Doch gespielt wird oft anscheinend ohne Ende, egal ob am Computer, Smartphone oder Tablet. Dies ist zumindest für viele Eltern die täglich erlebte Realität. Doch wann wird es kritisch, ab wann besteht eine krankhafte Sucht?

Nicht nur Eltern streiten mir ihrem Nachwuchs darüber, auch Experten sind sich nicht einig, wo die normale Nutzung von Computern und Internet aufhört und süchtiges Verhalten beginnt. Unstrittig ist dagegen, dass immer mehr Menschen durch ihr Surfverhalten Probleme bekommen. Nach Umfragen sind das in Deutschland zwischen 500.000 und 600.000 Personen.

Doch laut den international geltenden Diagnosesystemen psychischer Störungen (ICD-10 und DSM-5) gibt es die Krankheit Internetsucht nicht. Bisher konnte sich die Wissenschaft lediglich auf die Forschungsdiagnose Internet Gaming Disorder (IGD) - übersetzt etwa "Störung durch Spielen von Internetspielen" - einigen.

Die neun Kriterien, die für eine Diagnose zumindest teilweise erfüllt sein müssen, haben Mediziner aus der Glücksspielsucht abgeleitet. Dazu gehören etwa Entzugserscheinungen, Kontrollverlust oder schwindendes Interesse an anderen Aktivitäten. Kritisch ist auch, wenn Computerspielfans häufiger auf Essen oder Schlaf verzichten, um spielen zu können. Sind fünf der neun Kriterien in den letzten zwölf Monaten erfüllt, liegt eine IGD vor.

Die neun Diagnosekriterien

Die neun Diagnosekriterien

Jungen und Männer mehr als doppelt so oft betroffen

Mediziner und Psychologen des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf haben nun untersucht, wie viele Jugendliche und junge Erwachsene Internetspiele problematisch nutzen. Dazu analysierten sie ihre per Forsa-Umfrage erhobenen Daten für die Altersgruppe der 12- bis 25-Jährigen und erfassten deren Nutzungsverhalten von Internetspielen. Zu den Fragen, die beantwortet werden mussten, gehörten zum Beispiel:

  • Hast du im vergangenen Jahr schon mal stundenlang an nichts anderes denken können als an den Moment, an dem du wieder spielen kannst?"
  • "Hast du im vergangenen Jahr die Zeit, die du Spielen gewidmet hast, vor anderen geheim gehalten?"
  • "Hast du im vergangenen Jahr kein Interesse an Hobbys oder anderen Aktivitäten gezeigt, weil du spielen wolltest?
  • "Hast du im vergangenen Jahr ernsthafte Probleme mit der Familie, Freunden oder dem Partner durch das Spielen gehabt?"

Die repräsentative Stichprobe der Forscher, veröffentlicht im "Ärzteblatt", umfasst insgesamt 1531 Personen. 88 von ihnen zeigten genügend Merkmale für die Diagnose IGD.

Wer hat's bezahlt?
    Getragen wurden die Kosten der Studie von der Krankenkasse DAK Gesundheit.

Auf die Altersgruppe im gesamten Bundesgebiet bedeuten die Ergebnisse: 5,7 Prozent weisen eine Internet Gaming Disorder auf. Deutliche Unterschiede bestehen dabei zwischen den Geschlechtern: Männer und Jungen sind mit 8,4 Prozent mehr als doppelt so häufig betroffen wie Frauen und Mädchen. Hier beträgt der Anteil nur 2,9 Prozent. Zudem waren die von einer IGD betroffenen Personen im Durchschnitt recht jung: knapp über 15 Jahren.

Die Befragung ergab zudem, dass die durchschnittliche tägliche Nutzungsdauer bei den 14- bis 29-Jährigen ziemlich genau vier Stunden betrug (245 Minuten). Doch die Untersuchung zeigt auch: Selbst wer täglich viel Zeit im Netz verbringt, muss deshalb noch nicht abhängig sein.

Auf Suchtverhalten im Zusammenhang mit Internetspielen hatte Ende vergangenen Jahres auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), aufmerksam gemacht. Sie forderte bessere Altersgrenzen bei Computerspielen. Dabei dürfe es nicht nur um Gewalt und Pornographie gehen, sagte sie.

joe

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