Menschen sitzen am Freitag in einem Restaurant in Tel Aviv
Menschen sitzen am Freitag in einem Restaurant in Tel Aviv
Foto: Corinna Kern / REUTERS

Offene Restaurants, sinkende Fallzahlen Wie die Impfkampagne Israel von Corona befreit

Israel zeigt, was Massenimpfungen bewirken können: Restaurants haben geöffnet, Familien kommen zusammen, trotzdem sinken die Fallzahlen. Noch bleibt jedoch eine Gefahr.
Von Irene Berres

Bilder aus Israel zeigen, wonach sich die Menschen in Deutschland momentan nur sehnen können. Leute sitzen in Restaurants, tanzen, treffen sich mit ihrer Familie. Vor allem dieses Wochenende ist für viele Israelis besonders: Samstagabend beginnt das jüdische Pessachfest, bei dem traditionell die gesamte Familie zusammenkommt. Dass dies möglich ist, empfinden viele als Zeichen für eine zumindest vorübergehende Rückkehr in ihr altes Leben, das Leben vor der Pandemie.

Mit den zurückgewonnenen Freiheiten veranschaulicht Israel, was Massenimpfungen bewirken könnten. Mittlerweile hat mehr als die Hälfte der 9,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner beide schützenden Spritzen erhalten, von der erwachsenen Bevölkerung sind mehr als 80 Prozent geimpft. Parallel zu der Impfkampagne sank die Zahl der Neuinfektionen seit Jahresbeginn so stark, dass Restaurants, Hotels, Museen und Theater wieder öffnen konnten. Selbst in geschlossenen Räumen dürfen sich bis zu 20 Menschen treffen, im Freien bis zu 50.

Foto: Oded Balilty / AP

Die aktuellen Bilder stehen im Kontrast zum vergangenen Jahr, als auch Israel landesweite Lockdowns ausrufen musste. Die Wirtschaft wurde eingeschränkt, in leeren Straßen kontrollierte Sicherheitspersonal an Checkpoints die wenigen Vorbeikommenden. Insgesamt dreimal fuhr Israel das Leben herunter, zum letzten Mal erst vor wenigen Wochen, Anfang dieses Jahres, als sich auch dort Mutanten verbreiteten. Mit etwas Verzögerung zeigte sich jedoch die Wirkung der Impfkampagne, die Ende Dezember gestartet war.

Öffnungen, zunächst nur für Geimpfte und Genesene

Seit etwa Mitte Januar sinken die Infektionszahlen in allen Altersgruppen, Woche um Woche werden es weniger.

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Ende Februar öffnete das Land Geschäfte und Schulen. Wer geimpft oder genesen ist, durfte mit einem »Grünen Pass« wieder Fitnessstudios, Hotels, Theater und Sportereignisse besuchen. Einkaufszentren, Museen und Bibliotheken wurden auch für Nichtgeimpfte geöffnet. Trotzdem ging die Zahl der Infizierten immer weiter zurück.

Zuletzt fielen nur noch 1,3 Prozent der Coronatests in dem Land positiv aus, wie die »Times of Israel« berichtet . Eine Woche zuvor lag der Wert demnach noch bei zwei Prozent, eine weitere Woche zuvor bei drei Prozent. Im Januar zeigte noch rund jeder zehnte Coronatest in Israel ein positives Ergebnis. Je höher diese sogenannte Positivrate ist, desto größer ist vermutlich die Zahl der unentdeckten Fälle. In Deutschland steigt der Wert seit Ende Februar wieder an, zuletzt lag er bei knapp acht Prozent.

Durch die Massenimpfungen entwickelte sich Israel außerdem zum Modellland, in dem Biontech/Pfizer den Effekt seines Impfstoffs unter realen Bedingungen erforschen kann. Erste Auswertungen zeigten im Februar, dass die Impfung wahrscheinlich auch vor Ansteckungen schützt . Ein wichtiger Punkt auf dem Weg hin zu einem möglichst normalen Leben mit Sars-CoV-2.

Im Vergleich zu Israel wirkt der deutsche Impffortschritt mangelhaft, hier wurden laut einer aktuellen Übersicht  erst 4,5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Dennoch lassen sich auch hierzulande erste Effekte der Impfungen aus den Infektionszahlen ablesen. Im Dezember zählten Hochbetagte noch zu den am stärksten betroffenen Altersgruppen, mittlerweile liegen die Inzidenzen deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung .

Trotzdem nur eine trügerische Sicherheit in Israel?

Trotz des enormen Impffortschritts könnte selbst die Sicherheit, in der sich viele Israelis aktuell wiegen, trügerisch sein. Auch dort könnten sich noch neue Virusvarianten verbreiten, die den Erfolg der Impfungen zumindest ein Stück weit revidieren. Unter diesem Aspekt wäre es deutlich sinnvoller, den existierenden Impfstoff weltweit gerecht zu verteilen.

Hinzu kommt, dass die Impfbereitschaft offenbar sinkt. Israelische Behörden würden bereits mit Freibier und Pizza für die Impfung werben, berichtet Datenanalyst Dvir Aran vom technologischen Institut in Haifa. Selbst Ikea bietet Kunden in Israel die Spritze an, um möglichst viele Impfwillige zu erreichen.

Außerdem ist absehbar, dass auch Israels Impfstrategie bald – zumindest vorübergehend – an ihre Grenzen stoßen wird. Zwar entschied sich das Land als eines der ersten weltweit, auch Teenager im Alter von 16 bis 18 Jahren zu impfen. Knapp ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner ist allerdings jünger, für sie ist aktuell noch keine Vakzine zugelassen. Nur wenn auch sie geimpft sind, könnte eine Herdenimmunität erreicht werden, die auch die verbleibenden Einschränkungen überflüssig machen dürfte.

Auch wenn Unsicherheiten bleiben: Der Blick nach Israel weckt Hoffnungen für eine Zukunft, in der auch in anderen Ländern mehr Menschen geimpft sind. In den nächsten Wochen und Monaten gilt es herauszufinden, wie nachhaltig die Erfolge sind.

Zumindest für den Moment genießen viele Israelis, was sich anfühlt wie eine neue, postpandemische Realität. »Menschen, die so einsam waren, vor allem ältere Menschen, die von ihren Familien getrennt waren, sie alle spüren auf einmal wieder die Freiheit und Freude, zusammen zu sein«, sagte ein Rabbi mit Blick auf das anstehende Pessachfest. Ebenfalls etwas, nach dem sich die meisten Menschen in Deutschland aktuell nur sehnen können.

mit Material von AP