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Matteo de Mayda

Coronakrise in Italien Ein Dorf wird zum Freilichtlabor

Hier starb der erste Italiener an Covid-19: Im Kampf gegen die Pandemie testeten Mediziner fast alle Bewohner der Gemeinde Vò. Der Fotograf Matteo de Mayda hat das Forscherteam bei der Arbeit beobachtet.
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Der italienische Ort Vò liegt in Venetien, einer Region, die früh von einem großen Coronavirus-Ausbruch betroffen war. Nach Angaben  des italienischen Gesundheitsministeriums wurde bei mehr als 240.000 Menschen im Land eine Sars-CoV-2-Infektion nachgewiesen. 33.736 Menschen starben im Zusammenhang mit der Erkrankung, davon 2006 in Venetien.

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Das Besondere an Vò: Ein Forschungsteam testete zweimal alle Einwohner, die teilnehmen wollten, auf eine Sars-CoV-2-Infektion. Die Tests fanden im Abstand von zwei Wochen statt. Die erste Testrunde begann bereits am 21. Februar - am selben Tag wurde bei einem Verstorbenen aus Vò eine Coronavirus-Infektion nachgewiesen, nur einen Tag zuvor hatte Italien bestätigt, dass sich erstmals ein Mensch innerhalb des Landes mit dem Virus angesteckt hatte.

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In einer dritten Testrunde konnten die Einwohner prüfen lassen, ob sich in ihrem Blut Antikörper gegen das Coronavirus befinden. In Vò leben rund 3300 Menschen. Der Fotograf Matteo de Mayda hat das Forscherteam bei den Tests begleitet. Er schreibt, der Ort sei zu einem Freiluftlabor geworden, um Covid-19 zu erforschen und zu bekämpfen.

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Der Virologe Andrea Crisanti von der Universität Padua hat die Arbeit in Vò initiiert. Der Forscher hatte früh gefordert, viel mehr Coronavirus-Tests durchzuführen. Er fürchtete, dass auch Infizierte das Virus verbreiten könnten, die keine sichtbaren Symptome zeigten - was sich als richtig herausstellte.

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Für die Tests wird ein Abstrich im Rachen und in der Nase gemacht, die Probe wird dann auf Viruserbgut untersucht. Bei der ersten Testrunde in Vò waren 73 von 2812 Getesteten positiv, also 2,6 Prozent. Zwei Wochen später waren 1,2 Prozent der Getesteten positiv. Neu infiziert waren davon allerdings nur acht Personen, die anderen 21 hatten in beiden Tests ein positives Ergebnis, weil ihre Infektion noch andauerte, berichtet das Team um Crisanti im Fachblatt "Nature" .

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Ein wichtiges Ergebnis der Studie: Rund 42 Prozent der positiv Getesteten hatten keine Beschwerden, also keinen Husten, keine erhöhte Temperatur, kein Halsweh, keinen Durchfall, keine Kopf- oder Gelenkschmerzen und auch keinen Geruchsverlust. Durch das positive Testergebnis konnten sie sich dennoch gleich in Quarantäne begeben und so Ansteckungen anderer vermeiden.

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In der dritten Testrunde wurde den Teilnehmern Blut abgenommen, um dies auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 zu untersuchen. Laut Crisanti hatten die Menschen, die während der Infektion keine Beschwerden hatten, weniger Antikörper entwickelt. "Eine weitere Beobachtung war, dass 63 Personen aus der Stadt Antikörper entwickelt hatten, aber in keinem der beiden Tests positiv getestet worden waren. Das heißt, dass sie bereits im Januar oder Februar unbemerkt infiziert gewesen sein müssen, ohne heftige Symptome, ohne Beschwerden. Das Virus hat sich also schon längst ausgebreitet, bevor wir es wussten", sagt der Virologe.

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Crisanti sagt, nur drei Viertel der Infizierten hätten Antikörper gebildet. "Wir wissen nicht, wie die anderen wieder gesund geworden sind." Trotz des fehlenden Antikörpernachweises in den Tests ist es aber möglich, dass die Menschen eine gewisse Immunität gegen das Virus aufgebaut haben.

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Forscher Crisanti lobt die Zusammenarbeit vor Ort: "Die Menschen waren extrem hilfreich und offen, sie haben alle mitgearbeitet. Stellen Sie sich das mal vor: 90 Prozent der Bevölkerung von Vò haben sich freiwillig testen lassen, das war schon eine fantastische Situation." Auf dem Foto ist der Bürgermeister von Vò, Giuliano Martini, zu sehen.

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234 Kinder im Alter bis zu zehn Jahren nahmen an den Tests in Vò teil. Kein einziges hatte sich demnach infiziert, obwohl mehrere mit Infizierten in einem Haushalt lebten. "Unsere Folgerung ist, dass Kinder resistenter gegen das Virus sind als Erwachsene."

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Eine Straßenecke in Vò. Crisanti kritisiert das Krisenmanagement in Italien zu Beginn des Ausbruchs: "Was in Italien passiert ist, war wirklich ein Desaster. Wir hatten den ersten Toten in Vò, aber leider war es anscheinend wichtiger, die Wirtschaft am Laufen zu halten, als die Menschen strenger in Quarantäne zu schicken. So breitete sich das Virus rasend schnell in Norditalien aus."

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Von den insgesamt 81 positiv Getesteten der Gemeinde Vò mussten 13 im Krankenhaus behandelt werden, berichtet das Forscherteam. Aufgrund seiner gesammelten Daten schätzt es, dass Infizierte im Schnitt zwischen dreieinhalb und sechseinhalb Tage lang ansteckend sind.

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Der Lockdown in Vò senkte laut ihrer Berechnung die Zahl der Infektionen dramatisch. Ohne die Maßnahmen hätten sich demnach schnell bis zu 86 Prozent der Bevölkerung des Ortes infiziert. Durch die Schutzmaßnahmen waren es knapp fünf Prozent.

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Doch auch Vò hatte durch die Pandemie Todesopfer zu beklagen. Adriano Trevisan, der als das erste Covid-19-Opfer in Italien gilt, starb im Alter von 78 Jahren. Er ist in Vò begraben.

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hei/wbr