Jahrbuch Sucht So viel Alkohol trinken die Deutschen

Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland haben ein Alkoholproblem. Fast zwei Millionen sind abhängig von Medikamenten. Doch die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen hat auch Positives zu berichten.

imago/ Ikon Images

9,6 Liter reinen Alkohol trank jeder Deutsche im Schnitt im Jahr 2015, berichtet die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Umgerechnet bedeutet dies:

  • mehr als 130 Liter alkoholhaltiger Getränke in Form von
  • 104 Liter Bier,
  • 20,6 Liter Wein,
  • 3,6 Liter Schaumwein und
  • 4,4 Liter Spirituosen.

Die von der DHS in ihrem "Jahrbuch Sucht" veröffentlichten Zahlen haben sich im Vergleich zu den Vorjahren kaum verändert. Etwa 3,4 Millionen Menschen hatten demnach im Jahr 2015 mit einem Alkoholproblem zu kämpfen, knapp 1,8 Millionen von ihnen waren demnach alkoholabhängig.

Medikamente: Transparenz fehlt

Schätzungen zufolge sind zudem 1,9 Millionen Menschen medikamentenabhängig, so die DHS. Der Bremer Gesundheitsexperte Gerd Glaeske kritisierte eine hohe Intransparenz in diesem Bereich. Privatrezepte für Schlaf- und Beruhigungsmittel seien heutzutage eher die Regel als die Ausnahme. "Sie verschleiern letztlich eine kritische Arzneimittelversorgung, weil sie an keiner Stelle systematisch erfasst und ausgewertet werden", sagt Glaeske.

Betroffen von diesen Verordnungen sind demnach vor allem ältere Menschen über 65 Jahre und davon zwei Drittel Frauen. Eine Arzneimittelabhängigkeit habe gravierende Auswirkungen auf die älteren Menschen, so Glaeske. Unter anderem leide ihre Konzentrationsfähigkeit und ihr Gang werde unsicher - dies kann zu Stürzen und schwer heilenden Knochenbrüchen führen.

Intransparent ist Glaeske zufolge auch die Schmerzmittelversorgung in Deutschland. So werden rund 150 Millionen Packungen unterschiedlichster Schmerzmittel verkauft, 106 Millionen Packungen davon und somit 70 Prozent ohne Rezept direkt in den Apotheken. Der Bremer Experte forderte eine bessere Kooperation von Ärzten und Apothekern, um den problematischen Konsum von Schmerzmitteln zu begrenzen.

Zigaretten: Erfolge in der Prävention

Erfreulich ist der Trend beim Rauchen: Im Vergleich zum Vorjahr sank der Konsum um fast acht Prozent. Allerdings wurden 2015 in Deutschland damit immer noch rund 75 Milliarden Zigaretten konsumiert. Laut DHS starben im Jahr 2013 rund 121.000 Menschen hierzulande an den Folgen des Rauchens - es war damit für 13,5 Prozent der Todesfälle verantwortlich. Ähnliches berichtete kürzlich ein internationales Forscherteam.

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wbr/AFP



insgesamt 7 Beiträge
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unaufgeregter 11.04.2017
1. Kein Wunder
Der Mensch steht unter Druck. Im Job, in der Freizeit. Überall soll er höher, schneller und besser werden. Da kommt es schnell von einem Entspannungsgläschen am Abend zur Sucht. Ich kann allen nur raten, über das eigene Leben im schicken Hamsterrad nachzudenken. Es geht auch anders. Die Arbeitsstunden reduzieren, den Konsum überflüssigen Zeugs lassen und nein, man muss nicht auch noch perfekt chinesisch im der VHS pauken. Unsere soziale Programmierung ist das Problem. Muss ich als Ehepaar in einem riesigen Haus mit zwei dicken Wagen vor der Tür leben? Uns reicht eine minimalistisch eingerichtete Wohnung mit einem Kleinwagen vor der Tür. Alles bezahlt!
hansulrich47 11.04.2017
2. Na gut.
Die Frage, wie viel wird wirklich getrunken und geraucht zu beantworten, ist schwierig. Denn wie viele Zigaretten werden 'schwarz' über die Grenze geschmuggelt? In GB rechnet man mit 30% geschmuggelten Zigaretten, in D werden es kaum weniger sein, dazu ist die Grenze zu Polen zu offen. In Schweden wird offiziell weniger Alkohol getrunken als in Deutschland. Aber jeder zweite Schwede (oder Norweger) vergärt Zucker zu Schnaps (geht ja mit Bierhefe ganz einfach) und darf im Staatsladen sogar konzentrierte Aromen ganz legal kaufen, um Whisky, Rum oder Cognac aus seinem Destillat zu machen. Daher sind diese Statistiken ziemlich fragwürdig!!!
Celegorm 11.04.2017
3.
Zitat von hansulrich47Die Frage, wie viel wird wirklich getrunken und geraucht zu beantworten, ist schwierig. Denn wie viele Zigaretten werden 'schwarz' über die Grenze geschmuggelt? In GB rechnet man mit 30% geschmuggelten Zigaretten, in D werden es kaum weniger sein, dazu ist die Grenze zu Polen zu offen. In Schweden wird offiziell weniger Alkohol getrunken als in Deutschland. Aber jeder zweite Schwede (oder Norweger) vergärt Zucker zu Schnaps (geht ja mit Bierhefe ganz einfach) und darf im Staatsladen sogar konzentrierte Aromen ganz legal kaufen, um Whisky, Rum oder Cognac aus seinem Destillat zu machen. Daher sind diese Statistiken ziemlich fragwürdig!!!
Können Sie das anhand von methodischen Fehlern in der vorliegenden (oder anderen) Studie belegen oder behaupten Sie das jetzt einfach mal so frisch von der Leber weg? Solche Erhebungen basieren nämlich meist nicht nur auf offiziellen Verkaufszahlen oder der Steuererfassung, sondern schätzen auch andere Quellen ab um ein möglichst repräsentatives Bild des Gesamtkonsums zu erhalten. Dass Schweden und Norwegen eine einzige Schwarzbrennerei wären ist im übrigen auch ein recht verquerer Mythos unter Mitteleuropäern. Ausser vielleicht in irgendwelchen Käffern in der Finnmark oder unter Studenten ist das heute relativ selten, zumindest kaum häufiger als in Deutschland, Frankreich, der Schweiz oder gar Süd- und Osteuropa, wo Bauern, Hobby-Gärtner und Co. wohl wesentlich zahlreicher im Privaten brennen und keltern was das Zeug hält. In Skandinavien gibt es eher einen gewissen Trend zur Heimbrauerei, aber das gibts in vielen anderen Ländern genau so und läuft zudem über offizielle Verkaufswege der Rohmaterialen, lässt sich also relativ leicht erfassen. Wobei die Grundaussage Ihres Kommentars eh nicht so ganz ersichtlich ist. Wollen Sie mit diesen Relativierungen etwa andeuten, dass der durchaus sehr freizügige, intensive und oft grenzwertige Alkoholkonsum in Deutschland ja nicht so schlimm sei? Und sei es nur, weil anderswo auch gesoffen wird?
spon-facebook-10000012354 11.04.2017
4. Methodische Probleme der Messung des Alkoholkonsums
Die Autoren stützen sich entweder auf die Angaben der Befragten über ihren Alkoholkonsum oder auf Produktionszahlen, wie in diesem Fall. Diese Methoden führen jedoch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Die in Bevölkerungssurveys ermittelten Anteile des Durchschnittskonsums im Pro-Kopf Verbrauch erreichen die Schätzungen aus den Produktionszahlen nur zu 40% bis 60%, d.h. die Analysen stützen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nur auf die Angaben von ca. 50 % des tatsächlichen Konsums, während über die Verteilung der restlichen Menge (immerhin 50 %) nichts bekannt ist. Insofern stehen alle Studien zu diesem Thema auf methodisch schwachen Grundlagen. http://www.bmj.com/content/350/bmj.h384.full.pdf+html http://edoc.rki.de/documents/rki_fv/ren4T3cctjHcA/PDF/253bKE5YVJxo_30.pdf
spon-facebook-10000012354 11.04.2017
5. Medikamentenabhängigkeit
Leider wird auch in diesem Beitrag wieder der Eindruck vermittelt die BRD sei eine Nation der Medikamentenabhängigen, wobei die Benzodiazepine in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden. Tatsächlich erhöhen diese Medikamente bei älteren Menschen das Risiko eines Sturzes. In der Perspektive der evidenzbasierten Medizin gibt es jedoch andererseits durchaus Indikationen, die unter bestimmten Bedingungen eine dauerhafte Behandlung mit BZD vertretbar erscheinen lassen. Diese Manipulation der "Seele" ist aber weder bei der Bevölkerung noch in der Psychiatrie beliebt. Befürchtet wird – obwohl wissenschaftlich nicht bewiesen – eine dauerhafte Veränderung der Persönlichkeit und eine "Sucht". Damit wird nicht in Frage gestellt, dass es eine BZDA geben kann; allerdings ist das Risiko abzuwägen gegen die Nebenwirkungen der Substanzen die in der Psychopharmakologie üblicherweise zur Anwendung kommen und es ist – ähnlich wie bei Opiaten – kein definitives Ausschlussargument für eine medizinische Verwendung. Es ist eine Tendenz zu konstatieren, auf die Verordnung von BZD generell zu verzichten (oder durch Privatrezepte zu maskieren), die nur partiell durch die evidenzbasierte Verwendung von alternativen Psychopharmaka (Antidepressiva) und durch eine Überschätzung der Psychotherapie eine vermeintliche Stützung erfährt. Diese Tendenz lässt sich dauerhaft in den Lehrbüchern der Psychopharmakologie verfolgen, obwohl es bis heute keine wirklich evidenzbasierten Studien hierzu gibt und macht deutlich, dass auch die Psychiatrie Strömungen gesellschaftlicher Tendenzen unterliegt mit zum Teil zweifelhaften Konsequenzen für die Behandlungsqualität. https://de.wikipedia.org/wiki/Benzodiazepine http://www.soziale-probleme.de/2008/04_Puls_-_Benzodiazepinabhangigkeit_2008-2.pdf
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