Präimplantationsdiagnostik CDU stoppt Spahns Pläne für kostenlose Gentests

Gesundheitsminister Spahn wollte Genanalysen an Embryonen für Eltern kostenlos machen, wenn eine schwerwiegende Erbkrankheit droht. Nun scheitert der Plan an seiner eigenen Partei.

Jens Spahn
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Haben Eltern eine gefährliche Erbkrankheit, können sie das Erbgut ihrer ungeborenen Kinder untersuchen lassen. Die Kosten für die Behandlung von bis zu 4000 Euro müssen sie bisher selbst tragen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollte das ändern und die Krankenkassen verpflichten, für die Behandlung zu zahlen. Doch seine Partei stellt sich nun gegen die Pläne.

Zu dem Vorhaben gebe es noch "Diskussionen", sagte Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) in Berlin. Spahn kündigte an, seine Pläne zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzugreifen.

Vorschlag einstimmig abgelehnt

Untersuchungen an Embryonen unterliegen in Deutschland strengen gesetzlichen Regelungen. Nur unter besonderen Umständen darf ein Embryo vor dem Einpflanzen überhaupt genetisch untersucht werden; mithilfe der Präimplantationsdiagnostik, kurz PID. Entweder muss das Risiko schwerer Erbkrankheiten bestehen - oder die hohe Wahrscheinlichkeit einer Tot- oder Fehlgeburt. PID-Ethikkommissionen entscheiden im Einzelfall darüber, ob eine Untersuchung erlaubt ist.

Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.

Die Kostenübernahme der PID durch Krankenkassen sollte im Rahmen des Terminservice- und Vorsorgegesetzes (TSVG) neu geregelt werden. Das stieß auf Kritik, da mit der Novelle eigentlich die Wartezeiten in den Arztpraxen verkürzt werden sollen. Die Neuregelung der PID innerhalb eines Termingesetzes wirke "untergeschoben", kritisierte die Unionsfraktion laut einem Bericht der "Welt". Die Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion sprach sich demnach einstimmig gegen Spahns Pläne aus.

"Hauruckverfahren"

Auch Kirchenvertreter hatten sich kürzlich gegen Spahns Vorhaben positioniert. Sie warfen dem Minister vor, die Änderung in einem "parlamentarischen Hauruckverfahren" umsetzen zu wollen.

"Wir werden uns das in Ruhe anschauen", kündigte Brinkhaus nun an. Das Vorhaben, die Präimplantationsdiagnostik in Ausnahmefällen zur Kassenleistung zu machen, werde zwar nicht im Terminservicegesetz aufgenommen, teilte das Gesundheitsministerium mit. Allerdings solle das Thema neu aufgerufen werden, wenn das Bundesgesundheitsministerium in diesem Jahr einen Bericht über die Erfahrungen mit PID vorlege.

koe/AFP



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