Masern Was Impfgegner bewegt

Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich für eine Impfpflicht in Kitas und Schulen ausgesprochen. Warum wollen einige Eltern ihre Kinder nicht immunisieren lassen?

Bald Pflicht? Mädchen bekommt nach einer Impfung ein Pflaster
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Bald Pflicht? Mädchen bekommt nach einer Impfung ein Pflaster


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Impfungen können Kinder vor gefährlichen Krankheiten schützen. Einige Erreger wie die Pockenviren gelten inzwischen als ausgerottet, dank konsequenter Impfprogramme. Dennoch fürchten gerade Eltern in Industrienationen mögliche Nebenwirkungen und lassen ihre Kinder nicht impfen. Die Folge: Vermeidbare Krankheiten wie die Masern breiten sich weiter aus.

Gesundheitsminister Jens Spahn will das nicht länger hinnehmen und spricht sich für eine Impfpflicht gegen Masern aus. Die Debatte wird bereits seit Jahren mal mehr oder weniger hitzig geführt. Laut Spahn zeichne sich mittlerweile eine Mehrheit für die Impfpflicht ab, sowohl in der Gesellschaft als auch parteiübergreifend.

Regelung wäre laut Spahn schnell umsetzbar

Gerade in Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Kindergärten gehe es um Verantwortung nicht nur für das eigene Kind, sondern für alle, argumentiert Spahn. Ab kommender Woche werde die große Koalition in Berlin über eine Impfpflicht sprechen. "Wenn man will, kann man eine solche Regelung zügig umsetzen", sagte Spahn.

Doch woher kommt überhaupt die Angst vorm Impfen? Viele Behauptungen von Impfgegnern konnten inzwischen wissenschaftlich widerlegt werden. Erst kürzlich konnten Forscher nach einer groß angelegten Studie in Dänemark erneut ausschließen, dass eine Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) Autismus auslösen kann. Trotzdem kursieren solche Falschinformationen noch immer in sozialen Netzwerken, zeigt eine aktuelle Studie, die im Fachblatt "Vaccine" veröffentlicht wurde.

Neben der Angst vor vermeintlichen Nebenwirkungen kursieren unter Impfskeptikern auch Verschwörungstheorien, mangelndes Vertrauen in die Wissenschaft und eine generelle Bevorzugung von Alternativmedizin wie Homöopathie.

Für die Analyse hatten die Forscher impfkritische Facebook-Postings von 197 Einzelpersonen untersucht, die das Impfvideo einer US-Kinderklinik kommentierten. Die Studie ist nicht repräsentativ, gibt aber einen Einblick, was Impfgegner bewegt. "Wir wollen impfkritische Eltern verstehen, um Ärzten die Möglichkeit zu geben, mit ihnen optimal und respektvoll über die Bedeutung der Immunisierung zu kommunizieren", sagt Brian Primack von der University of Pittsburgh, Hauptautor der Studie.

Die meisten impfkritischen Kommentare kamen von Müttern. Inhaltlich ließen sich die Postings vier Hauptargumenten zuordnen:

  • Unter dem Schlagwort "Vertrauen" sammelten die Forscher Beiträge, die Misstrauen gegenüber der wissenschaftlichen und speziell der medizinischen Community zum Ausdruck brachten.
  • "Alternativen" betraf Postings, die auf die in Impfungen enthaltenen Chemikalien fokussierten und stattdessen homöopathische Heilmittel propagierten.
  • "Sicherheit" umfasste jene Kommentare, in denen es um befürchtete Impfrisiken ging, etwa die Angst vor Autismus.
  • "Verschwörung" beschreibt schließlich jene Beiträge, die behaupteten, dass Regierungen oder andere Organisationen Informationen über Gefahren des Impfens zurückhalten.

Die Identifikation dieser vier Gruppen bedeute, dass pauschale Botschaften für das Impfen nicht funktionierten, erklärt Ko-Autorin Beth Hoffmann. "Erfährt jemand aus der Vertrauen-Gruppe, dass Impfungen keinen Autismus auslösen, hat das keinen Effekt, weil das überhaupt nicht die Bedenken waren."

Deshalb sei es wichtig, maßgeschneiderte Botschaften zu entwickeln. Darüber hinaus plädieren die Forscher für eine bessere Vermittlung von Medienkompetenz, ansprechendere Aufklärung und mehr Social-Media-Aktivitäten von Medizinern in impfkritischen Online-Diskussionen.

Zehn Prozent der Deutschen skeptisch gegenüber Impfungen

Der Kinderarzt Burkhard Rodeck, der nicht an der Studie beteiligt war, rät, zwischen impfkritischen und dogmatischen Eltern zu unterscheiden: Erstere seien Argumenten noch zugänglich, letztere nicht mehr. In Deutschland stünden gut zehn Prozent der Bevölkerung Impfungen skeptisch gegenüber - aber nur ein kleiner Teil davon lehne sie grundsätzlich ab.

Deshalb hält er Überzeugungsarbeit für wichtig: "Wir brauchen Impfraten von weit über 95 Prozent, um Krankheiten wirklich auszurotten." In Deutschland würden viele Menschen der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht mehr vertrauen, hinzu komme Gleichgültigkeit: "Eine Bezeichnung wie Kinderkrankheit klingt niedlich, aber gerade das Beispiel Masern zeigt, dass derartige Krankheiten ein hohes Potenzial für Komplikationen haben und immer noch tödlich enden können." Eine allgemeine Impfpflicht sieht er allerdings kritisch, weil diese Eltern abschrecken könnte und sich in anderen europäischen Ländern kaum bewährt habe.

Laut dem Düsseldorfer Kinder- und Jugendarzt Hermann Josef Kahl seien jedoch weniger die Impfgegner das Problem, sondern vielmehr, dass viele Eltern Impftermine vergessen. "Ist in der Praxis viel zu tun, wird im Zweifelsfall vielleicht der Impfpass nicht kontrolliert", sagt Kahl.

Zudem werden einige Kinder nicht konsequent geimpft. Um optimal gegen Masern immunisiert zu sein, sind beispielsweise zwei Impfungen erforderlich. Doch längst nicht alle erhalten beide Impfungen. Spahn fordert deshalb eine Regelung, dass sich nicht geimpfte Erwachsene gleich mitimpfen lassen, wenn sie mit ihren Kindern zum Arzt gehen.

Zusammengefasst: Laut Bundesgesundheitsministers Jens Spahn könnte eine Impfpflicht in Deutschland schnell umgesetzt werden. Ab kommender Woche soll die Große Koalition darüber beraten. Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass die Skepsis gegenüber Impfungen zahlreiche Ursachen haben kann. Forscher fordern deshalb umfassende Aufklärungsprogramme. Doch nicht nur Impfskeptiker drücken die Impfquote. Einige Eltern verpassen unabsichtlich empfohlene Impftermine.

koe/dpa



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