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Rätselhafter Patient: Schleierhafte Lunge

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Ein rätselhafter Patient Gefährliche Liebschaft

Urplötzlich bekommt eine 18-Jährige Fieber, Husten und Atemnot. Ihre Beschwerden werden so stark, dass sie ins Krankenhaus muss. Erst als die Patientin in der dritten Klinik schwerkrank auf der Intensivstation liegt, lösen die Ärzte das Rätsel. Die Spur führt zum neuen Freund der Frau.

Alles beginnt wie ein harmloser viraler Infekt. Die 18-jährige Gärtnerin bekommt Fieber, hustet, es folgen nächtliche Schweißausbrüche, Halsschmerzen, Brustschmerzen und Luftnot. Ihr ist übel, sie erbricht und hat Durchfall.

Die junge Frau versucht es mit dem Inhalator eines Verwandten, die Luftnot verbessert sich kurzzeitig. Wenige Tage später geht sie dennoch ins Krankenhaus, sie hat mehr als 39 Grad Celsius Fieber. In der Notaufnahme bekommt sie ein Antibiotikum und einen eigenen Inhalator verschrieben und wird wieder nach Hause geschickt.

Nur zwei Tage darauf, so berichten es Daniel Hunt und seine Kollegen im "New England Journal of Medicine" , geht die Patientin in eine zweite Klinik. Immer stärkerer Husten schüttelt ihren Körper, sie hustet weißen Schleim, auch Erbrechen, Durchfall und Luftnot bessern sich nicht, sondern sind schlimmer als zuvor. In der Klinik klagt sie über äußerst starke Brustschmerzen und erzählt den Ärzten, sie habe vor etwa einer Woche eine Zecke an ihrem Bauch gefunden. Bei der Untersuchung fällt vor allem die Luftnot der Patientin auf, ihre Lunge pfeift beim Abhören. Innerhalb weniger Stunden entwickelt sie erneut Fieber.

Kein Krankheitserreger auffindbar

Die Mediziner röntgen den Brustkorb der Patientin. Vor allem die linke Lunge hebt sich auf der Aufnahme nicht wie bei einem Gesunden schwarz vom restlichen Brustkorb ab, sondern scheint von milchigen Wolken bedeckt zu sein - ein Hinweis auf eine Lungenentzündung. Die Ärzte beginnen mit einer Antibiotikatherapie, die sich gegen die wahrscheinlichsten Krankheitserreger von Lungenentzündungen richtet. Gleichzeitig starten sie die Spurensuche: Sie testen das Blut der Frau auf Krankheitserreger und prüfen, ob eine HIV-Infektion die Atembeschwerden verursacht. Doch sie finden nichts. Der Zustand der Patientin verschlechtert sich unterdessen weiter.

Vier Tage später wird die Frau in einem Computertomografen untersucht. Wieder sind die Zeichen einer Lungenentzündung sichtbar. Weil die Medikamente bislang keinen Erfolg zeigen, wechseln die Ärzte die Antibiotika. Doch nach wenigen weiteren Tagen versagt die Lunge der 18-Jährigen so sehr, dass die Ärzte sie intubieren und beatmen müssen. Sie spülen die Lunge der Patientin mit Flüssigkeit und analysieren diese - wieder finden sie keine Hinweise auf Krankheitserreger.

Elf Tage nach der Aufnahme verlegen die Mediziner der zweiten Klinik ihre Patientin schließlich ins Massachusetts General Hospital und bitten die Mediziner dort um Hilfe. Nach der Ankunft fällt den Ärzten eine verkrustete Verletzung an der Lippe der Patientin auf. Bei der Suche nach möglichen Ursachen des Lungenversagens notieren sie, die 18-Jährige habe keine bekannten Allergien, schlafe in einem feuchten Zimmer und sie rauche neben Zigaretten auch Marihuana. Gereist sei sie in letzter Zeit nicht, und sie sei mit ihrem Freund erst seit kurzem zusammen.

Mit einem Endoskop können die Ärzte direkt in die Luftwege hineinsehen. Die Lungenschleimhaut ist gereizt, stellen sie bei dieser Bronchoskopie fest. Außerdem spülen sie die Lunge erneut mit Flüssigkeit, die sie anschließend im Labor untersuchen.

Zeckenbiss oder Beziehungsfolge?

Vor allem zwei mögliche Ursachen halten die Mediziner jetzt für wahrscheinlich. Praktisch alle üblichen Krankheitserreger scheiden aus, weil die Patientin auf eine der bereits ausprobierten Behandlungen hätte reagieren oder sich die Erreger in Untersuchungen hätten nachweisen lassen müssen. Übrig bleiben das von Zecken übertragene Bakterium Francisella tularensis und eine Virusinfektion, die zum Beispiel der neue Freund der Patientin auf sie übertragen haben könnte.

Einige der Symptome der Patientin scheinen zur vom Francisella-Bakterium ausgelösten Tularämie zu passen, andere wiederum nicht. Insgesamt halten die Ärzte eine Virusinfektion für wahrscheinlicher, unter anderem, weil der einzige bemerkte Zeckenbiss der Patientin erst nach dem Einsetzen der Krankheitssymptome war.

Fündig werden die Mediziner schließlich bei einem Krankheitserreger, den nahezu jeder Mensch kennt und den kaum jemand mit einem so schweren Krankheitsverlauf in Verbindung bringt: Vermutlich hat das Herpes-simplex-Virus 1 (HSV-1) die Lungenentzündung der Patientin verursacht, der Auslöser des Lippenherpes. Möglicherweise ist die verheilende Lippenwunde der Patientin der Rest eines Herpesbläschen. Die Ärzte können das HSV-1 schließlich auch in der Lungenspülflüssigkeit nachweisen.

Die Patientin bekommt sofort ein antivirales Medikament, innerhalb von 48 Stunden bessert sich ihr Zustand deutlich und sie kann wieder selbständig atmen. Allerdings leidet sie unter einer Komplikation der Virusinfektion: Die Nerven in ihren Beinen sind durch die Herpesviren so geschädigt, dass die 18-Jährige vor allem den linken Fuß nur mit Mühe heben kann. Dieses sogenannte Guillain-Barré-Syndrom behindert die junge Frau auch nach der Entlassung, zudem ist sie bei der letzten Nachuntersuchung immer noch kurzatmig, berichten ihre Ärzte.

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