Neue Methoden gegen Karies Und er hat gar nicht gebohrt

Zahnärzte preisen gerne sanfte Methoden, mit denen sie Karies ohne Bohrer behandeln. Wann funktioniert das wirklich?
Zahnarzt mit Helferin

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Foto: Corbis

Karies stoppen, sogar rückgängig machen, das klingt verlockend. Vor allem, wenn dabei nicht der Bohrer zum Einsatz kommt, dessen durchdringendes Geräusch viele mindestens akustisch als Qual empfinden. Was seit Längerem verheißungsvoll angepriesen wird, basiert tatsächlich auf einem Umdenken in der Zahnmedizin. Es muss nicht unbedingt gebohrt werden. Die Therapie richtet sich vielmehr danach, wie aktiv und wie fortgeschritten die Karies ist.

"Zahnärzte sollten genau hinschauen und dann nur das Nötigste machen", sagt Hendrik Meyer-Lückel von der Klinik für Zahnerhaltung der RWTH Aachen. Experten unterscheiden zwischen nicht-invasiven, mikro-invasiven und invasiven Maßnahmen. Heißt: Je früher Karies entdeckt wird, desto weniger Zahnsubstanz muss geopfert werden.

Karies-Management

Nicht-invasiv bedeutet: Es wird ein Fluorid-Lack aufgetragen. Australische Forscher haben das über mehrere Jahre an Patienten in 19 australischen Zahnarztpraxen getestet und ihre Ergebnisse im Dezember veröffentlicht . Bei früher Karies erhielten die Patienten einen hoch konzentrierten Fluorid-Lack an den betroffenen Stellen, eine genaue Anleitung für das Zähneputzen zu Hause sowie die Auflage, Zwischenmahlzeiten und süße Getränke zu reduzieren. Alle wurden abhängig vom individuellen Kariesrisiko überwacht. Fachleute sprechen vom "Karies-Management-System".

Fazit nach sieben Jahren: Das Karies-Risiko sei unter den Patienten mit Karies-Management "substanziell reduziert". Im Vergleich zur Kontrollgruppe seien 30 bis 50 Prozent weniger Füllungen notwendig gewesen. Füllungen seien häufig also unnötig, sagt Studienleiter Wendell Evans von der Universität Sydney. Karies schreite nicht immer so schnell fort wie stets gedacht. Im Schnitt dauere es vier bis acht Jahre, bis eine Karies sich von außen vom Schmelz bis zum Inneren des Zahns, ins Dentin, vorgearbeitet hat. Somit habe man genügend Zeit, die Karies zu behandeln - und die Zahnsubstanz zu erhalten.

Bohrer im Einsatz - aber Fluorid-Lack reicht mitunter auch

Bohrer im Einsatz - aber Fluorid-Lack reicht mitunter auch

Foto: Corbis

Doch selbst wenn die Schäden am Zahn schon größer sind, muss noch nicht zwingend gebohrt werden. Hendrik Meyer-Lückel hat zusammen mit einem Berliner Kollegen einen flüssigen Kunststoff zur "Karies-Infiltration" entwickelt und ein Patent für diese mikro-invasive Technik angemeldet. Die Hamburger Firma, die das Mittel exklusiv vertreibt, wurde 2009 im Wettbewerb "Land der Ideen" ausgezeichnet . Der Kunststoff dringt in die Poren des Zahns ein und stoppt damit das zerstörerische Werk der Säuren.

Die Wirksamkeit sei "gut belegt", sagt Meyer Lückel. Er verdient an der Entwicklung, legt aber Wert darauf, dass hier nicht ein Unternehmen Forscher bezahle, sondern Forscher nach einer Entwicklung ein Unternehmen suchten, um die Neuheit herzustellen und zu vertreiben.

Langzeitstudien fehlen

In einer eigenen Studie hat er 2010 die mikro-invasive Methode bei 22 Patienten untersucht . Jeweils 29 Stellen mit Anfangskaries wurden wirklich mit Infiltration behandelt oder zum Schein. Alle Patienten erhielten eine Beratung zur zahngesunden Ernährung, eine Zahnzwischenraum-Reinigung und eine Fluoridierung. Nach 18 Monaten war die Karies bei 37 Prozent der zum Schein behandelten Stellen fortgeschritten, aber nur bei sieben Prozent der infiltrierten Stellen. Nach drei Jahren betrug der Unterschied 46 zu vier Prozent.

Das unabhängige Cochrane-Netzwerk analysierte nun die Studienlage zu den verschiedenen Methoden und kommt zu einem ähnlichen Ergebnis : Im Vergleich zu nicht-invasiven Methoden reduziere eine mikro-invasive Behandlung ein Fortschreiten der Karies signifikant. Allerdings konnten sie sich nur auf acht Studien stützen, vier waren finanziell nicht unabhängig. Einen direkten Vergleich mit der klassischen Füllungstherapie fanden sie nicht. Auch Langzeitergebnisse sind noch rar.

Worauf sollten Patienten achten? Zahnärzte, die Karies ohne Bohrer angehen, sollten sich insgesamt um Prävention kümmern und gute Diagnostik machen. Denn um einschätzen zu können, wie weit eine Karies fortgeschritten ist, braucht man Röntgenbilder. Von außen erkennbar ist eine sogenannte Initialkaries meist an weißen Flecken auf dem Zahn.

Wenig Honorar

Die Infiltration mit flüssigem Kunststoff eignet sich vor allem für schwer zugängliche Stellen, also an der Seitenfläche des Zahns zum Nachbarzahn hin. Diese sogenannte Approximal-Karies ist häufig. An gut zugänglichen Stellen hingegen wird Fluoridlack eingesetzt. Wenn bereits ein richtiges Loch entstanden ist oder an der Stelle eine Füllung vorhanden ist, funktioniert die Infiltration nicht mehr. Auch eine Krone spricht gegen eine Infiltration. Nebenwirkungen sind bislang nicht bekannt. Die Kosten liegen pro Behandlung bei 60 bis 100 Euro.

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Ein Problem liegt im System: "Karies-Management ist ideal", sagt Diana Wolff von der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der Universität Heidelberg. Aber dafür müsse man vor allem viel mit den Patienten reden - und das werde vergleichsweise schlecht honoriert. Auch Eberhard Riedel, Zahnarzt und Gerichtsgutachter, kritisiert: "Die Message, nicht zu früh zu bohren, ist in einer heute vermehrt umsatzorientierten Zahnmedizin nicht leicht umzusetzen."


Zusammengefasst: Bei Karies muss nicht zwingend gebohrt werden. In frühen Stadien der Erkrankung kann zum Beispiel auch eine Behandlung mit Fluorid-Lack helfen. Zudem gibt es mikro-invasive Methoden, bei denen flüssiger Kunststoff Poren des Zahns wieder verschließt und Bohren überflüssig machen kann. Es mangelt allerdings noch an Studien, um die Langzeiterfolge der neuen Methoden abschätzen zu können.

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