Studie Zahnvorsorge könnte Milliarden Krankheitsfälle verhindern

Weltweit litten 2018 rund 3,5 Milliarden Menschen unter Erkrankungen im Mund. Ein Großteil hätte vermieden werden können, bemängeln die Autoren einer Studie. Auch in Deutschland sehen sie Handlungsbedarf.

Röntgenbild mit einem zersetzten Zahn
Science Photo Library

Röntgenbild mit einem zersetzten Zahn


Forscher fordern ein radikales Umdenken im Umgang mit Mund- und Zahnerkrankungen. Rund 3,5 Milliarden Menschen leiden demnach unter Karies oder Zahnfleischerkrankungen - weitgehend unbeachtet von der weltweiten Gesundheitsvorsorge und -politik. Gute Vorsorge hätte einen Großteil dieser Krankheiten verhindern können, sind sich die Experten sicher.

"Die Zahnmedizin ist in der Krise", sagt Professor Richard Watt vom University College London (UCL), einer der Autoren einer Artikelserie zu diesen Themen im britischen Fachjournal "The Lancet".

In hoch entwickelten Ländern stehe bei der modernen Zahnmedizin beispielsweise viel zu stark die Behandlung im Vordergrund, kritisieren er und zwölf weitere internationale Experten. Besser wäre es, sich auf die Vorbeugung zu konzentrieren. Die Wissenschaftler aus zehn Ländern, darunter auch Großbritannien und Deutschland, monieren zudem, dass sich die Zahnmedizin schon viel zu lange von der allgemeinen Gesundheitsvorsorge abgekoppelt habe.

Unbehandelte Karies - weltweites Problem

Die Folge: Während es etwa bei Karies von Kindern in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gab, ist Karies bei bleibenden Zähnen noch immer eines der größten Gesundheitsprobleme weltweit. Das betrifft auch Deutschland. Hierzulande hatten 2017 knapp 41 Prozent unbehandelte Karies an bleibenden Zähnen, dies zeigen Daten des Institute for Health Metrics and Evaluation der University of Washington.

Laut der Deutschen Studie für Mundgesundheit ist die Zahl der kariösen, fehlenden oder gefüllten Zähne in den vergangenen Jahrzehnten zwar deutlich zurückgegangen. Demnach weisen jedoch noch immer 11,2 Zähne der 35- bis 44-Jährigen eine Karieserfahrung auf (zum Vergleich: 1997 waren es 16,1 Zähne).

Mehr zum Thema - Zahngesundheit

Auch Stefan Listl, Co-Autor der aktuellen Studie, sieht in Deutschland noch Handlungsbedarf. Zwar werde hier im weltweiten Vergleich mit am meisten für zahnmedizinische Behandlungen ausgegeben, sagt Listl, der an der Universitätsklinik in Heidelberg im Bereich Gesundheitsökonomie forscht. Viele Menschen litten aber weiterhin an vermeidbaren Folgen solcher Erkrankungen. Der dadurch entstehende Verlust an Produktivität betrage mehr als zwölf Milliarden Euro jährlich. "Es wird zu viel Wert auf Hightech gelegt statt auf Vorsorge."

Auch sei es weiterhin so, dass Menschen aus niedrigeren Bildungsschichten deutlich öfter Zahnprobleme hätten. "Mit dem Versorgungsmodell hierzulande kommt man sehr weit, aber wie kann man die erreichen, die nie zum Zahnarzt gehen?", fragt Listl. Vielen Menschen sei nicht bewusst, wie wichtig Zahn- und Mundhygiene sei.

Wie die Zuckerindustrie die WHO beeinflusste

Ebenfalls kritisch beurteilen die Wissenschaftler die Rolle der Zucker-, Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Ihr Einfluss könne dazu führen, dass der Fokus auf kommerzielle Produkte wie Zahnpasta mit Fluor, Mundwasser oder zuckerfreien Kaugummi gelegt werde statt sich den tatsächlichen Ursachen etwa von Karies zu widmen. So steige der Konsum von Zucker, Hauptursache für die Zerstörung von Zähnen, gerade in weniger entwickelten Ländern rapide an.

Als konkretes Beispiel nennen die Forscher den Einfluss der Zuckerindustrie auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). 2003 kam ein Expertenkomitee zum Schluss, dass zugesetzte Zucker weniger als zehn Prozent der täglich aufgenommenen Kalorien ausmachen sollten. Die weltweite Zuckerindustrie habe jedoch erfolgreich dagegen lobbyiert, sodass es die Empfehlung nicht in den veröffentlichten WHO-Report geschafft habe, schreiben die Autoren. Erst 2015 hat die Organisation schließlich offiziell diese Empfehlung ausgesprochen.

Im Video: Zum Zahnarzt in die Turnhalle - Massenuntersuchung in den USA

SPIEGEL TV

irb/dpa

Mehr zum Thema


insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ein_denkender_Querulant 19.07.2019
1. Krankenkasse wechseln
Meine gesetzliche Krankenkasse bezahlt Voodoo wie Homöopathie, aber keine Zahnreinigungen, die jeder Deutschen 1-2 mal im Jahr machen sollte. Da hilft nur zu wechseln.
weltenbummler80 19.07.2019
2. Als Zahnarzt sage ich das offen...
Die professionelle Zahnreinigung funktioniert (wenn sorgfältig gearbeitet wird) sehr gut. Ich habe bei Patienten, welche die Reinigung machen lassen, kaum etwas zu tun. Das hängt meiner Meinung nach mit zwei Dingen zusammen: 1. Die Vorsorge wird korrekt durchgeführt. 2. Der Patient ist selbst an Vorsorge interessiert, er achtet mehr auf seine Zähne und reinigt diese besser. Da gilt Vorsorge ist besser als Nachsorge. Und das sage ich meinen Patienten auch. Vorsorge ist für den Zahnarzt nicht so lukrativ wie Nachsorge. Die Vorsorge wir nicht von der Kasse übernommen. Aber wenn die Karies da ist, dann geben sie Geld dazu... Füllungen Kronen und Brücken und Wurzelkanalbehandlung... Aber gute Medizin sorgt sich um die Patienten und versucht Schäden abzuwenden. Das Gesundheitssystem belohnt den Macher, nicht den Vorsorger. Das ist unfair, weil wir Menschen erst krank werden lassen müssen um sie dann zu heilen... Und diesen ganzen Globuli Mist und den anderen Kram kann man weglassen, sowas sollte nicht bezuschusst werden. Es gibt so viel, worüber ich mich klagen könnte...
mumuwilli1975 19.07.2019
3. weltenbummler80
Ich habe 5 Jahre in UK gelebt. Zahnärzte sind zu teuer. Selbst einen Zahn zu ziehen, kostet bis zu 200 GBP. Das sieht man auch an vielen Engländern. Anderes Beispiel, ich muss 2 Kronen haben, die von der PKV übernommen werden, aber die 2000 EUR für die Wurzelbehandlung nicht. Also muss ich es wohl sein lassen und mit 2 schrecklichen Zähnen weiterleben...
Thomas Magnum 19.07.2019
4.
So ein Blödsinn! Macht die Behandlungen, die etwas bringen, wieder bezahlbar, dann klappt das auch mit der Behandlung. Wer sich das Überkronen von Zähnen nicht leisten kann, der hat kaum eine Wahl mehr. Sie verfaulen den Leuten im Mund. Verständlich daß diese die Zähne so lange es irgend geht noch behalten wollen. Am Ende steht nur noch das Ziehen - das wird dann wieder bezahlt. Wie pervers!
weltenbummler80 19.07.2019
5. Also...
einen Backenzahn zu ziehen bezuschusst die Krankenkasse ( ohne Aufklappen oder größere Sachen) mit ca 18 bis 21 Euro. Das die Unkosten bei 250 Euro pro Stunde liegen, ist niemanden klar. Selbst wenn der Zahnarzt nur 15 Minuten braucht, es sind eher 30 Minuten, dann ist es ein ordentliches Verlustgeschäft. Im Prinzip treiben Krankenkassen einen Arzt in den Ruin, weil er eine Leistung erbringen muß, aber der Preis festgelegt ist. Nur mal so bei einer Backenzahn Entfernung: 1. Anästhesie 2. Zweite Anästhesie, damit auch ja alles taub ist, wird von der Kasse nicht übernommen, der Arzt braucht das in der Regel, weil es ohne nicht geht. 3. Chirurgie: Zahn entfernen mit steril eingepackten Instrumenten 4. Wundreinigung mit Löffel 5. Tupfer damit es nicht blutet. 6. Dokumentation: Zahn gezogen wieso, wann, Komplikationen ja / nein wieviel Anästhesie in ml, welche Produkte mit Namen und Wirkstoff Dosierung 7. Gehalt Arzt, Gehalt Assistenz, Gehalt restliches Personal, Materialien, Strom, Gas, Wasser, Wartung der Einheiten... Macht für den Arzt vielleicht 21 Euro. Zahnärzte sind nicht geldgierig, sie werden aus meiner Sicht von den Kassen versklavt. Ist so...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.