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08. November 2019, 20:16 Uhr

Schwächeanfälle im Plenarsaal

"Seit die AfD im Bundestag sitzt, ist die Belastung höher geworden"

Ein Interview von

Im Bundestag sind zwei Abgeordnete zusammengebrochen. Der SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach leistete Erste Hilfe. Er erklärt, warum der Job im Bundestag so ungesund ist - und was die AfD damit zu tun hat.

SPIEGEL: Herr Lauterbach, am Donnerstag haben zwei Bundestagsabgeordnete einen Schwächeanfall im Plenarsaal erlitten. Sie waren in beiden Fällen Ersthelfer. Kommt so etwas häufiger vor?

Lauterbach: Ja, das war nicht das erste Mal, dass ich Notfälle im Bundestag behandelt habe. Bundestagsabgeordnete leiden unter einer starken Belastung, die sich negativ auf die Gesundheit auswirkt. Mir als Arzt vertrauen sich viele Kollegen an, parteiübergreifend. Und was ich beobachte, macht mir Sorgen.

SPIEGEL: Was macht Ihren Job so gesundheitsschädlich?

Lauterbach: Es ist die Kombination von psychischer Belastung, Bewegungsmangel und chronischem Schlafmangel: Die Arbeitstage beginnen meist morgens um acht Uhr und enden häufig nach Mitternacht. Pausen sind in der Regel nicht eingeplant, während des Mittagessens bereiten sich die Abgeordneten für die nächste Sitzung vor. Auch in sitzungsfreien Wochen ist es nicht besser. Da müssen die Abgeordneten ihre Wahlkreise versorgen, sie müssen der Presse und auf ihren Social-Media-Kanälen zur Verfügung stehen und meist sehr viel reisen. Regierungsabgeordnete kommen so in der Regel auf 70 bis 90 Arbeitsstunden pro Woche. Für die Abgeordneten in der Opposition ist es nicht ganz so schlimm.

SPIEGEL: Gerade chronischer Schlafmangel und Dauerstress kann zu psychosomatischen Leiden führen. Müsste da nicht regelmäßig jemand umkippen?

Lauterbach: Schlafmangel führt zunächst dazu, dass ein Mensch anfälliger für Infekte wird. Zwei Stunden weniger Schlaf führen zu einer doppelten Wahrscheinlichkeit, eine Erkältung zu bekommen. Nun kurieren sich Bundestagsabgeordnete in der Regel aber nicht aus, sondern schleppen sich trotzdem zur Arbeit. Dort sitzen dann die übermüdeten Kollegen und werden angesteckt. Viele meiner Kollegen sind im Winter dauererkältet.

SPIEGEL: Ein Teufelskreis also.

Lauterbach: Ja. Und viele wissen nicht, dass ein dauerhafter Schlafmangel von unter sieben Stunden pro Nacht auch Spätfolgen haben kann, wie zum Beispiel Bluthochdruck. Zudem ist er ein wichtiger Risikofaktor für Demenz. Im Schlaf wird das glymphatische System angeregt, was für die Entsorgung von Abfallstoffen im Gehirn zuständig ist. Wenn wir nicht genug schlafen, ist diese Funktion gestört - die Folge können neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson sein.

SPIEGEL: Sie sitzen selbst seit rund 15 Jahren für die SPD im Deutschen Bundestag. Haben Sie keine Angst vor den gesundheitlichen Risiken?

Lauterbach: Je länger man dabei ist, desto mehr Erfahrung hat man auch - dann geht man mit vielen Dingen entspannter um. Mich persönlich stört es nicht so sehr, dass mein Beruf ungesund ist. Ich versuche, ab und zu Sport in meinen Alltag zu integrieren. Das geht natürlich nur zu unmöglichen Zeiten: Dann spiele ich zum Beispiel am späten Abend Tischtennis mit meinem Trainingspartner.

SPIEGEL: Jetzt könnte man Ihnen vorwerfen, dass Sie sich Ihren Job ja selbst ausgesucht haben.

Lauterbach: Das sehe ich auch so. Wir Bundestagsabgeordneten sind nicht die Einzigen, die eine solche Arbeitsbelastung haben. Das kennt wahrscheinlich jeder Unternehmensberater. Mit dem Unterschied: Unternehmensberater arbeiten nur für wenige Jahre so, ähnlich wie Spitzensportler. Dagegen gibt es viele Abgeordnete, die das schon seit Jahrzehnten machen, wie etwa Wolfgang Schäuble. Bei ihm kommen sogar noch eine Behinderung und sein mittlerweile relativ hohes Alter hinzu. Man kann diese hohe Belastung ein paar Jahre mitmachen, aber auf die Dauer ist das sehr schädlich.

SPIEGEL: Müsste der Staat also gerade die Abgeordneten und ihre Gesundheit besser schützen?

Lauterbach: Meine Kritik ist gar nicht, dass ich gesünder leben will, sondern ich will, dass wir bessere Arbeit machen können. Mir geht es nicht um eine Lifestyle-Optimierung der Abgeordneten, sondern darum, dass wir eine bessere Qualität liefern könnten, wenn wir anders organisiert wären.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Lauterbach: Ich bin der Meinung, dass wir das Parlament wieder so umbauen müssten, dass es Regelgröße hat und dass wir Debatten auf 23 Uhr begrenzen. Niemand ist dazu imstande, nach einem 15-Stunden-Arbeitstag noch wichtige Entscheidungen zu treffen. Genau das passiert aber häufig. Viele Abgeordnete haben auch das Gefühl, immer schlecht vorbereitet zu sein, weil sie einfach keine Zeit haben. Ich beobachte, dass sich das Tempo in den letzten Jahren immens gesteigert hat. Diese Entwicklung bekomme ich auch bei meinen US-Kollegen mit.

SPIEGEL: Wenn das eine universelle Entwicklung zu sein scheint - wie wollen Sie gerade in der Politik wieder mehr Langsamkeit einführen?

Lauterbach: Wir sollten überflüssige Debatten sein lassen und uns auf das Wesentliche konzentrieren. Als gestern Matthias Hauer einen Schwächeanfall erlitt, ging es zum Beispiel gerade darum, dass das Bargeld in Deutschland nicht abgeschafft werden soll - ein Beitrag der AfD. Einzig: Niemand hat davor ein Bargeldverbot gefordert. Dennoch müssen wir uns alle mit dem Antrag der AfD befassen, uns einarbeiten, in Ausschüssen sitzen - die Debatten werden künstlich in die Länge gezogen. Die AfD ist mittlerweile Weltmeister darin, dem Bundestag mit überflüssigen Debatten die Zeit zu stehlen.

SPIEGEL: Wären die Abgeordneten also gesünder, wenn die AfD nicht im Bundestag sitzen würde?

Lauterbach: Auf jeden Fall kann man sagen, dass die gesundheitliche Belastung höher geworden ist, seit die AfD im Bundestag sitzt.

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