Karpaltunnelsyndrom Einschlafende Hände sind ein Warnsignal

Ständig schlafen die Hände ein, vor allem nachts: Wer diese Beschwerden kennt, sollte zum Arzt gehen. Wird das Karpaltunnelsyndrom nicht früh behandelt, drohen dauerhafte Schäden. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Schmerzen in der Hand
Getty Images

Schmerzen in der Hand


Wenn die Hände ab und an einschlafen, denken sich viele nichts dabei. Solche Beschwerden sollte man aber nicht einfach ignorieren. Sie können auf ein Karpaltunnelsyndrom hindeuten. Dabei gerät ein Nerv im Handgelenk an einer Engstelle unter Druck.

Bei der Krankheit handelt es sich um das häufigste sogenannte Kompressionssyndrom, etwa zehn Prozent der Menschen sind betroffen. Wer nicht gegensteuert, läuft Gefahr, dass der Nerv Schaden nimmt und die Daumen dauerhaft gelähmt bleiben. Eine frühe Reaktion hingegen kann eine Operation verhindern.

Welche Symptome sprechen für ein Karpaltunnelsyndrom?

Die Beschwerden beginnen meist nachts: Kribbeln, eingeschlafene Hände, ein dumpfes Gefühl, Schmerzen. "Man wacht davon mehrmals in der Nacht auf", sagt Veit Braun von der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie. "Irgendwann kommen die Beschwerden auch tagsüber - zum Beispiel beim Fahrrad- oder Autofahren."

Hinzu kommt, dass die ersten drei Fingern ab dem Daumen an Gefühl verlieren. Beim Spülen können die Tassen aus der Hand rutschen, das Hemd lässt sich nicht mehr so gut zuknöpfen. Wenn man nichts unternimmt, schrumpft der Muskel im Daumenballen.

Welche Ursachen stecken hinter den Beschwerden?

Der Grund für die Beschwerden liegt in einer Engstelle im Handgelenk: Der Karpaltunnel ist eine Art Durchgang zwischen den Handwurzelknochen an den Seiten und einem Band (Retinaculum flexorum), das wie ein Deckel darüber liegt. Hindurch laufen Sehnen und ein Nerv - der Nervus medianus. "Das ist einer der Haupt-Handnerven. Er versorgt Daumen, Zeige- und Mittelfinger," sagt Oliver Kastrup von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie aus Essen.

Wenn der Nerv unter Druck gerät, liegt das meistens daran, dass die Beugesehnen im Karpaltunnel angeschwollen sind. Mediziner gehen davon aus, dass unter anderem eine Hormonumstellung zu den Ursachen gehört. Dafür spricht, dass etwa 70 Prozent der Betroffenen Frauen sind, viele jenseits der 50. Auch ein gebrochenes Handgelenk, bei dem sich der Karpaltunnel verschoben hat, kann die Beschwerden auslösen.

"In seltenen Fällen gibt es auch ein überlastungsbedingtes Karpaltunnelsyndrom", glaubt Jörg van Schoonhoven, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie. Andere Mediziner sind von der chronischen Belastung als Auslöser noch nicht überzeugt. Unabhängig von der Ursache wird das Problem in der Regel verstärkt, wenn man die Hand abknickt, zum Beispiel beim Schlafen.

Wie überprüft der Arzt den Verdacht auf die Krankheit?

Um festzustellen, ob jemand betroffen ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein erfahrener Arzt erkennt das Syndrom häufig schon an den Schilderungen des Patienten. Technisch lässt sich auch die Leitgeschwindigkeit der Nerven messen. Dafür bekommt der Betroffene oberhalb des Karpaltunnels einen leichten Stromschlag. Anschließend misst der Arzt, wie lange der Reiz braucht, bis er unterhalb des Tunnels ankommt. Ist die Übertragung verlangsamt, spricht das für ein Karpaltunnelsyndrom.

Außerdem kommen Ultraschalluntersuchungen und in seltenen Fällen ein Kernspin infrage. Schmerzhaft für den Betroffenen ist die Elektromyografie: Dabei sticht der Arzt eine Nadel in den Daumenballen, um die Aktivität des Muskels zu messen.

Wie wird die Krankheit behandelt?

Sind die Beschwerden noch leicht, bekommen Betroffene erst mal eine Schiene für die Nacht. Sie verhindert, dass das Handgelenk abknickt. "Das kann helfen, wird aber oft als unkomfortabel empfunden", sagt Kastrup. Eine andere Möglichkeit ist das entzündungshemmende Medikament Cortison. Früher wurde es meist direkt in den Karpaltunnel gespritzt. Heute bekommen Patienten es eher in Tablettenform.

Auch eine Operation kommt infrage, vor allem, wenn die Finger bereits taub sind oder sich der Muskel zurückbildet hat. "Es ist auch eine Frage der Toleranz des Patienten", sagt van Schoonhoven. Irgendwann kommt vielleicht ein Punkt, an dem er genug vom nächtlichen Aufwachen hat. Bei der OP wird das Band, das den Deckel des Karpaltunnels bildet, gespalten. "Dadurch verlängert es sich, und das entlastet den Nerv."

Welche Risiken birgt eine Operation?

Wie jede Operation bringt auch dieser Eingriff Risiken mit sich: Neben möglichen OP-Komplikationen wie Infektionen kann es sein, dass der Nerv verletzt oder in sehr seltenen Fällen durchtrennt wird. Das gilt auch für die endoskopische OP-Methode, bei der der Schnitt in der Handinnenfläche statt zwei nur einen bis eineinhalb Zentimeter lang ist. Zudem kann es vorkommen, dass Patienten nach dem endoskopischen Eingriff Schmerzen haben, weil der Nerv gedrückt wurde.

Nach vier Wochen sind die Ergebnisse des endoskopischen und des herkömmlichen Eingriffs aber vergleichbar. Beide OPs werden ambulant unter örtlicher Betäubung vorgenommen. Wenn die Wunde nach ungefähr zwei Wochen verheilt ist, sind die Beschwerden meist verschwunden. War der Nerv allerdings schon geschädigt oder der Muskel bereits verkümmert, lässt sich das nicht immer rückgängig machen.

Von Elena Zelle, dpa/irb



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.