Rätselhaftes Kawasaki-Syndrom Die Krankheit, die mit dem Wind kommt

Fieber, entzündete Augen, die Haut schält sich: Das Kawasaki-Syndrom trifft vor allem japanische Kleinkinder. Im schlimmsten Fall drohen lebensgefährliche Herzschäden. Die Suche nach dem Auslöser führte Forscher jetzt hoch in die Lüfte - und nach China.
Feier des Kindertags im Mai westlich von Tokio: Wie hängen Wind und Kawasaki-Syndrom zusammen?

Feier des Kindertags im Mai westlich von Tokio: Wie hängen Wind und Kawasaki-Syndrom zusammen?

Foto: AP/dpa

Die Krankheit trifft vor allem Kinder unter fünf Jahren. Sie beginnt oft mit einem hohen Fieber, das mehrere Tage anhält. Eine Entzündung färbt die Augen rot, die Zunge schwillt ebenso an wie die Lymphknoten, auf dem Körper bildet sich Ausschlag. Erbrechen, Gelenkschmerzen und sich abschälende Haut können im weiteren Verlauf dazu kommen.

Das Gefährlichste am sogenannten Kawasaki-Syndrom ist jedoch etwas anderes: Auch die Herzkranzgefäße können sich entzünden. Wird nicht rechtzeitig behandelt, entwickelt etwa einer von vier Erkrankten dort Aneurysmen - Auswölbungen der Herzkranzgefäße, die das Risiko für einen Infarkt deutlich erhöhen. Auch Herzrhythmusstörungen sind eine mögliche Komplikation. Bei Verdacht auf das Syndrom , das in Deutschland nur sehr selten auftritt, sollte man deshalb unbedingt den Kinderarzt aufsuchen.

Spanische Forscher haben jetzt einen möglichen Auslöser für das Kawasaki-Syndrom entdeckt. Erstmals wissenschaftlich beschrieben  wurde es in den sechziger Jahren vom japanischen Kinderarzt Tomisaku Kawasaki. Seitdem aber rätselten Wissenschaftler darüber, was die Krankheit verursacht. Fest stand bisher nur:

  • Das Kawasaki-Syndrom ist nicht ansteckend.
  • Die meisten Fälle gibt es in Japan, wobei die schwersten Erkrankungswellen 1979, 1982 und 1986 stattfanden - zwischen 6700 und 16.100 Kinder erkrankten in diesen Jahren.
  • In Japan, auf Hawaii und im kalifornischen San Diego treten die meisten Krankheitsfälle im späten Winter und zu Frühlingsbeginn  auf.
  • Genetische Unterschiede erklären zumindest teilweise, warum das Syndrom in manchen ethnischen Gruppen häufiger auftritt als in anderen.

Suche in 3000 Metern Höhe

2011 berichtete ein internationales Forscherteam im Fachjournal "Nature"  von einer weiteren überraschenden Erkenntnis: Das Auftreten der Krankheit hängt anscheinend mit bestimmten Windmustern zusammen, schrieb das Team um Xavier Rodó. Die meisten Krankheitsfälle gibt es demnach, wenn der Wind aus dem Nordosten Chinas kommt, einer Region, die stark landwirtschaftlich geprägt ist.

Nun legt der Klimawissenschaftler vom katalanischen Forschungsinstitut (ICREA) in Barcelona zusammen mit Kollegen nach: Im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences"  berichten sie jetzt, dass die Krankheitswellen nicht mit erhöhten Schadstoffbelastungen in der Luft einhergingen. Was also könnte stattdessen dafür verantwortlich sein? Mit einem speziell ausgerüsteten Flugzeug sammelten die Forscher Aerosol-Proben über Japan aus zwei bis drei Kilometern Höhe ein. Anschließend ermittelten sie im Labor durch DNA-Analysen, welche Mikroorganismen sich darin befanden.

Auffallend war laut ihrem Bericht der hohe Anteil an Hefepilzen aus der Gattung Candida - die genauen Arten konnten die Wissenschaftler jedoch nicht bestimmen. Allgemein können Pilze Giftstoffe produzieren, die sehr schnell Krankheitssymptome auslösen. Ein Beleg dafür, dass die Hefen die Krankheit auslösen, ist die Analyse der Forscher zwar noch nicht. Allerdings ist Rodó und Kollegen zufolge die Candida-Konzentration in Aerosol-Proben aus den gleichen Luftschichten anderer Regionen nicht so hoch.

"Ein Fall für Sherlock Holmes"

Der Zusammenhang zwischen Windmustern und Krankheitswellen legt demnach nahe, dass die Inkubationszeit des Kawasaki-Syndroms mit etwa einem Tag nur sehr kurz ist. Das stünde im Einklang mit einem Toxin als Krankheitsauslöser, so die Studienautoren.

Es sei ein Fall für Sherlock Holmes, sagt Jane Burns von der UC San Diego School of Medicine, die ebenfalls an der Studie beteiligt war. Alles deute darauf hin, dass die Menschen im Nordosten Chinas seit einigen Jahrzehnten etwas machen, was sie vorher nicht getan haben. Verbrennen sie im Winter Biokraftstoffe, so dass der Krankheitsauslöser in Aschepartikeln bis Japan getragen wird? Steckt ein neuer Vorgang beim Getreideanbau dahinter? Eine neue Weizen-, Reis- oder Mais-Sorte, die seit den Sechzigern angebaut wird? Das müssen die Forscher nun herausfinden.

Steigende Fallzahlzahlen des Kawasaki-Syndroms in Indien und auf den Philippinen deuteten zudem darauf hin, dass sich der Auslöser nicht nur im Nordwesten Chinas finden lässt. Dort würde die Krankheit übrigens häufiger auftreten, als bisher berichtet, schreiben die Wissenschaftler.

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