Kieferorthopädie Unsinnige Zahnspangen-Qual

Zahnspangen sind der Fluch vieler Jugendlicher. Oft werden Teenager unnötig lange mit den hässlichen Drahtgebilden behandelt - und entstellt. Ausgerechnet in der wichtigen Phase der Ich-Entwicklung.

Zahnspange im Mund: Für viele Jugendliche eine schwere Zeit
Corbis

Zahnspange im Mund: Für viele Jugendliche eine schwere Zeit


Die Verwandlung ist ein beliebtes Motiv der Entfremdung von der Umwelt. Franz Kafkas Alter Ego wurde zu einem Käfer, in Horrorfilmen werden Menschen über Nacht zu Schleimpilzen, Vampiren oder Zombies. Als ich Kind war, wurden reihenweise meine Mitschüler vom Kieferorthopäden transformiert.

Am Tag zuvor noch lebensfrohe unbeschwerte Teenager schlurften am nächsten Morgen mit hängenden Schultern und leerem Blick in die Schule und sagten nichts mehr. Aus Scham, denn beim Öffnen des Mundes offenbarte sich das Kainsmal. Bei manchen rauschten die mündlichen Noten deswegen in den Keller. Die Mädchen taten mir besonders leid. Verständlich, dass angesichts all dessen meine Abneigung gegenüber Kieferorthopäden wuchs. Doch irgendwann erwischte es auch mich.

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Zum Glück hatte ich nie die gefürchteten Brekkies, die festen Zahnspangen. Aber selbst meine Wechselspange war mir verhasst. "Gib die Spange gefälligst zurück, wenn du sie nie trägst!", brüllte mich der Kieferorthopäde eines Tages an. Sein Kopf war knallrot. Auffordernd hielt er mir seine flache Hand vors Gesicht. Ich sagte kein Wort, nahm die Doppelkieferspange aus dem Mund und legte das eingespeichelte Gebilde aus Kunststoff und Draht auf seine fleischige Hand.

Wie oft hatte sie in meinem Mund herumgefuhrwerkt. Einmal hatte ich sogar reingebissen - aus Versehen natürlich. Der Kieferorthopäde schaute verblüfft auf. Mit Widerstand hatte er offenbar nicht gerechnet. "Ähm. Vielleicht versuchen wir es doch noch mal", stammelte er und gab sie mir zurück. "Aber du musst sie auch wirklich regelmäßig tragen."

Zeitlose Schönheit?

Doch damit hatte er endgültig jeglichen Respekt bei mir verloren. Erst kleine Kinder anbrüllen, aber dann, wenn der Einnahmeneinbruch droht, einknicken. Was für ein jämmerlicher Opportunist! Eine Woche später brach ich die jahrelange Behandlung gegen den Willen meiner Eltern endgültig ab. Es war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

Mein Entschluss bewahrte mich davor, den Rest meines Lebens mit einem Gebiss herumzulaufen, das ein Großteil meiner Generation bei jedem Lächeln zur Schau trägt: nach innen gebogene Zahnreihen, die dermaßen künstlich aussehen. Schauen Sie sich mal die Zähne von Jörg Pilawa oder Oliver Geissen an, dann wissen Sie, was ich meine. In den achtziger Jahren waren Kieferorthopäden äußerst erfolgreich darin, unseren Eltern ein Schönheitsideal aufzuschwatzen, das so zeitlos schön ist wie Schulterpolster, Vokuhila-Frisuren und Moonwashed Jeans.

Und sie waren auch äußerst erfolgreich darin, unseren Eltern Angst zu machen. Ich hatte schiefe Zähne, keine Frage. Mein rechter Schneidezahn hatte sich vor meinen linken geschoben. Nach zwei Jahren Spange war das behoben. Aber mein Kieferorthopäde wollte meine Eltern offenbar noch weiter melken und schaffte es, meiner Mutter einzureden, dass meine Gebisssituation so desolat sei wie die deutsch-deutsche Teilung. Wenn ich jetzt vorschnell aufgäbe, würde ich spätestens mit Anfang 20 nicht mehr anständig kauen und wahrscheinlich auch nicht mehr reden können.

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Die Folge: Erst mussten meine Weisheitszähne raus, was ein blutiges und hässliches Erlebnis beim Zahnarzt war. Dann bekam ich auch noch diesen demütigenden Drahtbügel verpasst, der außen am Kiefer verlief. Damit sah ich so aus, als wäre ich gerade mit einem Kleiderbügel vermöbelt worden. Und es tat vor allem höllisch weh. Normaler Schlaf war kaum möglich. Eigentlich sollte ich das sogenannte Headgear 16 Stunden am Tag tragen. Da der Tag bekanntlich nur 24 hat, musste man sich entscheiden: Entweder wurde man in der Schule zum Aussätzigen, oder man verließ nachmittags nicht mehr das Haus - womit man schlicht seine Kindheit verpasste.

Hässliche Zähne zu haben, ist sicher nicht das Beste fürs Selbstbewusstsein. Aber fördert man es etwa, wenn man einen Teenager in dieser wichtigen Phase seiner Ich-Entwicklung so entstellt? Dabei kann man auch im Erwachsenenalter noch schiefe Zähne korrigieren. Aber die Krankenkasse zahlt ja leider nur bis zum 18. Lebensjahr, nicht wahr, liebe Kieferorthopäden?

insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
nord1icht 03.11.2013
1. Den Verdacht ...
... dass damals wie irre abgesahnt wurde habe ich allerdings auch gehabt. 80 % aller Kinder trugen eine Spange. Bei mir kam noch dazu: plötzlich hatte ich dauernd Karies. Ich vermute heute, dass der Zahnschmelz von dem Drähten meiner nur nachts zu tragenden Spange angegriffen wurde. Irgendwann habe ich aufgehört sie zu tragen und - oh Wunder - die Zähne haben sich auch so zurechtgeruckelt, der Kiefernorthopäde hat's nicht mal gemerkt. Ich hoffe, die Verhältnisse haben sich geändert.
toptip 03.11.2013
2. Beste Entscheidung im Leben?
Ok, Journalist zu werden war eine der schlechteren, gemessen an obigem pseudolustigen Schulaufsatz. Schönheit kommt von Innen! Zähne richten bitte erst mit 60, da schaut sowieso keiner mehr wie man aussieht. Da sind schon ein paar Dritte dabei. Entstellte Zähne festigen den Charakter, siehe David Bowie. Achja, und das deutsche Totschlargument: es könnte ja einer was dran verdienen! Ihre armen Kinder!
Lu_ke 03.11.2013
3.
Volle Zustimmung, ging mir ähnlich. Nur dass ich nicht den Mumm hatte alles hinzuschmeissen und mich jahrelang pflichtbewusst durchgequält habe. Resultat heute: schiefe Zähne - na vielen Dank auch...
divStar 03.11.2013
4. Das ist ärgerlich..
.. ich musste Gott sei Dank nie eine Zahnspange tragen - meine Schwester schon. Ich erinnere mich wie sie das erste Mal mit der Zahnspange nach Hause kam und weinte. Ich glaube sie hat eine ganze Zeit lang nie jemanden mehr gehasst als den Kieferorthopäden und die Zahnspange.
mikas263 03.11.2013
5.
Was ist das denn für ein einseitig beleuchteter Artikel, der von Recherche wohl noch nie etwas gehört hat. Scheint eher ein Beitrag eines traumatisierten Bloggers, der sein Erlebtes weder objektivieren, noch journalistisch verpacken kann.
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