Bundesrechnungshof Kieferorthopäden außer Kontrolle

Etwa jedes zweite Kind in Deutschland geht regelmäßig zum Kieferorthopäden. Wie sinnvoll die Therapien sind, ist oft fraglich. Der Bundesrechnungshof fordert eine umfassende Überprüfung.
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Rund die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland wird vom Kieferorthopäden behandelt. Was dort konkret geschehe, wüssten weder das Bundesgesundheitsministerium noch die Gesetzlichen Krankenkassen, kritisiert der Bundesrechnungshof in einer Veröffentlichung . Es fehlten bundesweite Daten etwa zu Art, Dauer und Erfolg der Behandlungen. Hinzu komme, dass es aktuell wenig Wissen darüber gebe, ob und wie sehr Patienten vor allem langfristig von den Eingriffen profitieren.

Die Missstände sind nicht neu. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information hatten die fehlende Transparenz in der Kieferorthopädie bereits vor Jahren kritisiert, schreibt der Bundesrechnungshof. Das Bundesgesundheitsministerium sei den Bedenken jedoch nicht nachgegangen.

Überschrieben ist das Papier des Bundesrechnungshofs mit einem Appell: "Nutzen kieferorthopädischer Behandlung muss endlich erforscht werden." Sind Behandlungen medizinisch notwendig, haben Patienten dem Gesetz zufolge Anspruch auf eine kieferorthopädische Behandlung. Dies gilt allerdings nur, wenn die Zahn- oder Kieferfehlstellung ein bestimmtes Ausmaß erreicht hat - also das Kauen, Beißen, Sprechen oder Atmen erheblich beeinträchtigen oder zu beeinträchtigen drohen. Ab wann dieser Fall eintritt, ist oft unklar.

Im Gegensatz dazu steht die Kostenentwicklung in dem Bereich: Die Gesetzlichen Krankenkassen investieren jährlich mehr als eine Milliarde Euro in Behandlungen beim Kieferorthopäden. Die Ausgaben pro Patient haben sich zwischen 2008 und 2016 etwa verdoppelt. Die meisten Behandelten sind Kinder und Jugendliche - oft zieht sich die Therapie über zwei bis vier Jahre hin. Hinzu kommen Kosten, die Patienten auf Basis von Selbstzahlerleistungen übernehmen.

Mit unsicheren Versprechen geködert

"Nach dem Willen des Gesetzgebers müssen Krankenkassen ihre Leistungen in ausreichendem, zweckmäßigem und wirtschaftlichem Maße erbringen", so der Bundesrechnungshof. "Ob Krankenkassen dies erfüllen, ist vor allem angesichts der fehlenden Versorgungsforschung fraglich."

Neben den Ausgaben der Krankenkassen sorgt sich die Behörde auch um Leistungen, die Patienten selbst bezahlen müssen. "Auch hier ist ungewiss, um welche Leistungen es sich im Einzelnen handelt und welche Erfolge damit erzielt werden." In Hinweisen an die Patienten stellten Ärzte die Versorgung durch die Krankenkassen oft als nicht mehr zeitgemäß dar. "Angebotene Selbstzahlerleistungen bewerben sie zum Beispiel damit, dass die Therapie schonender und schmerzärmer sei", schreibt der Bundesrechnungshof. Aber lassen sich die Versprechen auch wissenschaftlich belegen? Das wiederum zweifeln die Krankenkassen an.

Um dem Missstand zu begegnen, empfiehlt der Bundesrechnungshof konkrete Handlungen:

  • Die kieferorthopädische Versorgungslage, Behandlungsnotwendigkeiten und - ziele sowie Qualitätsindikatoren und -kontrollen sollten erfasst und objektiv ausgewertet werden.
  • Bei den Analysen sollten auch Selbstzahlerleistungen berücksichtigt werden.
  • Die Leistungen, für die Gesetzliche Krankenkassen aufkommen, sollten sich an den Forschungsergebnissen orientieren.
  • Sollten Selbstzahlerleistungen besser sein als derzeitige Kassenleistungen, sollte geprüft werden, ob diese in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden.

"Kaum ein Mensch hat von Natur aus das ideale Gebiss"

Die Kritik ist auch innerhalb der Zahnärzteschaft nicht neu. 2015 etwa hatte ein Forscher der Uni Greifswald in einem Fachaufsatz thematisiert, dass der Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen oft fraglich sei.

Dafür hatte er das Wissen internationaler Forschungsergebnisse zusammengetragen - mit einem klaren Ergebnis: Obwohl die Spezialisten ihre Tätigkeit meist damit begründen, dass bestimmte Abweichungen von Zahn- oder Kieferstellungen die Mundgesundheit und die Funktionsfähigkeit des Gebisses gefährden, lasse sich das wissenschaftlich nicht nachweisen.

Die Schlussfolgerung: Die bloße Existenz von Kiefer- oder Zahnfehlstellungen sei keine legitime Begründung für eine kieferorthopädische Therapie, "da deren Konsequenzen für die orale Gesundheit unklarer beziehungsweise eher spekulativer Natur sind". Die Studie führte innerhalb der Kieferorthopädie zu erheblicher Kritik (mehr dazu lesen Sie hier).

Andere hingegen unterstützen den Forscher. Da kaum ein Mensch von Natur aus das in der Kieferorthopädie angestrebte ideale Gebiss habe, könne ein solches Ideal nicht als Grundlage für eine Therapieentscheidung gelten, erklärte damals Jens Türp, Sprecher des Fachbereichs Zahnmedizin im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin.

irb
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