Kiffen Je stärker das Cannabis in einer Stadt, desto häufiger sind Psychosen

Cannabis enthält heute deutlich mehr THC als früher. Das könnte sich auf die psychische Gesundheit der Konsumenten auswirken, vermuten Forscher. In Städten wie Amsterdam stellen sie besonders viele Psychosen fest.

Jugendliche beim Rauchen
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Kanada, mehrere US-Bundesstaaten, Südafrika und Uruguay: Immer mehr Länder verabschieden sich von der Cannabis-Prohibition. Kritiker warnen, durch die Legalisierung stiegen die Gesundheitsrisiken. In diese Richtung weist auch eine aktuelle Studie: Je stärker das in einer Stadt kursierende Cannabis ist, desto häufiger werden dort Psychosen diagnostiziert, berichten Forscher im Fachblatt "Lancet Psychiatry".

Für die Studie hatten die Forscher Daten aus elf europäischen Ländern ausgewertet. Am deutlichsten zeige sich der Effekt in London und Amsterdam, wo Cannabis mit hohem Gehalt an psychoaktivem Tetrahydrocannabinol (THC) weit verbreitet ist.

Setze man voraus, dass Cannabis-Konsum tatsächlich für Psychosen verantwortlich ist, lassen sich in Amsterdam geschätzt die Hälfte aller neu diagnostizierten Psychosen auf den täglichen Konsum von starkem Cannabis zurückführen, in London etwa ein Drittel. Als stark bezeichneten die Forscher Cannabis mit einem Gehalt von mehr als zehn Prozent THC.

Den eindeutigen Nachweis, dass Cannabis Psychosen begünstigt, kann die Studie allerdings nicht liefern. Die Forscher haben lediglich einen statistischen Zusammenhang beobachtet, aber keine Ursache-Wirkung-Beziehung, sagt Suzanne Gage von der University of Liverpool, die nicht an der Studie beteiligt war. Zwar gibt es eine Korrelation zwischen dem Cannabis-Konsum in einer Stadt und einer höheren Zahl von Psychosen - ob diese aber tatsächlich auf die Verwendung der Droge oder aber andere, noch unbekannte Faktoren zurückzuführen ist, bleibt letztlich unklar.

"Legalisierung hat verheerende Folgen"

Dennoch gebe die Studie Anlass, die Aufklärung über das Psychoserisiko zu intensivieren, sagt Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg. "Die Studie ist ein weiterer Beleg dafür, dass eine Legalisierung von Cannabis in gesundheitspolitischer Hinsicht verheerende Folgen hat."

In die Erhebung einbezogen wurden neben London und Amsterdam auch Cambridge (Großbritannien), Gouda und Voorhout (Niederlande), Paris und Puy de Dôme (Frankreich), Madrid und Barcelona (Spanien) sowie Bologna und Palermo (Italien). Deutsche Städte waren nicht dabei.

Die Ergebnisse der Untersuchung seien aber auf Deutschland übertragbar, sagt der Hamburger Experte Thomasius, der selbst nicht an der Analyse beteiligt war. Laut Drogen- und Suchtbericht 2018 liege der THC-Gehalt hierzulande im Mittel für Haschisch bei fast 15 Prozent und für Blütenstände der Hanfpflanze bei gut 13 Prozent. Laut Schätzungen haben knapp neun Prozent der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland mindestens ein Mal im Leben Cannabis konsumiert.

Für die aktuelle Analyse schätzten die Forscher um Marta Di Forti vom King's College London die Häufigkeit von Psychosen in den jeweiligen Städten. Die Daten stammen von den regionalen Gesundheitsbehörden. Ausgewertet wurden alle Psychosen, die zwischen 2010 und 2015 erstmals bei Patienten diagnostiziert wurden. Die Daten verglichen die Forscher mit einer repräsentativen Kontrollgruppe aus der jeweiligen Stadt. Erfasst wurden dabei unter anderem Angaben zum Konsum von Cannabis und anderen Drogen.

Fast 30 Prozent der Menschen mit diagnostizierter Psychose gaben an, täglich Cannabis konsumiert zu haben, in der Kontrollgruppe waren es knapp sieben Prozent. Von den Konsumenten mit Psychose gaben weitaus mehr (37 Prozent) Nutzer an, starkes Cannabis zu verwenden, als in der Kontrollgruppe (19 Prozent).

THC-Gehalt bis zu 67 Prozent

Im Mittel der elf europäischen Städte ergab sich ein geschätzt dreimal so hohes Risiko für eine Psychose bei Menschen mit täglichem Cannabis-Konsum, bei Verwendung von Produkten mit hohem THC-Gehalt sogar ein bis zu fünf Mal höheres verglichen mit Menschen, die nie Cannabis konsumierten. Einer von fünf Psychosefällen sei im Mittel auf täglichen Cannabis-Konsum zurückzuführen, schätzen die Forscher.

Anders als früher enthalten heutige Züchtungen oft deutlich höhere Mengen des berauschenden Wirkstoffs THC. Eine Ende Dezember veröffentlichte Studie zu Daten aus der EU, Norwegen und der Türkei kam zu dem Schluss, dass sich der durchschnittliche THC-Gehalt bei Marihuana und Haschisch von 2006 bis 2016 ungefähr verdoppelt hat. Konsumenten rauchen aber häufig eine ähnliche Menge Cannabis wie zuvor - und nehmen somit weitaus mehr THC auf als ein Nutzer einst.

Der THC-Gehalt liegt laut der Studie in niederländischen Sorten wie Nederwiet bei bis zu 22 Prozent, bei Nederhasj sogar bei bis zu 67 Prozent. In London dominiert demnach Cannabis mit einem mittleren THC-Gehalt von 14 Prozent. In Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien hingegen würden vor allem Cannabis-Sorten mit einem THC-Gehalt von weniger als 10 Prozent konsumiert.

Gäbe es kein Cannabis mit hohem THC-Gehalt mehr, würden der Hochrechnung zufolge die Psychoseraten in Amsterdam von fast 38 auf knapp 19 Fälle je 100.000 Einwohner jährlich fallen, in London von fast 46 auf knapp 32 Fälle.

Angst und Depressionen?

Die aktuelle Studie hat jedoch auch Schwächen. Die Information, ob und wie viel Cannabis die Probanden konsumierten, ist nur durch deren eigene Angaben bekannt. Urin-, Blut- oder Haaranalysen gab es nicht. Zudem berücksichtigten die Forscher nur den THC-Gehalt, nicht den Gehalt an Cannabidiol (CBD). CBD gilt als kaum psychoaktiv.

Dass einige Menschen infolge von täglichem Cannabis-Konsum mit hohem THC-Gehalt ein höheres Risiko für Psychosen entwickeln, hätten Analysen allerdings schon mehrfach gezeigt, führt Gage weiter aus. Vor dem Hintergrund, dass der Konsum derzeit zunehmend legalisiert oder zumindest toleriert werde und die Zahl von Konsumenten daher wahrscheinlich steige, sei es wichtig zu klären, welche Menschen ein höheres Risiko haben.

Experten warnen schon seit Längerem davor, die Risiken des Cannabis-Konsums zu unterschätzen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 haben Menschen, die regelmäßig THC-reiches Cannabis konsumieren, ein erhöhtes Risiko für Psychosen. Bei THC-armem Cannabis konnte der Effekt nicht beobachtet werden, selbst bei täglichem Konsum.

Zudem sind Psychosen nicht die einzigen möglichen Folgen des Cannabiskonsums. "Die vorliegende Studie konzentriert sich auf die Inzidenz von Psychosen", sagt Ursula Havemann-Reinecke von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. Interessant wären auch Daten zu anderen psychischen Problemen wie Angst und depressiven Störungen. Die Analyse zeige wie viele andere Studien jedenfalls deutlich, dass Cannabis keine harmlose Substanz ist. "Cannabis sollte nicht so einfach legalisiert und von der Wirtschaft reguliert werden."

Zusammengefasst: Laut einer aktuellen Studie gibt es in Städten, in denen Cannabis mit hohem THC-Gehalt kursiert, mehr Psychosen. Ob diese tatsächlich auf die Verwendung der Droge oder auf andere Faktoren zurückzuführen ist, bleibt aber unklar. Auch vorherige Beobachtungsstudien hatten gezeigt, dass es einen statistischen Zusammenhang zwischen THC-reichem Cannabis und Psychosen gibt.

Im Video: Marihuana als Medizin - Cannabis-Kekse zum Frühstück

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koe/dpa

insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
wittchen2000 20.03.2019
1. Genau
Ich kenne selbst genug Leute die meiner Ansicht nach ihr Leben mit Cannabis zerstört haben und sich über die Jahre in Richtung Paranoia, Inkohärenz, "Vielschwätzertum" entwickelt haben. Diese Verharmlosung von THC muss endlich aufhören! Sicher ist es gut wenn es nicht mehr kriminalisiert ist, aber die Menschen müssen aufgeklärt werden und es muss eine ärztlich bestätigte Indikation vorliegen. Cannabis mag zwar körperlich nicht so schädlich sein wie Alkohol, seelisch ist es aber wesentlich gefährlicher für die Konsumenten!
botschinski 20.03.2019
2. Eben gerade nicht.
Zitat: "Die Analyse zeige wie viele andere Studien jedenfalls deutlich, dass Cannabis keine harmlose Substanz ist. "Cannabis sollte nicht so einfach legalisiert und von der Wirtschaft reguliert werden.""...gerade DAS spricht doch für eine Legalisierung, damit der Konsument wissen kann was er konsumiert, sprich den THC/CBD-Gehalt im vornherein kennt und dann mündig selber entscheidet.
Dr. Cooper 20.03.2019
3. Das spricht doch gerade FÜR eine Legalisierung?
Wenn das Kraut dann in spezialisierten Geschäften mit klar ausgezeichneten "Stärke"graden angeboten wird, kann doch jeder selbst entscheiden, was er gerne hätte, anstatt vom (illegalen) Dealer irgendwas in unbekannter Qualität bzw. Stärke zu kaufen. Alkoholanalogie: Schwarzgebranntes aus dubioser Quelle vs. eindeutig gekennzeichnete Supermarktware - da würde man doch, selbst wenn man insgesamt kein Fan von Rauschmitteln ist, zweiteres bevorzugen, oder?
stefanmargraf 20.03.2019
4. Tja, so ist es.
Leider ist die Korrelation nicht so schnurgerade wie dargestellt. Personen reagieren unterschiedlich sensibel auf THC, denn Menschen sind nicht gleich. Auch niedrige Dosen an THC sind psychogen. Ebenso natürlich spielt die Frequenz der Aufnahme und die Zeit der Abhängigkeit eine wesentliche Rolle.
hasselblad 20.03.2019
5.
THC ist ein psychoaktiver Wirkstoff. Damit kann es bei Menschen mit entsprechender Veranlagung psychische Störungen triggern oder verstärken. Alkohol ist ebenfalls ein psychoaktiver Wirkstoff. Ein Vergleich zwischen den psychischen Auswirkungen der legalen Droge Alkohol und der illegalen Droge Cannabis wäre spannend, Annahme muss aber erstmal sein, dass auch täglicher Alkoholkonsum bei Menschen mit instabiler Psyche zu höherer Störanfälligkeit führt. Auf Cannabis lässt sich immerhin kein direkter Todesfall zurückführen. Die Ergebnisse der Studie als Argument gegen die Legalisierung zu nutzen ist daher zu billig, solange die "Gesellschaftsdrogen" Alkohol und Tabak legal bleiben, gibt es schlicht kein gesundheitliches Argument gegen den legalen, kontrollierten, besteuerten Verkauf von Cannabisprodukten an Erwachsene.
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