Kinderlähmung Wie Impfviren die Polio-Ausrottung erschweren

Nach den Pocken könnte erneut ein Krankheitserreger von der Welt verbannt werden: das Polio-Virus. Ausgerechnet Impfviren erschweren jedoch das letzte Stück des Weges - wie aktuelle Fälle in der Ukraine zeigen.
Polio-Impfung (Archivaufnahme aus dem Irak): Risiko durch Impfviren

Polio-Impfung (Archivaufnahme aus dem Irak): Risiko durch Impfviren

Foto: AP/dpa

Eigentlich hätten sie sich vor Polio nicht mehr fürchten müssen, das vierjährige Kind und das zehnmonatige Baby. In der Ukraine, ihrem Heimatland, war 1996 zuletzt ein Mensch an Kinderlähmung erkrankt, seitdem galt die Gefahr durch das Virus gebannt. Bis die beiden plötzlich Symptome entwickelten, das eine Kind Ende Juni dieses Jahres, das andere Anfang Juli.

Ursache ihrer Infektion war kein wilder, eingeschleppter Polio-Erreger. Es waren Viren, die ursprünglich ein anderes Kind mit einer Schluckimpfung eingenommen hatte und die vor der Krankheit schützen sollten. Auch wenn es paradox klingt: Impfviren können in seltenen Fällen selbst zu Ausbrüchen führen und die Ausrottung des Virus erschweren, das sie selbst fast von der Welt verdrängt haben.

Problematisch sind in diesem Zusammenhang nur die heute in Deutschland nicht mehr genutzten Schluckimpfungen. Ihre abgeschwächten, aber vermehrungsfähigen Polio-Viren infizieren - normalerweise nur für eine kurze Zeit - die Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts, ohne dass es zu Krankheitssymptomen kommt. Dies hat den Vorteil, dass die Schleimhäute anschließend gegen den Erreger gewappnet sind. Es führt aber auch dazu, dass die Menschen die Impfviren über ihren Stuhl ausscheiden, bis ihr Körper sie besiegt hat.

Zirkulierende Impfviren

"Das war ursprünglich durchaus gewollt", sagt Sabine Diedrich, die das deutsche Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren am Robert Koch-Institut leitet. Es ermöglichte, mehr Menschen mit den Viren zu erreichen und ihr Immunsystem zu mobilisieren. Problematisch wird das, wenn viele Menschen in der Umgebung des Geimpften nicht geschützt sind. In der Ukraine beispielsweise ist nur jedes zweite Kind komplett gegen Polio geimpft. Das ermöglicht es den Impfviren, zuerst unbemerkt von Person zu Person zu springen.

"Je länger sich die Viren vermehren, desto mehr Fehler sammeln sich in ihrem Erbgut an", sagt Diedrich. Nach und nach nähert sich das Impfvirus bis zu einem gewissen Grad seinen wilden Verwandten an, es wird gefährlicher. Wer dann nicht geimpft ist und sich infiziert, so wie es bei den beiden Kindern in der Ukraine der Fall war, dem drohen Lähmungen. Krank macht allerdings selbst das gefährliche Wildvirus nur etwa einen von 200 Infizierten.

Polio-Impfung in Deutschland

In Deutschland erkrankte 1990 zuletzt ein Mensch an Kinderlähmung, der sich hierzulande infiziert hatte. Da es jedoch danach durch die Viren in der Schluckimpfung jährlich zu ein bis zwei Erkrankungsfällen kam, wurde die Methode 1998 in Deutschland komplett durch einen Impfstoff mit inaktiven Viren ersetzt, der gespritzt werden muss und kein Infektionsrisiko birgt.

Heute sind knapp 95 Prozent der deutschen Kinder geimpft, wenn sie in die Schule kommen. Selbst wenn das Virus noch einmal eingeschleppt werden sollte, ist das Risiko für eine Ausbreitung demnach äußerst gering. Für einen vollständigen Impfschutz sind insgesamt fünf Dosen im Säuglings- und Jugendalter notwendig.

Der Ausbruch in der Ukraine ist kein Einzelfall, auch wenn die Erkrankungen im Verhältnis zur Anzahl der Impfungen   extrem selten sind. Während der vergangenen zehn Jahre haben Kinder mehr als zehn Milliarden Dosen des Impfstoffs geschluckt, Schätzungen der WHO zufolge wurden so mehr als zehn Millionen Polio-Fälle verhindert. In derselben Zeit gab es 24 Ausbrüche durch zirkulierende, mutierte Impfviren in 21 Ländern, mehr als 750 Menschen entwickelten dadurch Lähmungen.

Brite 28 Jahre mit Polio infiziert

Hinzu kommt eine zweite Möglichkeit für Impfviren, sich über längere Zeit zu vermehren und zu verändern, wie die Geschichte eines Briten zeigt. Er erhielt als Kind die damals üblichen Schluckimpfungen. Was Eltern und Ärzte zu dem Zeitpunkt nicht wussten: Aufgrund eines Immundefekts konnte sein Körper das Impfvirus nicht wie vorgesehen bekämpfen.

Stattdessen blieb der Erreger in seinem Körper, er zirkuliert dort seit mittlerweile 28 Jahren, wie Forscher in einer Studie in der Fachzeitschrift "Plos One"  berichten. Und er scheidet die Viren Tag für Tag aus. Aktuell ist noch kein Fall bekannt, bei dem ein Dauerausscheider wie er zu einem Krankheitsausbruch geführt hat. Die Erfahrungen in der Ukraine und anderen Gebieten zeigen jedoch, dass das in einer nicht geimpften Gesellschaft grundsätzlich denkbar ist.

Auch solche Dauerinfektionen sind extrem selten, obwohl es wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer gibt. Zwischen 1962 und 2014 wurden weltweit nur 73 Fälle von Dauerausscheidern bekannt. "Da die Infektion oft ohne Folgen bleibt, ist das wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs", sagt Diedrich. Dafür sprechen Funde veränderter Impfviren im Abwasser mehrerer Länder, darunter Finnland, Estland und Israel. Je weniger Menschen sich mit den wilden Viren infizieren, desto stärker wiegt die Gefahr durch die Impfviren.

Polio-Virus: Die Ausrottung ist nahe

Tatsächlich steht die Welt kurz davor, das Polio-Virus auszurotten. Aktuell erkranken nur noch Menschen in Afghanistan und Pakistan an dem wilden Virus. 1988, vor Beginn der großen Impfkampagnen, mussten sich noch Menschen in 125 Ländern der Welt vor der Kinderlähmung fürchten. Um auch das letzte Stück zu gehen, gibt es nur eine Möglichkeit: weiterimpfen, aber richtig.

Ziel ist es, die Schluckimpfung auf Dauer zu verbannen. Neben ihr existiert ein Impfstoff mit inaktiven Viren, der unter anderem in Deutschland schon ausschließlich zum Einsatz kommt. Er ist vergleichsweise teurer, schützt die Schleimhäute nicht so gut und fordert medizinisches Personal, da er gespritzt werden muss. Durch die inaktiven Krankheitserreger birgt er aber kein Risiko für Infektionen durch Impfviren.

Bis Anfang nächsten Jahres soll jedes Land weltweit mindestens bei einer der fünf Polio-Impfdosen den Totimpfstoff einsetzen, "am besten als Erstes", sagt Diedrich. Auch soll einer von drei Polio-Virustypen ab nächstem Jahr aus der Schluckimpfung verschwinden. Sein wilder Verwandter wurde 1999 das letzte Mal nachgewiesen, seine abgeschwächte Form im Schluckimpfstoff führte insbesondere in Nigeria und Madagaskar immer wieder zu Problemen.

Es sind die letzten Schritte hin zum großen Ziel. Die WHO hofft, schon im Jahr 2018 eine Welt ohne Polio-Viren feiern zu können. Es wäre nach den Pocken und der Rinderpest das dritte Mal, dass es der Menschheit gelingt, einen Krankheitserreger durch Impfungen von der Erde zu verbannen. Damit das erfolgreich ist, muss jedoch auch danach erst einmal weiter geimpft werden.

Zusammengefasst: In seltenen Fällen können Menschen, die die Polio-Schluckimpfung erhalten haben, über Jahrzehnte Impfviren ausscheiden. Auch nach Ausrottung der wilden Polio-Viren wird man deshalb einige Zeit weiter mit dem Totimpfstoff impfen müssen, der vor den Impfviren schützt und diese Komplikation nicht auslösen kann.

Zur Autorin
Foto: Jeannette Corbeau

Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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