Gesundheitsrisiken und Klimakrise in Deutschland "Je wärmer es wird, desto mehr Tote wird es geben"

Mediziner warnen vor den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels für Deutschland: Mit den Temperaturen steigen auch die Risiken für Herzinfarkte, Wundinfektionen und Überhitzung.
Rekordhitze in Deutschland: Medizinisches Personal versorgt in einem Krankenhaus einen Patienten (Archivfoto)

Rekordhitze in Deutschland: Medizinisches Personal versorgt in einem Krankenhaus einen Patienten (Archivfoto)

Foto: Sven Hoppe/ picture alliance/ dpa

"Je wärmer es wird, desto mehr Tote wird es geben", prognostizieren Mediziner in der aktuellen Ausgabe des "Deutschen Ärzteblatts", die am Montag erscheint und dem SPIEGEL vorab vorliegt. Die Forscher haben in mehreren Studien untersucht, wie sich steigende Temperaturen auf die Gesundheit der Menschen in Deutschland auswirken könnten.

Demnach drohen mehr Todesfälle durch Herzinfarkte, Wundinfektionen und Überhitzung. Es ist die erste Analyse dieser Art des "Deutschen Ärzteblatts" - einer der auflagenstärksten Medizinzeitschriften, die von der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung herausgegeben wird.

"Am schlimmsten wird es vermutlich Menschen in Ländern des globalen Südens mit niedrigem und mittlerem Einkommen treffen", schreibt Dennis Nowak, Professor am Klinikum der Universität München. "Allerdings werden wir eine Erderwärmung auch in unseren Breiten spüren und sie wird auch unsere Patienten betreffen."

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Herzinfarkt: Statistiken zeigen, dass Menschen häufiger einen Herzinfarkt erleiden, wenn es zuvor große Temperaturschwankungen gab. Ärzte der kooperativen Gesundheitsforschung am Helmholtz Zentrum München (Kora) haben nun untersucht, wie sich das Herzinfarktrisiko verändern könnte,

  • wenn die durchschnittliche Temperatur im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bis 2100 um 1,5 Grad Celsius steigt, wie im Pariser Klimaabkommen vereinbart,

  • oder, was derzeit realistischer erscheint, um drei Grad Celsius.

Das Ergebnis: Bleibt es bei den 1,5 Grad Celsius, wird die Zahl der Herzinfarkte vermutlich stagnieren, weil hitzebedingte Herzinfarkte zwar zunehmen, aber kältebedingte abnehmen würden. Steigt die Durchschnittstemperatur dagegen um drei Grad Celsius, wird die Zahl der Infarkte bundesweit um mindestens tausend Fälle pro Jahr steigen, kalkulieren die Forscher.

Weil nur Daten von Patienten unter 75 Jahren für die Analyse genutzt wurden, dürfte die tatsächliche Zahl jedoch deutlich darüber liegen. Zum Vergleich: 2017 starben in Deutschland knapp 50.000 Menschen an einem Herzinfarkt.

Wundinfektionen: Viele Krankheitserreger gedeihen bei Wärme deutlich besser als bei Kälte. Steigen die Temperaturen, könnten sich deshalb auch Operationswunden häufiger entzünden, vermuteten Forscher der Charité, des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung und des Nationalen Referenzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektionen.

Und tatsächlich: Ihre Analyse von mehr als zwei Millionen Operationen aus den Jahren 2000 bis 2016 bestätigte, dass sich Wunden nach Operationen etwas häufiger entzünden, wenn die mittlere Temperatur in dem Monat bei 20 Grad Celsius oder höher liegt. Die Forscher schlagen deshalb vor, planbare Operationen in kühlere Monate zu verschieben.

Überhitzung: Im vergangenen Sommer starben allein in Berlin etwa 500 Menschen an den Folgen der Hitze, schätzt das Robert Koch-Institut, vor allem Menschen mit Übergewicht, Ältere und Kinder sind gefährdet.

Normalerweise kann der Körper die Temperatur durch Schwitzen regulieren. Gelingt dies nicht mehr, kann die Körpertemperatur in wenigen Minuten auf bis zu 41 Grad Celsius steigen, ein lebensgefährlicher Zustand. Medikamente helfen in solchen Fällen nicht, betonen die Mediziner im aktuellen "Deutschen Ärzteblatt". Die einzige Möglichkeit ist, den Körper innerhalb von 30 Minuten wieder auf unter 40 Grad Celsius runterzukühlen.

Dafür empfehlen die Ärzte, den ganzen Körper des Patienten schnellstmöglich in Eiswasser zu tauchen. Falls kein Eiswasser vorhanden ist, eignen sich auch kühles Wasser und Kältepackungen für den Rumpf, allerdings können diese den Körper nicht so schnell kühlen. Dass der Patient durch das Abkühlen Herzprobleme bekommt, müssen Helfer laut den Ärzten nicht fürchten. Bisher sei kein solcher Fall dokumentiert. Außerdem seien häufig junge Menschen von einem Hitzeschlag betroffen.

Auch andere Forscher fürchten, dass der Klimawandel zu deutlich mehr Hitzetoten führen wird. Laut einer aktuellen Studie mit Klimadaten aus Frankreich hat sich das Risiko für Hitzewellen im Juni verfünffacht. Eine andere Analyse ergab, dass es in Berlin in 30 Jahren so heiß sein könnte wie in Australien.

Hitzeschutzplan

Die gesundheitlichen Risiken für Deutschland lassen sich laut dem Münchner Mediziner Nowak am ehesten mit sinnvollen Klimaschutzmaßnahmen senken. "Zugleich müssen wir realistisch sein und eine Sekundärprävention planen." Er fordert, Ärzte und Pfleger speziell auf gesundheitliche Risiken durch die Hitze zu schulen und einen Hitzeschutzplan einzurichten, wie er bereits in Österreich existiert. Dazu gehören beispielsweise automatische Hitzewarnungen und ein Hitzetelefon, das über gesundheitliche Risiken informiert.

Dabei wirken die gesundheitlichen Auswirkungen für Deutschland im internationalen Vergleich noch wenig bedrohlich. Schon jetzt gebe es Todesfälle aufgrund des Klimawandels, warnen australische Forscher in einer aktuellen Analyse von 120 Studien . "Ohne Zweifel sterben Menschen an klimabedingten Todesursachen, vor allem aufgrund von Hitzestress", sagte eine der Studienautoren Misha Coleman dem "Guardian" .

Durch die steigenden Temperaturen könnten sich von Mücken übertragene Krankheiten wie Malaria, Dengue oder Zika weiter ausbreiten, auch in Gegenden, in denen sie bisher nicht vorkommen. Die Forscher rechnen zudem mit Missernten und daraus resultierender Mangelernährung. "Wie wird die Zukunft unserer Kinder sein?", fragt Forscherin Coleman.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Zusammengefasst: Ärzte haben für die aktuelle Ausgabe des "Deutschen Ärzteblatts" mögliche gesundheitliche Risiken für Deutschland durch den Klimawandel untersucht. Es ist die erste Analyse dieser Art. Steigende Temperaturen könnten demnach zu mehr Herzinfarkten, Wundinfektionen und Hitzetoten führen. Um die Risiken zu verringern, fordern die Mediziner sinnvolle Klimaschutzmaßnahmen, Schulungen für Mediziner und einen bundesweiten Hitzeschutzplan.

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