Innovativer Test Wird der Knochen heilen - oder nicht?

Bisher konnten Ärzte kaum vorhersagen, ob ein Knochenbruch gut verheilt. Ein von deutschen Forschern entwickelter Test soll das ändern und durch frühere Gegenmaßnahmen Betroffenen viel Leid ersparen.
In Gips packen und abwarten: Nicht jeder Bruch verheilt richtig

In Gips packen und abwarten: Nicht jeder Bruch verheilt richtig

Foto: THOMAS PETER/ REUTERS

Nach einem Knochenbruch hofft jeder auf schnelle Besserung. Doch bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen dauert die Heilung viel zu lange, oder die Fraktur wächst gar nicht mehr richtig zusammen, sodass sich eine sogenannte Pseudarthrose entwickelt: Der Knochen wächst nicht richtig zusammen, sondern bildet ein schmerzhaftes Falschgelenk.

Warum regenerieren sich Knochen unterschiedlich gut?

"Wir konnten zeigen, dass spezielle Immunzellen eine wichtige Rolle bei der Knochenheilung spielen", sagt Simon Reinke vom Berlin-Brandenburg Center for Regenerative Therapies (BCRT) und dem Julius Wolff Institut der Charité. Basierend auf diesen Erkenntnissen haben die Forscher einen Schnelltest entwickelt. Dieser soll - schon bei der Erstversorgung schwerer Brüche - mögliche Probleme bei der Heilung identifizieren. Auf diese Weise sollen Ärzte die Behandlung entsprechend anpassen können.

Von Mitte des Jahres an soll der Test in einer Studie mit mehr als 800 Patienten an mehreren deutschen Kliniken erprobt werden. Ergebnisse erwarten die Wissenschaftler bis 2018.

Bisher warten Ärzte nach der OP eines komplizierten Bruchs sechs bis zwölf Monate, ob der Knochen wieder vollständig zusammenwächst. Erst wenn das nicht geschieht, versucht man die Regeneration in einer zweiten Operation gezielt zu beschleunigen: Dazu werden zum Beispiel spezielle Implantate eingesetzt, die mit Knochenwachstumsfaktoren kombiniert werden können.

Diese vorsichtige Herangehensweise ist sinnvoll, denn die erneute Behandlung, die im Rahmen von Einzelfallanträgen von den Krankenkassen übernommen wird, birgt Risiken: Neben der heilenden Fraktur können zum Beispiel unerwünschte Knochenbildungen im umliegenden Muskel wachsen.

Für die Patienten mit einer gestörten Heilung sei die lange Wartephase samt Folgeoperationen und umfangreichen Reha-Maßnahmen eine große Belastung, sagt Reinke.

Entlarvt der Test mögliche Heilungsstörungen schon bei der Aufnahme in der Rettungsstelle, bliebe den Betroffenen ein langer Leidensweg erspart, sagt Georg Duda, Direktor des Julius Wolff Instituts. Ganz abgesehen von den Zusatzkosten von bis zu 30.000 Euro pro Patient. Eine große Krankenkasse sei an dem Test bereits sehr interessiert.

Die Rolle des Immunsystems

Entdeckt wurde das Verfahren eher zufällig, als die Forscher Immunwerte von Patienten mit Unterschenkelbrüchen untersuchten. Dabei hatten die Berliner herausgefunden, "dass die Heilungschancen eines Patienten sehr gut mit der Zahl bestimmter Immunzellen korreliert, den sogenannten CD8+Temra-Zellen", sagt Reinke. Experimente mit Mäusen bestätigten die Beobachtung: Ist die Anzahl dieser Zellen gering, heilen Brüche schneller und besser.

Die Zellen zählen zu den CD8-Lymphozyten, die als Teil des Immunsystems akute Infektionen bekämpfen. Sie sorgen dafür, dass sich die Körperabwehr auch Jahre später an diese Erreger erinnert, um eine erneute Infektion effektiver zu stoppen. Spezielle CD8-Zellen spielen zudem bei der Abstoßung transplantierter Organe eine Rolle. "Wir glauben, dass die Temra-Zellen den Knochenbruch fälschlicherweise als eine Art Infektion interpretieren", sagt Sven Geißler, Co-autor einer im Fachjournal "Science Translational Medicine"  veröffentlichten Studie.

Mittlerweile konnten die Berliner die Aussagekraft des Markers an knapp 90 Patienten überprüfen. Obwohl unabhängig von der Zell-Konzentration andere Risikofaktoren wie Implantatversagen oder Durchblutungsstörungen die Knochenheilung beeinträchtigen können, lasse sich das Heilungsergebnis durch den neu entwickelten Test mit einer etwa 75-prozentigen Trefferquote vorhersagen, sagen die Forscher.

"Ich finde den Ansatz sehr vielversprechend und praxisnah", sagt Augustinus Bader, Stammzellforscher, Pharmakologe und Toxikologe sowie experimenteller Chirurg an der Universität Leipzig. "Diagnostik ist der Schlüssel zu einer intelligenten Therapie."

Bader hat eine Methode entwickelt, bei der körpereigene Stammzellen direkt im Bruchspalt eine Regeneration auslösen und damit die Wundheilung anregen können. "Interessant wäre, die beiden Verfahren zu kombinieren."

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