Kostenerstattung von umstrittenen Therapien Zu Risiken und Nebenwirkungen Ihres Gesundheitsministers...

In Zukunft will das Gesundheitsministerium bestimmen, ob Krankenkassen eine Therapie bezahlen müssen, anstatt wie bisher Vertreter von Ärzten und Kliniken. Jens Spahns Vorhaben könnte für Patienten gefährlich werden.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

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Das deutsche Gesundheitssystem mag seine Fehler haben, eine Errungenschaft aber ist nicht hoch genug zu schätzen: Ob die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine Therapie erstatten müssen, hängt vom Wissensstand der medizinischen Forschung ab. Behandlungen müssen dann bezahlt werden, wenn sie erwiesenermaßen gut, wirksam und sicher sind. Die Entscheidung darüber trifft der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), in dem Vertreter von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen hochwertige wissenschaftliche Studien auswerten.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will diese Entscheidungen fortan lieber in seinem Ministerium treffen - ohne Rücksicht auf die Einschätzung des G-BA. Das sieht zumindest sein Änderungsantrag 28 für das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSGV) vor, den er in der vergangenen Woche vorgelegt hat. Dass das Ministerium in einer E-Mail an den SPIEGEL mit dem Zusatz "in absoluten Ausnahmefällen" einschränkt, ändert nichts, solange das so nicht im Änderungsvorschlag selbst steht.

Erstattungsentscheidung im Alleingang

Jens Spahn hat das geschickt eingefädelt: In den Vordergrund seines Vorstoßes stellte der Minister Frauen, die unter einem sogenannten Lipödem leiden. Das ist eine oft schmerzhafte Fettverteilungsstörung, die ursächlich nicht behandelt werden kann. Zu recht wünschen sich die Betroffenen zeitnah bessere Therapien.

Vermutlich könnte ihnen eine Fettabsaugung helfen, erwiesen ist das bislang allerdings nicht. Denn für eine ausreichende Bewertung dieser Therapie fehlen gute Studien, deswegen hat der G-BA sie auch noch nicht zur Kassenleistung gemacht. Spahn wolle den Betroffenen nun "schnell und unbürokratisch helfen", heißt es aus seiner Abteilung.

In Wirklichkeit ruckelt Spahn damit an den Grundfesten unseres Gesundheitssystems. "Der Weg in die Beliebigkeit und Staatsmedizin" wäre vorprogrammiert, sagt G-BA-Chef Josef Hecken, und er hat recht. Denn nur weil ein Minister oder seine Abteilung eine Therapie für sinnvoll halten, muss sie es noch lange nicht sein. Zugespitzt gefragt: Wenn Spahn demnächst Reiki, Schüßler Salze oder Aromatherapie prima findet, müssen die Kassen dann dafür zahlen?

Um beim Beispiel der Fettabsaugung zu bleiben: Der Eingriff bringt Risiken mit sich, die nur dann in Kauf genommen werden dürfen, wenn die Chancen für eine Verbesserung der Beschwerden überwiegen. Aber wer weiß das denn, wenn keiner die Studienlage prüft? Reichen dann die Berichte erfahrener Mediziner? Oder die Anekdoten von der Nachbarin, bei der die Fettabsaugung toll gewirkt hat?

Jens Spahns Vorstoß würde uns zurückkatapultieren in eine Zeit, in der überliefertes Wissen die wichtigste Leitschnur war. Im besten Falle wäre das nur teuer. Denn die Solidargemeinschaft müsste über ihre Krankenkassenbeiträge Therapien tragen, für die es vielleicht bessere Alternativen gäbe. Bei den ohnehin schon knappen Ressourcen würde das die Verteilungskämpfe noch deutlich verschärfen.

Im schlechtesten Fall wären die Folgen sogar lebensgefährlich. Denn nicht für jede Indikation ist eine zugelassene Therapie sinnvoll, sicher und gut. Fehlt die Risiko-Nutzen-Abwägung, fehlt auch die Grundlage für eine Therapieentscheidung. Zudem könnte eine ungeprüfte Behandlung vielleicht sogar einer nachgewiesen wirksamen Therapie vorgezogen werden - mit ungewissem Ausgang.

insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
leofabian 14.01.2019
1. Auweia
Unser Hans Dampf in allen Gassen macht sich wieder wichtig. Ohje. Wenn das nicht mal nach hinten los geht. Wenn Politiker den Ärzten reinreden wollen. Autsch.
dirkcoe 14.01.2019
2. Besser Sachverstand - statt Lobby
Vom bisher bewährten Modell zum Thema Kassenleistungen abzuweichen bedeutet für mich nur eins. Wie wir es von der Union nicht anders kennen und erwarten - die selbst völlig ahnungsfreier Minister knicken vor der Lobby ein. Bisher nicht durch Sachverstand aufgefallen, mutiert der Spahn gerade zur Marionette und wirkt nur noch peinlich. Kennen wir doch schon vom Clown Scheuer.
horstbra 14.01.2019
3. Unglaublich
Die Politik und besonders Herr Spahn sind ungeeignet, sich für die Versicherten einzusetzen. Das Gesundheitssystem krankt, weil die Politik sich einmischt. Zunächst sollte das für mich unlösbare Problem der Privatversicherung und der gesetzlichen Versicherung gelöst werden Vereantwortich für die Festsezung von neuen Leistungen sollte Ärtze und Versicherte sein.
biber555 14.01.2019
4. Teure zusätzliche Bürokratie
J.Spahn will nur diktieren und parallel eine zusätzliche Bürokratie schaffen...löst aber keine Probleme. Erst sollen alle zwangsweise Organe spenden, jetzt entscheiden nicht mehr Ärzte, sondern irgendwer, über Therapien. Wie wäre es denn mal mit Aufklärung zu Organspenden und Therapien, anstatt alles von oben herab zu diktieren?!
diorder 14.01.2019
5. Lobbyist der Pharmaindustrie
war Herr Spahn laut Wikipedia. Die Phsrmaindustrie will schon lange die Bundesagenturen und Gutachtergremien loswerden, um unbehelligt ihre Preise durchzubringen. Der Versuchsballon des martktliberalen Privatisierers die Fettabsaugung. Vorgeschoben : Die Fettleibigen, denen eine fundierte Studie mehr helfen könnte, als bisher unbekannt risikobehaftete Operationen.
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