Kontaktlinsen-Horror Das geht ins Auge

Jens Lubbadeh ist seit Jahren Brillenträger. Wieso eigentlich nicht mal Kontaktlinsen? Das Einsetz-Training beginnt. Und damit der Horror.

Der Kampf mit den Kontaktlinsen: Nun geh schon rein!
Corbis

Der Kampf mit den Kontaktlinsen: Nun geh schon rein!


"So und jetzt machen wir das Auge ganz weit auf. Schön weit."

Die Hand meiner Freundin kommt näher. Ihr Gesicht ragt groß vor mir auf. Sie schaut auf mein linkes Auge. An dessen Lidern zerre ich gerade mit beiden Händen.

"Schön offen lassen", sagt sie. Ihre Stimme wird etwas lauter. Ihr Zeigefinger wird etwas größer. Auf seiner Spitze balanciert etwas Kleines. Ich werde etwas nervöser.

"Schau genau auf die Linse", sagt sie. Jetzt streng.

Ich schaue genau auf die Linse. Meine Hände zerren das Auge noch immer weit auf. Aber es leistet Widerstand. 'Dieses Ding soll nicht hier rein!', sagt mein linkes Auge nicht, es schreit es. Doch der Lidschlussreflex ist übermächtig.

"Offen lassen!", schreit meine Freundin zwar nicht, aber sagen wäre auch das falsche Wort.

Plop.

Angst und Adrenalin

Es ist Tag zwei meines Kontaktlinsenunterrichts, dieses Mal wollte sie die Kontaktlinse für mich einsetzen. Aber es endet wie Tag eins - mit einer verknubbelten Linse an meinem unteren Lid, Adrenalin im Blut und Versagensgefühlen. Es hilft also auch nicht, wenn ein geliebter Mensch die Sache für mich erledigen will.

Meine Augen sind meine sensible Zone. Schon als Kind hatte ich beim Augenarzt Probleme, wenn er mir pupillenweitende Augentropfen einträufeln wollte. Bis heute kann ich mir Augentropfen nicht selbst applizieren. Ich träufele, es platscht auf meine Lider und ich reib's dann irgendwie mit den Fingern ins Auge. Peinlich, oder?

Und kennen Sie den Film "Minority Report"? Tom Cruise schlägt sich als Polizeibeamter in einer fiktiven Zukunft durch, in der die Polizei zukünftige Verbrechen vorhersehen und verhindern kann. Es gibt da diese unschöne Stelle, wo er sich in einem Hinterzimmer von einem Schwarzmarkt-Metzger die Augäpfel herauspropfen und austauschen lässt. Die haben da alle Retinascanner und er muss untertauchen.

Für mich der blanke Horror. Wie alles Herumgefummel, das die Natur nicht fürs Auge vorgesehen hat.

Hilfe auf YouTube

Tag drei. Diesmal bin ich vorbereitet. Auf YouTube habe ich mir Wackel-Anleitungsvideos von krassen Teenagerinnen reingezogen. Die schaffen das sogar mit langen Glitzerfingernägeln, ohne ihre Hornhäute zu zerfetzen.

Heißer Tipp von einem Mädel: Beim Einsetzen zur Seite schauen und die Linsen aufs Weiße drücken. Der Vorteil: Man sieht nichts und hat weniger Angst. Das ist es, denke ich, und schaue einfach zur Seite, als mein Zeigefinger mit der Linse kommt. "Entspann dich mal", sagt meine Freundin. Tu ich doch.

Plop.

Die Linse hängt verknubbelt an meinem unteren Lid. Ist zwar prima, wenn man die Linse nicht anfliegen sieht. Aber dann kann man halt auch nicht zielen.

Sie seufzt. "Aber immerhin hat die Linse schon dein Auge berührt", sagt sie. Immerhin, denke ich.

Der Erfolg

Tag vier. Das Fläschchen mit der Kontaktlinsenreinigungsflüssigkeit ist schon fast leer. War ich das? Ja, war ich, sagt mir ein missbilligender Blick meiner Freundin. Was denn? Hygiene ist wichtig. Heutige Strategie: Sie hält meine Lider fest und ich konzentriere mich aufs Andocken.

"Du musst dich zusammenreißen", sagt sie, und nimmt meinen Kopf in den Schraubstock. Zusammenreißen, genau. Nur eben nicht die Lider - das ist die Kunst.

Linse knapp vorm Auge. Jetzt gilt's, denke ich. Aber ich denke noch was: Wie krieg ich die eigentlich wieder raus? Was, wenn ich das nicht schaffe? Muss ich dann ins Krankenhaus?

Und Plop. Eine Linse hängt traurig am Rand.

Tag fünf. Die Linse schwebt auf meiner Zeigefingerspitze knapp vor dem Auge. Noch ein bisschen. Noch. Noch. Kontakt. Jaaaaaa.

Sie blinzelt. Sie lächelt. Drin. Endlich mal ein Erfolgserlebnis, denke ich.

Meine Freundin und ich haben uns darauf geeinigt, nach dem Erfolgserlebnis ein Spiel um den dritten Platz zu veranstalten. Um mich zu trösten, lässt sie mich ihre Linsen in ihre Augen einsetzen. Nur um mal das Feeling zu bekommen.

"Jetzt habe ich Lust auf Linsensuppe", sage ich. Sie lächelt - mit Tränen im Auge. Etwa meinetwegen?



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
zauselfritz 11.12.2014
1.
Verstehe nicht, wieso man da Angst haben kann. Das es sich für manche unangenehm anfühlt an den Glubschern rumzudrücken, ist halt so. Aber was soll schon passieren? Das Auge ist nun beileibe nicht so empfindlich, dass man es sich gleich raus- oder eindrückt wenn man eine Linse einsetzt... ;-) Wenn einem eine Mücke oder Dreck in die Sehschlitze fliegen, ist das fürs Auge viel traumatischer!
bingo` 12.12.2014
2. ein wenig übertrieben
Ich gebe zu, am Anfang ist es wirklich eine kleine Überwindung, sich ins Auge zu fassen. Aber das legt sich wirklich sehr schnell. Das sollte niemanden davon abhalten einmal Kontaktlinsen auszuprobieren.
gorontalo 12.12.2014
3. Jammerlappen
Hr. Lubbadeh, ich kann nur Ihrer Freundin beipflichten: Stellen Sie sich nicht so an! Der eigentliche Horror beginnt, wenn die Kontaktlinsen drin sind: die Augen trocknen schneller aus und brennen. Gerade in der Winterzeit. Es kann schneller zu Bindehautentzündungen kommen.
lindenbast 12.12.2014
4.
Wenn es als so unangenehm empfunden wird: da hätte ich eine ziemlich einfache Lösung. Bei der Brille bleiben! Mache ich seit einer zweistelligen Anzahl von Jahren und bin nach wie vor sehr zufrieden. Die Situationen, in denen Linsen wirklich deutliche Vorteile haben (Schnorcheln), sind ja doch nicht sehr zahlreich.
theforsaken 12.12.2014
5.
Völlig übertrieben. Augen sind so eine Sache bei mir, Augenverletzungen eine Horrorvorstellung. Aber mit Kontaktlinsen habe ich überhaupt keine Probleme. Am Anfang dauert es, aber mittlerweile (hab sie seit ich 14 bin, also seit 5 Jahren) kann ich sie ohne Probleme ohne Spiegel einsetzen. Also nur Mut, das wird schon ;)
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