Kostendruck statt Patientenwohl Ärzte fordern grundlegende Krankenhausreform

"Rettet die Medizin" appellieren 215 Ärzte und 30 Organisationen im "Stern" an den Staat. Sie stellen fest: Der Kostendruck schadet der Gesundheitsversorgung massiv, das Patientenwohl wird der Ökonomie untergeordnet.

Krankes System: Profit statt Patientenwohl
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Krankes System: Profit statt Patientenwohl


Der Kostendruck in Kliniken steigt, und Patienten erhalten bestimmte Therapien häufig aus rein wirtschaftlichen Gründen. Gegen dieses "Diktat der Ökonomie in unseren Krankenhäusern" stemmen sich 215 Ärzte in der aktuellen Ausgabe des Magazins "Stern". Gemeinsam mit 30 Organisationen appellieren die Mediziner an die Bundesregierung: "Der Staat muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge gewährleistet ist." Die Führung einer Klinik gehöre in die Hände von "Menschen, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten".

Hintergrund des Aufrufs ist die Sorge vieler Ärzte, die Patienten trotz Hochleistungsmedizin nicht gut versorgen und auch nicht mehr für ihre Sicherheit garantieren zu können. Dass die Notaufnahmen überfüllt sind und Ärzte zu häufig zum Skalpell greifen, ist längst bekannt.

Das Problem aber bleibt: In vielen Krankenhäusern leiten Ökonomen nicht nur das Unternehmen, sie sind als kaufmännische Direktoren auch den ärztlichen Leitern übergeordnet. Damit stehe der Profit zu oft über einer sinnvollen, guten und nachhaltigen Versorgung der Patienten. (Lesen Sie hier über Asklepios-Kliniken: "Der kranke Konzern").

Wie Geld die Therapieentscheidung beeinflusst

Viele Ärzte machen dem Bericht zufolge ein weiteres Problem für die Missstände verantwortlich: die bereits vor 16 Jahren eingeführten Fallpauschalen. Dieses Vergütungssystem sieht vor, dass Krankenhäuser für erbrachte Leistungen bezahlt werden. Je mehr Leistungen, desto mehr Geld. Zudem wird neben der Quantität auch die Qualität bemessen und die Untersuchungen und Therapien unterschiedlich honoriert. Das wiederum beeinflusst die Therapieentscheidung.

Der Internist Arndt Dohmen beschreibt die Fehlanreize im "Stern" am Beispiel eines Diabetikers, dem aufgrund von offenen Wunden an den Fußsohlen eine Amputation droht. "Im Fallpauschalensystem lässt sich die aufwendige konservative Behandlung schlecht abrechnen, es gibt etwa 3000 Euro", so Dohmen. "Einfach abschneiden, drastisch gesprochen, ist mit mehr als 10.000 Euro erheblich lukrativer."

Diese Missstände wollen die Mediziner nicht mehr länger hinnehmen. Ihre Forderungen:

  • Das Fallpauschalensystem müsse ersetzt oder reformiert werden
  • Die ökonomisch gesteuerte Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müsse gestoppt werden
  • Der Staat müsse Krankenhäuser besser planen und ausstatten

Der Appell der Ärzte reiht sich ein in eine Kette von Initiativen und Erhebungen, die sich mit dem Problem des Kostendrucks in deutschen Kliniken beschäftigen. So hatte der Deutsche Ethikrat bereits 2016 kritisiert, dass am Patientenwohl gespart werde. Auch der Mediziner Karl-Heinz Wehkamp konstatierte 2017 nach der Veröffentlichung der Ergebnisse einer Ärztebefragung: "Eine Gefährdung der Patienten wird in Kauf genommen." Und eine junge Medizinerin berichtete 2018 im SPIEGEL, warum sie sich bereits nach einem Jahr Arbeit in einer Klinik desillusioniert fragte: "Was für eine Ärztin bin ich bloß geworden?"

hei

insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
jujo 05.09.2019
1. ....
Die Medizin und der Staat haben sich seit Beginn der Privatisierung zum Büttel der Ökonomie gemacht. Hätte man 5 Minuten nachgdacht hätte man wissen können wie das läuft. Das gilt nicht nur für das Gesundheitswesen!
Hokuspokus 05.09.2019
2. Zum Glück..
..gibt es diese Ärzte, die ein Gewissen und ein ethisches Verständnis ihres Berufs haben. Großes Lob hierfür. Zu viele in diesem Gesundheitsbetrieb haben innerlich gekündigt oder schnippeln sich rücksichtslos zum nächsten Porsche hoch. Die Patienten wissen aber meist gar nicht was hinter den Kulissen abgeht. Meine Empfehlung: Man wende sich mal wieder den vielen meist unattraktiven, öffentlichen Krankenhäusern zu, statt sich vom Glanz der privaten Fließband-Medizin-Fabriken blenden zu lassen - da geht es meist nur ums Geld! Und ist der Fuß erst mal ab, hilft diese Erkenntnis wenig....
Gerwien 05.09.2019
3. Luxusproblem
Deutschland ist eines der am Besten mit Krankheitsdienstleistungen versorgten Land der Welt. Hier die Medizin retten zu wollen, mutet seltsam weltfremd an. Wäre völlig obsolet, wenn die Mediziner nicht soviel Arbeitszeit auf die Pflege ihres Standesdünkels verwenden würden und diese Zeit am Patienten verbringen würden. Ein Allgemeinmediziner verbringt heute mehr Zeit mit der Pflege der Krankenkassenadministration und weiterer Verwaltungsarbeit als mit Patienten.
stefanreuther 05.09.2019
4. Das ist jetzt aber nichts neues, oder ?
Ich beobachte diese Entwicklung schon seit Jahren. Überall da, wo es um Grundversorgung geht, also z.B. Wasser, Müll, Gesundheit, Bahn, Pflege etc. darf es nicht um Gewinn gehen. All diese Felder dürfen eigentlich nicht von Unternehmen bedient werden (wo es ja bekanntermaßen um Gewinne geht). Sobald in diesen Segmenten privatisiert wurde, ging es in die Hose, wurde alles mindestens schlechter. Ich bin beileibe kein Sozi oder Kommunist, aber solche Dinge gehören in öffentliche Hand, weil das alles von öffentlichem Interesse ist!
scgtef 05.09.2019
5. Das Schlimmste sind die Zigtausend Toten durch Krankenhauskeime.
Vor allem, wenn nur aus finanziellen Gründen operiert wird. Das ist zutiefst unmoralisch, ja verbrecherisch.
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