Behandlungszahlen in Kliniken "Nicht jedes Haus muss alles machen"

In deutschen Krankenhäusern werden immer mehr Patienten in immer kürzerer Zeit behandelt und die Zahl der Betten sinkt. Der Chef von Deutschlands größter Krankenkasse moniert: Die Kliniken hätten falsche Anreize.

Klinikbett: Zu viele Krankenhäuser, zu viele Betten?
DPA

Klinikbett: Zu viele Krankenhäuser, zu viele Betten?


Wiesbaden/Hamburg - Patienten werden in deutschen Kliniken von mehr Personal in kürzerer Zeit behandelt, auch die Zahl der Betten sinkt - behutsam - weiter. Die bessere Auslastung der Häuser geht aus den am Mittwoch vorgestellten vorläufigen Eckdaten des Statistischen Bundesamtes zur Krankenhausstatistik 2012 hervor.

Nach den Zahlen wurden in den 2017 deutschen Krankenhäusern rund 18,6 Millionen Patienten stationär behandelt. Dafür stehen mit mehr als 501.000 Betten nur 540 weniger bereit als im Vorjahr; bei steigenden Behandlungs- und Personalzahlen bleibt die Zahl der verfügbaren Betten also nahezu konstant. Anfang der neunziger Jahre dagegen lag die Bettenzahl noch deutlich höher: 1991 gab es knapp 666.000.

Weiter abgenommen hat auch die Aufenthaltsdauer von Patienten in den Kliniken: 2011 lag der Durchschnitt noch bei 7,7 Tagen, 2012 bei nurmehr 7,6 Tagen. Im Vergleich zu 2011 wurden 1,5 Prozent mehr Patienten stationär behandelt. Das Klinikpersonal wuchs bei den Ärzten um 2,7 Prozent auf knapp 143.000, das nichtärztliche Personal um 3,3 Prozent auf mehr als 709.000 Mitarbeiter. Das ergibt in der Summe rund 852.000 sogenannte Vollkräfte, das sind die auf Vollzeitstellen umgerechneten Beschäftigtenzahlen.

Arbeitsteilung bei den Kliniken

Der Vorstandsvorsitzende der Barmer-GEK, Christoph Straub, kritisiert diese Entwicklung. "Die Trends im Krankenhaus sind seit Jahren stabil: steigende Fallzahlen, zurückgehende Verweilzeiten und etwas weniger Krankenhausbetten", sagt Straub SPIEGEL ONLINE. "Keine Frage, viele Krankenhäuser sind in den letzten Jahren deutlich effizienter geworden. Allerdings gibt es weiterhin deutlich zu viele Fehlanreize und Strukturprobleme."

Reformen seien notwendig, es gehe neben dem Mengenproblem um die Qualitätssicherung. Finanzierung und Planung sollten sich an der Versorgungsqualität orientieren.

"Wenn eine stärkere Orientierung am Versorgungsbedarf, eine Dämpfung der Mengenentwicklung und eine Förderung der Qualität gewollt sind, brauchen Krankenkassen endlich auch die Möglichkeit, Direktverträge mit Krankenhäusern abzuschließen", fordert Straub. "Die Krankenhäuser müssen verstärkt auf Arbeitsteilung setzen. Nicht jedes Haus muss alles machen."

Krankenhausstatistik 2012

2012 2011
Krankenhäuser 2017 2045
Betten 501.489 502.029
Berechnungs-/Belegungstage 142.011.775 141.676.000
Patienten (Fallzahl) 18.620.595 18.344.156
Durchschnittliche Bettenauslastung (Prozent) 77,4 77.3
Durchschnittliche Verweildauer (Tage) 7,6 7,7
Ärztliches Personal (Vollkräfte) 142.803 139.068
Nichtärztliches Personal (Vollkräfte) 709.041 686.127
davon Pflegepersonal (Vollkräfte) 312.962

Quelle: Statistisches Bundesamt, Eckdaten der Krankenhausstatistik 2012, Einrichtungen, Betten und Patientenbewegungen und Ärztliches und nichtärztliches Personl.

Zwar stehe die Ökonomisierung der Medizin in der Kritik, doch in einem solidarisch finanzierten Gesundheitswesen seien Überkapazitäten schädlich.

Gegenüber 2011 gab es nach Angaben der Statistiker 2012 insgesamt 28 Kliniken weniger. Allerdings erfasst die Statistik nicht, ob die Häuser geschlossen wurden oder mit einer anderen Klinik fusioniert haben. Nach einem Bericht des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und des Beratungsunternehmens Accenture ist jedes vierte deutsche Krankenhaus von der Insolvenz bedroht.

Boris Augurzky, Klinikexperte am RWI, hält die Schließung von Häusern für unausweichlich, wobei Zusammenschlüsse hilfreich sein könnten. "Die entscheidende Frage ist: Wie kann ich die Fixkosten von kleineren Häusern auffangen?", sagte Augurzky. Befürchtungen, die Versorgung der Bevölkerung auf dem Land könnte in Gefahr sein, hält er für unbegündet. "Die Nähe hilft nicht in jedem Fall" - manchmal könne ein Hubschrauber für den Transport in große, gut ausgestattete Kliniken günstiger sein, als auf dem Land ein Haus mit Operationssaal vorzuhalten. Pauschale Lösungen gebe es aber nicht.

Die Koalition hat in diesem Jahr auf die finanzielle Notlage vieler Kliniken reagiert: Seit Sommer bekommen alle Krankenhäuser eine Finanzspritze von 1,1 Milliarden Euro. Damit steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Kliniken laut GKV-Spitzenverband allein 2013 auf einen Rekordwert von geschätzten 64,7 Milliarden Euro.

Das Geld könne die Probleme zwar lindern, aber nicht endgültig lösen, sagt Augurzky. "Es ist immerhin besser als nichts." Mittelfristig kämen die Schwierigkeiten wieder, wenn nicht strukturell etwas geändert werde. Allerdings ist die Krankenhausplanung Ländersache, und es gibt in den Regionen viel Widerstand gegen Schließungen und Zusammenschlüsse.

In Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungen wurden 2012 knapp zwei Millionen Patienten stationär behandelt. Dabei standen in 1215 Einrichtungen rund 169.000 Betten zur Verfügung. Bei den Krankenhäusern steht jedes zweite Bett in der Klinik eines öffentlichen Trägers (47,9 Prozent). Der Anteil von Betten bei privaten Trägern nimmt allerdings weiter zu, er liegt bei 18 Prozent. Anders verhält es sich bei den Vorsorge- und Reha-Einrichtungen: Hier stehen fast zwei Drittel aller Betten (65,9 Prozent) bei privaten Trägern.

dba/dpa/AFP

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
mystyhax 28.08.2013
1. Wachstum wohin????
Zitat von sysopDPAIn Deutschlands Krankenhäusern werden mehr Patienten in weniger Betten behandelt. Die Behandlungsdauer in den Kliniken sinkt immer weiter, die Auslastung steigt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krankenhaeuser-mehr-patienten-mehr-personal-weniger-betten-a-919030.html
Ich würde mal gerne wissen wo das Wachstum bei den Vollzeitpflegekräften herkommt In der Statistik ist hiervonnix zu sehen. Hier sieht man keine Vergleichsdaten? Warum? Das Aufblähen des Wasserkopf interessiert mich eher weniger. Auf eine Vollzeitkraft Pflegekraft kommen lt. Statistik 60 Patienten. Das ist genau das was zählt. Wenn ich mir nun überlege das ein nicht zu vernachlässigender Anteil dieser Patienten morgens versorgt, gewaschen und mit Medikamenten versorgt werden muss dann kann man sich vorstellen was so abgeht. Aber weiter so! Man wirbt ja nun in Spanien, Osteuropa und China für billigen Nachschub. Bei uns in Deutschland verdient selbst der Fliesenleger mehr als examiniertes Pflegepersonal. Wenn Sie dem 10 Euro netto die Stunde anbieten dann schaut der sie ganz komisch an. Hauptsache der Wasserkopf und die Industrie wird versorgt. Na denn! Gut Nacht!
Ze4 28.08.2013
2. BWL-Sprech
- Mehr Patienten in weniger Betten - Behandlungsdauer sinkt - Auslastung steigt Dann ist ja alles in Ordnung in der Beutelschneider-Branche. Und wie sieht es mit den Kernkompetenzen aus, um mal bei diesem Sprech zu bleiben? Eigene Erfahrung: Mein Zimmernachbar bekommt Pillen vorgesetzt, die für jemand anders bestimmt waren. Zum Glück hat er es selbst bemerkt. Gespräch mit dem Krankenpfleger: Das darf natürlich nicht, kann aber schon mal vorkommen, schließlich bin ich hier allein für die Abteilung zuständig, einschließlich Klopapier auffüllen. Naja, Hauptsache die Zahlen stimmen.
emma 28.08.2013
3. 500 von Insolvenz bedrohte Krankenhäuser
Zitat von sysopDPAIn Deutschlands Krankenhäusern werden mehr Patienten in weniger Betten behandelt. Die Behandlungsdauer in den Kliniken sinkt immer weiter, die Auslastung steigt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krankenhaeuser-mehr-patienten-mehr-personal-weniger-betten-a-919030.html
"Nach einem Bericht des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und des Beratungsunternehmens Accenture ist jedes vierte deutsche Krankenhaus von der Insolvenz bedroht." Ich frage mich gerade, ob über 500 von Insolvenz bedrohte Krankenhäuser nicht einen gut recherchierten Artikel wert sind, der über solche Zahlenspiele hinaus geht. So kurz vor der Wahl wäre es auch sehr interessant zu wissen, wie die Parteien mit diesem gesundheitspolitischen Desaster umgehen, wie sie diese Versorgungskatastrophe abwenden wollen. Die Verkürzung der Liegezeiten war ja ein wichtiges Ziel bei der Einführung der DRG-Abrechnung 2003 durch die rot-grüne Regierung Schröder, für die Reduzierung des Pflegepersonals hat dann schwarz-gelb gesorgt. Derweil wird in den Kliniken übrigens schon mit ganz anderen Zahlen gehandelt: 5 Tage durchschnittlich pro 'Fall' in der Supramaximalversorgung werden inzwischen für möglich gehalten, anders können die Krankenhäuser wohl kaum überleben. Was das für die Patienten und das Personal bedeutet, mag ich mir nicht ausmalen.
!!!Fovea!!! 28.08.2013
4.
Zitat von sysopDPAIn Deutschlands Krankenhäusern werden mehr Patienten in weniger Betten behandelt. Die Behandlungsdauer in den Kliniken sinkt immer weiter, die Auslastung steigt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/krankenhaeuser-mehr-patienten-mehr-personal-weniger-betten-a-919030.html
Alles richtig, aber wer erklärt dem mündigen Leser, der keinen Einblick in die Krankenhäuser (außer als Patient) hat, warum drei Wochen mit kontrollierter Beatmund mit ca. 120.000.-€ inkl. OP zu Buche schlägt?
woschplay 28.08.2013
5. Wann....
hat ein Mitarbeiter des statistischen Bundesamtes letztens in einem Krankenhaus gearbeitet? Die Statistik würde anders ausfallen. Weniger Betten, mehr Patienten, mehr Arbeit....und das alles mit weniger und älterem Personal. - Achja, die Bezahlung steigt auch nicht, zumindest nicht beim nichtärztlichen Personal!
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