Sepsis-Studie Tausende Patienten sterben unnötig

Bakterien fluten den Körper, das Immunsystem streikt: An einer Blutvergiftung sterben jährlich rund 60.000 Menschen in Deutschland. Doch nach SPIEGEL-Informationen könnten Tausende Sepsis-Tote noch leben - denn Patienten erhalten rettende Medikamente oft zu spät.
Patient auf Intensivstation: Die Sepsis-Behandlung muss so schnell wie möglich beginnen

Patient auf Intensivstation: Die Sepsis-Behandlung muss so schnell wie möglich beginnen

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Bei der Blutvergiftung muss es schnell gehen: Mit Antibiotika bekämpfen Ärzte die Bakterien im Blutstrom, sie unterstützen den Kreislauf, häufig müssen sie Patienten beatmen. Erkennen die Mediziner die Gefahr schnell und bekämpfen sie den Sepsis genannten Zustand konsequent, haben Patienten eine Chance zu überleben.

Eine neue, noch unveröffentlichte Studie aus Jena zeigt jetzt, dass genau die lebensrettende Antibiotikatherapie in Deutschland häufig zu spät kommt: Viele der rund 150.000 Patienten in Deutschland, die jährlich an einer Sepsis erkranken, erhalten die Medikamente viel zu spät, berichtet der SPIEGEL aus einer noch unveröffentlichten Studie aus Jena. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Untersuchung zeigt, dass nur ein knappes Drittel der Patienten an den über vierzig untersuchten deutschen Krankenhäusern die Behandlung innerhalb der ersten Stunde bekamen, nachdem Symptome für die Blutvergiftung auftraten.

Ärzte nennen diese erste Stunde die "goldene Stunde", in der die Überlebensrate bei Patienten mit beginnendem Kreislaufversagen - dem septischen Schock - mit rund 80 Prozent am besten ist. Mit jeder weiteren Stunde, die verstreicht, sinken die Chancen der Patienten beträchtlich. Doch die Therapie begann in etwa einem Viertel der in der Jenaer Studie untersuchten Fälle erst nach ein bis drei Stunden. Dann liegt die Überlebensrate bereits nur noch bei 70 Prozent.

Sepsis - Tod im Zeitraffertempo

Bei etwa zwölf Prozent der betrachteten Fälle dauerte es sogar über zwölf Stunden, bis die Ärzte mit der Antibiotikatherapie begannen - nicht einmal jeder fünfte Patient überlebt zu diesem Zeitpunkt noch seine Blutvergiftung. Nach 24 Stunden sterben neun von zehn Patienten.

"Diese Zahlen offenbaren ein gewaltiges Problem", sagte der Studienleiter Konrad Reinhart, Anästhesist am Universitätsklinikum Jena, dem SPIEGEL. 5000 bis 10.000 Patienten, schätzt er, könnten in Deutschland jährlich gerettet werden, wenn die Ärzte rechtzeitig mit der Behandlung einer Sepsis beginnen würden. "Jede Stunde", sagt Reinhart, "rettet Leben!"

An einer Sepsis erkranken Patienten zum Beispiel nach Operationen, als Folge von Lungenentzündungen oder Harnwegsinfekten. Grundsätzlich kann jede offene Wunde zur Eintrittspforte für Bakterien werden, ein kleiner Kratzer an der Haut reicht in seltenen Fällen. Als Folge der Infektion versagt nach und nach der Kreislauf der Patienten, Mediziner können dagegen mit Medikamenten ankämpfen. Zudem braucht der Körper große Mengen Flüssigkeit, weil die Erreger die Gefäße schädigen. Gelingt es nicht, die Bakterien - in seltenen Fällen auch Pilze - zu bekämpfen, versagen irgendwann die Organe und der Patient stirbt.

Diese Meldung stammt aus dem aktuellen SPIEGEL. Mehr über Blutvergiftungen und wie jährlich die Leben Tausender Patienten gerettet werden könnten, lesen Sie in der digitalen Ausgabe des SPIEGEL.

dba
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