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Gesundheit in Deutschland: Auf dem Hosenboden

Foto: Tobias Kleinschmidt/ dpa

Krankenkassen-Report Deutsche sitzen zu viel herum

Sitzenbleiber Deutschland: Erwachsene verbringen hierzulande 7,5 Stunden am Tag auf ihrem Hosenboden - vor allem beim Fernsehen. Die Umfrage der Krankenversicherung DKV zeigt, dass Kinder sich das ungesunde Verhalten abschauen.

Hamburg - Wir sitzen zu viel und bewegen uns zu wenig: Nur etwa jeder Zweite in Deutschland bringt es auf die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche. Gleichzeitig verbringen wir werktags 450 Minuten im Sitzen, und Kinder kopieren das ungesunde Verhalten. Das sind die Ergebnisse einer am Montag veröffentlichten Umfrage, die das Marktforschungsinstitut GfK im Auftrag der Krankenversicherung DKV und der Sporthochschule Köln gemacht hat.

Unter der Fragestellung "Wie gesund lebt Deutschland?" wurden telefonisch mehr als 3000 Versicherte befragt. Zudem gab es Telefoninterviews mit über 300 Eltern zum Sitzverhalten und Medienkonsum ihrer Kinder. Untersucht wurden die Teilnehmer nicht. Daher gab es für die Forscher keine Möglichkeit zu kontrollieren, ob die Antworten der Realität entsprechen.

Für ihre Studie definierten die Autoren verschiedene sogenannte Benchmarks (s. Kasten), die einen gesunden Lebensstil auszeichnen.

Den Umfrageergebnissen zufolge halten 57 Prozent der Teilnehmer den eigenen Zustand für gesund. Tatsächlich erreicht aber nur etwa einer von zehn alle Benchmarks (14 Prozent der Frauen, 9 Prozent der Männer). "Knapp 90 Prozent der Bevölkerung könnten ihren Lebensstil also deutlich gesünder gestalten", schreiben die Autoren im DKV-Report 2015.

Die Studie im Detail

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Frauen leben gesünder: Weniger Frauen rauchen (78 Prozent weibliche, 74 Prozent männliche Nichtraucher), sie trinken weniger Alkohol, fast drei von vier Frauen essen täglich Obst und Gemüse und mehr als die Hälfte nimmt Vollkornprodukte zu sich.

Je älter die Menschen, desto gesünder ihr Lebensstil: In der Altersgruppe über 66 nehmen sich die Befragten beispielsweise Zeit für drei Mahlzeiten (59 Prozent), sie trinken bis zu drei Liter am Tag (62 Prozent) und verzichten dabei meist auf Cola und Limonade (84 Prozent). Außerdem sind 89 Prozent der Älteren den Angaben zufolge Nichtraucher. Im Alter zwischen 30 und 45 Jahren halten die Befragten ihren Lebensstil am wenigsten häufig für gesund.

Am gesündesten leben Menschen mit mittlerer Reife: 13 Prozent von ihnen erreichen alle fünf Benchmarks. Zwar geben mehr Akademiker an, wenig Alkohol zu trinken (86 Prozent) und sich gesund zu ernähren (49 Prozent), dafür bewegen sich aber nur 41 Prozent von ihnen ausreichend. Bei den Teilnehmern mit Hauptschulabschluss sind es nur 40 Prozent, die sich gesund ernähren. Bezüglich des Stressempfindens zeigte die Umfrage keine Unterschiede zwischen den Bildungsgraden.

Das Gehalt verändert das Gesundheitsverhalten: Während weniger Top-Verdiener mit einem Nettohaushaltseinkommen von mehr als 2500 Euro pro Monat rauchen (78 Prozent Nichtraucher), trinken viele von ihnen zu viel (16 Prozent). Die übrigen 84 Prozent sagen, sie trinken nur gelegentlich moderate Mengen. Bei den Geringverdienern mit einem Haushaltseinkommen von weniger als 1500 Euro pro Monat sagen das immerhin 91 Prozent von sich selbst.

Die Angaben der beiden Gruppen spiegeln allerdings nicht unbedingt die Realität wider und offenbaren eine entscheidende Schwäche der Studie: Die Ergebnisse beruhen lediglich auf Selbstaussagen. Es ist bekannt, dass kaum einer von sich selbst sagt, er trinke zu viel oder sei gar Alkoholiker. Der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge stehen 27 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an der Schwelle zum Alkoholismus.

Die körperliche Aktivität nimmt mit steigendem Bildungsgrad ab: Das liegt bei Akademikern hauptsächlich daran, dass sie bei der Arbeit kaum körperlicher Belastung unterliegen. In der Freizeit verhält es sich umgekehrt: Akademiker und Menschen mit Abitur machen mehr Sport und bewegen sich deutlich häufiger zu Fuß oder mit dem Fahrrad als Menschen mit Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss.

Wir sitzen am meisten beim Fernsehen: Durchschnittlich sitzen die Befragten 7,5 Stunden am Tag - die meiste Zeit davon vor dem Fernseher. Erst an zweiter Stelle steht die Zeit, die die Teilnehmer sitzend bei der Arbeit verbringen. Männer sitzen werktags 45 Minuten länger als Frauen. Am Wochenende verringert sich die Sitzdauer auf sieben Stunden. Insbesondere Jüngere (18 bis 29 Jahre) sitzen werktags viel am Computer, dafür in der Freizeit aber weniger.

Langes Sitzen wird als eigenständiger - und von moderater Aktivität unabhängiger - Risikofaktor für Krankheiten und einen vorzeitigen Tod gehandelt. Die WHO schätzt, dass jährlich weltweit etwa 3,2 Millionen Menschen vorzeitig sterben , weil sie sich zu wenig bewegen. Eine australische Untersuchung mit mehr 63.000 Männern  hatte im vergangenen Jahr ergeben, dass Menschen, die täglich mehr als vier Stunden sitzen, deutlich häufiger unter chronischen Krankheiten leiden.

"Jedes zweite Kind bewegt sich zu wenig", sagt DKV-Chef Clemens Muth. "Kinder wachsen praktisch im Sitzen auf und kopieren den ungesunden Lebensstil ihrer Eltern." Neben dem Schulunterricht ist Fernsehen der häufigste Grund für das viele Sitzen: 93 Prozent der Kinder schauen an allen Werktagen Fernsehen, 60 Prozent sogar mindestens eine Stunde pro Tag. Am Wochenende gucken vier von fünf mehr als eine Stunde fern, einer von fünf sogar mehr als drei Stunden. Auch die Zeit, die Kinder mit Computerspielen verbringen, nimmt Samstag und Sonntag zu. Je älter die Kinder werden, desto höher fällt ihr Medienkonsum aus und desto uneingeschränkter wird ihr Zugang dazu.

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